Zeitung Heute : Letzte Chance für Ströbele

Der Tagesspiegel

Der Grünen-Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg-Ost will am Dienstagabend den Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele zum Direktkandidaten wählen. Einen Gegenkandidaten gibt es offenbar nicht, deshalb wird mit einem klaren Votum für Ströbele gerechnet. Eingeladen sind 529 Delegierte aus Friedrichshain-Kreuzberg und 350 Mitglieder aus Pankow, wobei nur rund 50 stimmberechtigt sind. Der Wahlkreis 84 Friedrichshain-Kreuzberg umfasst nämlich auch die Region Prenzlauer Berg-Ost, wiederum ein Teil von Pankow: das Gebiet östlich der Straßenmitte Prenzlauer Allee und südlich der Straßenmitte Lehderstraße und Gürtelstraße. Damit auch nur diejenigen Pankower ihre Stimme abgeben, die in Prenzlauer Berg-Ost wohnen, wird mit einem längeren Prozedere am Abend gerechnet.

Ströbele hatte wie berichtet vor zwei Wochen seine Zustimmung für eine Direktkandidatur erklärt, nachdem er im Januar bei der Nominierung der Landesliste für die Bundestagswahl gegen Werner Schulz unterlegen war. Schulz wurde auf den zweiten Platz gewählt: Ströbele und die Grünen-Bundestagsabgeordnete Andrea Fischer erhielten von den Delegierten keine ausreichenden Mehrheiten.

Als Direktkandidat für den Wahlkreis 84 tritt Ströbele gegen den SPD-Politiker Andreas Matthae und die parteilose Bärbel Grygier (für PDS) an. Das ist für Ströbele eine günstige Konstellation: Der Bekanntheitsgrad von Matthae ist nicht groß, und Grygier nehmen es viele übel, dass sie ihr Bürgermeisteramt in Friedrichshain-Kreuzberg zugunsten des Bundestagsmandats als Gysi-Nachrückerin aufgegeben hatte.

Ströbele werden zwar geringe Chancen ausgerechnet, in dem Ost-West-Wahlkreis ein Direktmandat zu gewinnen, doch geht er optimistisch in den Wahlkampf. Wählerstimmen erhofft sich der Grünen-Parteilinke aufgrund seiner unterschiedlichen politischen Aktivitäten aus vielen Spektren: Als Mitglied im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Bundestags steht er für Spenden-Aufklärung und Transparenz. „Das ist ja durch die Kölner SPD-Spendenaffäre wieder mal aktuell“, so Ströbele. Außerdem ist er ein erklärter Kriegsgegner und Globalisierungskritiker. Darüber hinaus beschäftigt sich das 62-jährige Grünen-Urgestein mit Kontrollmöglichkeiten von Geheimdiensten.

Der Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg will mit der Nominierung des Parteilinken Ströbele auch ein bundesweites Signal setzen: Am kommenden Wochenende findet die Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) der Grünen in Berlin statt. Der gastgebende Kreisverband ist eben dieser als links bekannte Kreisverband. Ort der BDK ist das Tempodrom. Einige Bundes-Grüne sollen dem Vernehmen nach sehr überrascht gewesen sein, als sie hörten, dass das Tempodrom zu Kreuzberg – und nicht zu Mitte zählt. Sabine Beikler

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