Zeitung Heute : Lettland: Die Friedenstaube von Riga

Robert Rimscha

Genau 800 Jahre ist Riga alt. 800 Jahre, in denen die Deutschen und die Russen kamen, die Polen und die Schweden. Die meisten blieben lange, viel zu lange, wenn man die Letten fragt. Johannes Rau kommt nur kurz, um das Stadtjubiläum zu feiern. Er ist zum ersten Mal in Riga. Am Sonnabend steht sein Wagen am Rand der Altstadt, und die goldgelbe Standarte mit dem Bundesadler weht vor dem "Museum der Besetzung Lettlands 1940 - 1991".

Rau sitzt drinnen im Schwarzhäupterhaus, einem wiedererrichteten Prunkbau aus dem 14. Jahrhundert, und spricht mit den Oberhäuptern der drei baltischen Staaten. Die Gastgeberin, die aus dem kanadischen Exil in die alte Heimat zurückgekehrte Präsidentin Vaira Freiberga, hebt das Glas und sagt: "Balten und Deutsche teilen gemeinsame Werte und gemeinsame Ziele." Die EU- und die Nato-Mitgliedschaft seien nicht nur strategische Ziele der politischen Führung, sondern Herzenswünsche "der ganzen Gesellschaft". Und sie sagt: Auf Deutschlands Hilfe "verlassen wir uns".

Sie wollen etwas, die Balten. Rau spricht von einer starken Fixierung auf die Bundesrepublik und Skandinavien. Es gebe "einen außerordentlichen Erwartungsdruck auf Deutschland". Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt konnte er ein Stück der jüngsten baltischen Geschichte besichtigen: Draußen am Flughafen stehen noch ein Wrack von Aeroflot und vergammeltes Kriegsgerät - die Vorzeit. Entlang der Autobahn werben Siemens und die Vereinsbank für sich - die Zukunft. Ende September tagt hier ein "E-Business Forum". Im Zentrum residiert jetzt VW in jenem Haus, das zu Sowjetzeiten ein übergroßes Breschnew-Porträt auf der Fassade trug. Wobei Breschnew ein Problem war, denn bei den vielen Orden, die der KPdSU-Chef verliehen bekam, wurde die gemalte Brust bald zu klein. So bauten die Wandmaler an und machten den Oberkommunisten ein wenig dicker, auf dass die Orden Platz fanden. Einen solchen Umgang mit fremden Mächten lernt man in 800 Jahren.

"Wer sind wir?" und "Wo gehören wir hin?" - diese Fragen sind für die Balten immer noch offen. Klar ist nur eins: Wer sie sein und wo sie verankert sein wollen, wissen sie genau. Sie wollen ein Teil Mitteleuropas sein. Und Freibergas Chef-Außenpolitikberater hat auch die Prioritäten deutlich gemacht: Die Nato-Mitgliedschaft hat Vorrang. Ende 2002, beim Gipfel in Prag, erwarten die baltischen Staaten, dass sie eingeladen werden, dem Bündnis beizutreten. "Ein Gefühl der Sicherheit ist für die Balten erst gegeben, wenn sie im europäischen Verbund sind", sagt Rau.

Spricht man von der Republik der Letten als ehemaligem Bestandteil der Sowjetunion, reagieren sie pikiert. Und "außerordentlich sensibel" sind sie, wie Rau sagt, wenn Deutschland die russische Position gegen den Beitrittswunsch der Balten abwägt. Alt- Kanzler Kohl hatte mit seinem ersten Besuch in Riga aus Rücksicht auf Russland bis 1998 gewartet. Dann, beim Bummel durch die große Stadt mit den zahlreichen renovierten Fassaden, trieb ihm die Rührung Tränen in den Augen. Ihr könnt Moskau gegenüber auch ruhig mal kräftig auftreten, bekommt Rau jetzt zu hören.

Die anderen Russen, jene in Lettland, gut ein Drittel der Bevölkerung, haben einen Sonderpass - obwohl es für sie leichter geworden ist, die lettische Staatsangehörigkeit zu bekommen. Vor ein paar Monaten hat Riga, auch auf europäischen Druck hin, die Sprachprüfung entschärft. Neuerdings reichen Grundkenntnisse. Aber Präsidentin Freiberga ist verwundert, warum es noch immer so wenige Einbürgerungen der Russischstämmigen gibt.

Ein paar junge Radikale, Nationalbolschewisten genannt, kämpfen gegen Lettlands Unabhängigkeit. Gegen einige von ihnen wurden lange Haftstrafen verhängt. In Umfragen sagen die meisten Letten, die Strafen seien zu hart. Sie halten die Radikalen für eher harmlose Kämpfer, die im Winternebel Kirchtürme erstürmen, aber ihre Megaphone vergessen. Ohnehin hört ja keiner ihre Parolen, und ihre roten Fahnen strahlen nicht im trüben Himmelsgrau.

Wer das Bild einer zerrissenen Nation in schizoiden Identitätskämpfen erwartet, der täuscht sich. Lettland atmet auf, und es feiert. Riga tanzt; die Boulevards haben sich in ein Meer aus Folkloregruppen verwandelt. Riga promeniert; die Jugend zeigt, durchaus freizügig, was sie hat. "Die Stadt ist nicht wiederzuerkennen, so voll und so festlich", sagt ein Mittzwanziger.

Während Rau und Freiberga im Schloss konferieren, schallt von der nahen Uferpromenade eine lettische Version von "Jingle Bells" herüber. Zum Jubiläum sind 1,2 Millionen in der 800 000-Einwohner-Stadt, die Hälfte der gesamten Landes-Bevölkerung. Der August ist der wärmste seit Menschengedenken. Selbst der Himmel freut sich offenbar über den Erfolg von zehn Jahren Unabhängigkeit, die "aufregend gute Entwicklung", die Rau lobt.

Nein, Trübsal und Depression liegen nicht über der Stadt. Spät am Sonnabend sitzt Rau in der Loge der Rigaer Oper und lauscht seinem alten Bekannten, dem Violinisten Gideon Kremer. Auch der hat eine leichte Form gefunden, mit dem schwierigen Wer und Wo umzugehen. Er nimmt sich Mozart vor und verfremdet ihn osteuropäisch-beschwingt und jüdisch-ironisch. Zuvor, beim Gala-Konzert zum Stadt-Jubiläum, sangen einer aus dem Westen und einer aus dem ehemaligen Ostblock "Ich habe Dich so lieb" und wagten dazu vier Walzerschritte.

Ein Lette fragt Rau, wie Deutschland und die Balten denn in hundert Jahren zueinander stehen sollten. Ein großes, geeintes Europa wünscht sich der Bundespräsident, und nie mehr militärische Konflikte in der Alten Welt. Frieden. Die meisten, die die vergangenen 800 Jahre über nach Riga gekommen sind, wollten etwas und sind geblieben. Rau wollte nur seine Aufwartung machen, ein symbolischer Gestus der Teilhabe.

Seinem kurzen Besuch wurde von irgendwelchen höheren Mächten indes eine symbolische Bedeutung verliehen, die kein Protokollchef je hätte planen können. Da steht Rau vor dem Schloss, dem bescheidenen Amtssitz von Freiberga, gerade hat er die Ehrenformation abgenommen. Eine weiße Taube fliegt herbei, landet mitten auf dem roten Teppich und besieht sich die Stadt. Aus dem Park springt eine getigerte Katze herbei, kommt der Taube recht nahe, dreht dann einfach ab und jagt zurück ins Grün. Die Taube bleibt, blütenweiß auf satt-rot.

Rau und Freiberga verfolgen die Szene lächelnd. Friedenstauben: Das sind Besucher, die Riga gern länger zum Verweilen einlädt. Immerhin war dieser runde Geburtstag ja der erste, den Riga als Hauptstadt einer unabhängigen Republik erlebte. Nach 800 Jahren. Die Freiheit ist errungen, jetzt kommt Europa. "Hoffentlich erwarten sie nicht zu viel von uns", sagt Johannes Rau.

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