LESUNGUlrich Gutmair „Die ersten Tage von Berlin“ : Ein Fest fürs Leben

Vielleicht ist es wirklich so, wie es Ben de Biel in Ulrich Gutmairs Buch „Die ersten Tage von Berlin“ sagt: „Wer das erleben durfte, kann sich glücklich schätzen, so was gibt’s nur einmal im Leben. Das war mir klar, als ich 1990 nach Berlin kam.“ Ob man sich aber der Einzigartigkeit des historischen Augenblicks Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre gerade in Mitte wirklich so bewusst war? Das sei dahingestellt. Jedenfalls war damals alles neu, aufregend und in Mitte alles unberührt, aufgegeben, ein Abenteuerspielplatz vor allem für Neuberliner, gerade im Clubleben. Was es seinerzeit nicht gab, woran keiner gedacht hat, bewusst oder unbewusst: die Zeit auch schriftlich zu dokumentieren, Fotos zu machen, das Ganze irgendwie gegenwartsnah festzuhalten.

All das wird jetzt nachgeholt, gut 20 Jahre danach, in Büchern wie Felix Denks und Sven von Thülens „Der Klang der Familie“ oder eben von Gutmair. Der hat für sein Buch Leute wie Ben de Biel, ehemals Betreiber der Maria am Ostbahnhof, den Künstler Daniel Pflumm, ehemals Betreiber des Elektro, Hausbesetzer wie Slavko Stefanoski oder eine einstige Mitarbeiterin der Wohnungsbaugesellschaft Mitte und viele mehr befragt und rekonstruiert mit ihnen die ersten Jahre nach dem Mauerfall. Das ist alles rund und intensiv erzählt, hat einen genauso politischen wie popistischen Anspruch und beschwört die goldene Zeit herauf, bewahrt aber auch manches Geheimnis. Dass nicht alles erzählt worden sei, gerade vor dem Mikro, so Gutmair am Ende, speise sich aus dem Verdacht, „dass Historisierung uns von unseren Erfahrungen abschneidet“. Gerrit Bartels

Café Sibylle, Di 3.12., 19.30 Uhr, Eintritt frei

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