LESUNGUwe Timm „Vogelweide“ : Fallende Männer

In Uwe Timms neuem Roman „Vogelweide“ gibt es ganz wunderbare Passagen, die auf der Insel Scharhörn spielen. Scharhörn liegt im Mündungsbereich der Elbe, in Sichtweite der Nachbarinsel Neuwerk, ist aber anders als Neuwerk unbewohnt, nur ein Vogelwart lebt hier. Genau diesen Posten übernimmt übergangsweise Timms Held Eschenbach, der nach einer erfolgreichen Karriere mit einer Softwarefirma Bankrott gemacht hat und nun für einen Reisebuchverlag Stadt- und Landschaftsführer redigiert, um sich über Wasser halten zu können. „Er war jetzt Sammler von ein paar Daten über Vogelflug und -arten, über Wetter und Gezeiten, Wasser und Watt, ein Beschreiber war er und nichts weiter.“

Mit viel Hingabe beschreibt Timm, was sich auf der Insel so tut, vom Ruf der Sumpfohreulen über den Falken (ein Einsiedler, wie Eschenbach) bis hin zu den Wolkenformationen über der Insel. Oder was Eschenbach so liest, nämlich, symbolisch arg dick aufgetragen, Don DeLillos „Falling Man“. Das Inselgeschehen ist allerdings nur der Rahmen für die Liebes- und Paargeschichte, die „Vogelweide“ bestimmt. Eschenbach erhält einen Anruf von Anna, die ihn auf Scharhörn besuchen will. Jahre zuvor hatte er eine Affäre mit ihr. In der Folge erinnert er sich an diese Liebe, die zwei Paare auseinanderbringt, ihn und Selma, Anna und Ewald, wie sie zustande kam, wie überhaupt sein Leben bis zu seinem Bankrott verlief. Das alles erzählt Timm zunächst leicht und souverän, später betulich, gerade in Sachen Liebe, und auch thematisch etwas ausfasernd. Wer im Übrigen Timms 2011 erschienene Novelle „Freitisch“ kennt, ahnt, dass diese die Vorarbeit für „Vogelweide“ war. Gerrit Bartels

Akademie der Künste am Pariser Platz, Di 27.8.,

20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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