Zeitung Heute : Letzte Station

Von Altar sind es nur 90 Kilometer zur US-Grenze. Lange war dies ein beschaulicher Ort in Mexiko – bis täglich 4000 Flüchtlinge kamen. Die Jagd aufs schnelle Geld macht alle verrückt.

Text: Corina Niebuhr

Es ist noch nicht allzu lange her, da war Altar einfach ein verschlafenes mexikanisches Dorf mit schlichten Häusern und staubigen Straßen. 6000 Menschen wohnten hier, und fast alle lebten von Viehzucht und Landwirtschaft. Es war ein schönes Leben damals, sagen die Einheimischen, man konnte nachts die Türen und Fenster offen lassen ohne Angst zu haben, und wenn man mal wegging und das Haustor nicht versperrte, dann war das auch kein Problem. Es gab keine Kriminalität in Altar, jeder kannte jeden und Fremde kamen nie vorbei. Warum auch? Was hätten sie hier im Niemandsland, knapp 90 Kilometer südlich der mexikanisch-amerikanischen Grenze, auch machen sollen?

Doch dann ließ Bill Clinton die Hauptrouten der illegalen Migranten, die aus Lateinamerika über San Diego, El Paso oder Nogales in die USA kamen, mit einer hohen Metallmauer versperren, und jetzt sitzen sie hier, die Fremden.

Es ist heiß in Altar, heiß und staubig, ein ganz normaler Tag also im Bundesstaat Sonora. Auf der Plaza Pública, dem schmucklosen Hauptplatz des Orts, haben sich an die 300 Leute versammelt, vielleicht auch mehr. Sie hocken im Schatten der Bäume oder unter den Sonnenschirmen der Taco-Stände, sie sitzen in kleinen Gruppen zusammen, auf Mauern, Bänken, und sie sind leicht an ihrem Äußeren zu erkennen: Viele haben kleine Wasserkanister dabei, fast jeder hat dunkle Kleidung an und trägt einen schwarzen Rucksack, so werden sie in der Nacht noch unsichtbarer wirken.

Im Februar und März starteten von Altar aus bis zu 4000 Menschen Richtung Grenze. Pro Tag. Die Stadt ist wie ein Magnet für die Migranten: Ein Umschlagplatz, die letzte Zwischenstation auf mexikanischem Boden, bevor es tatsächlich an die Grenze geht.

Rein äußerlich sieht Altar zwar immer noch aus wie eine normale mexikanische Kleinstadt: Mit seinem einfachen Hauptplatz, seiner Kirche „Nuestra Senora de Guadalupe“, die in zartes Gelb und Grün getüncht ist und seit über 200 Jahren ihre Nachbarhäuser überragt. Alle anderen Gebäude sind einstöckig, an vielen bröckelt der Putz. Darüber spannt sich ein wirres Netz aus Strom- und Telefonkabeln, und zwischen den Häusern verlaufen unbefestigte Straßen, staubig, breit und schnurgerade.

Doch es ist viel los in Altar, viel zu viel für eine mexikanische Kleinstadt. Mehrmals am Tag landen Linienbusse, die auf der Plaza Pública die Auswanderungswilligen ausspeien. Rund um den Platz stehen kleinere, wendigere Fahrzeuge, mit denen die Migranten bis zur Grenze gebracht werden. „Altar – Sasabe“ steht mit großen Buchstaben auf den getönten Scheiben. Innen sind die Rücksitze durch lange Bänke ersetzt, so dass bis zu 20 Menschen Platz finden. Für die knapp anderthalb Stunden lange Fahrt bis zur Grenze muss das reichen.

Altar ist eine dieser neuen Problemstädte, knapp hinter der Grenze: In den vergangenen zehn Jahren konnte die US-Grenzpolizei den Migrantenstrom nicht stoppen, sondern nur in unbewohnte Gebiete verlagern. Davon gibt es nördlich von Altar viele. Diese Gegenden sind aber extrem gefährlich, und daher klettern die Todeszahlen ständig in die Höhe: Allein in Arizona werden pro Jahr mehr als 300 Männer, Frauen und auch Kinder gefunden, die bei ihren stundenlangen Wüstenmärschen umgekommen sind. Die mexikanische Regierung hat das Problem bereits erkannt und versucht es mit Aufklärung in den Griff zu bekommen – auch in Altar: Gut eine Stunde nördlich der Stadt, an der Straße Richtung Grenze, wurde eine Kontrollstelle errichtet. Zunächst werden alle Wageninsassen gezählt und nach ihrer Herkunft befragt, dann folgt ein fünfminütiger Vortrag: „Nehmt genug Wasser mit, passt auf Schlangen und Skorpione auf, bleibt zusammen, rennt nicht weg, wenn die US-Grenzpolizei kommt. Wer alleine zurück bleibt, der wird sterben.“

Diese Aufklärung ist wahrscheinlich hilfreicher als das, was auf der anderen Seite der Grenze geplant wird. Denn Politiker in den USA diskutieren derzeit einen Lösungsansatz, der das Drama beenden soll: eine Grenzanlage vom Typ Berliner Mauer von der West- bis zur Ostküste.

Im Rote-Kreuz-Bus, eine mobile Arztpraxis neben der Kirche, schüttelt der 60-jährige Sanitäter Amado Marcelo Coello den Kopf. Nein, eine Mauer wird sie nicht aufhalten. Es sei unwichtig, was die US-Amerikaner hinstellten, die Migranten würden es immer wieder versuchen. Eine Mauer, Coello nennt sie „Nebelwand“, mache es bloß schwerer.

In seiner hellgrünen Arztkleidung könnte der Sanitäter sofort unauffällig in einem OP-Saal verschwinden. Mit einem in Jod getränkten Wattebausch tupft er über die Fußsohlen von Jaime Guzman, 26, von denen sich große Stücke weißer Haut lösen. „Das sind Verbrennungen zweiten Grades, entstanden durch extreme Reibung.“ Amado Coello sieht solche Füße jeden Tag, seit Jahren. Jeder Zweite, der zu ihm in den silbernen Bus kommt, humpelt die Stufen hoch. Alle waren Tage in der Wüste unterwegs gewesen, bevor die US-Grenzpolizei sie aufspürte und zurück zur Grenze transportierte, von wo aus die Migranten den Bus zurück nach Altar nehmen. Coello greift nach einem großen Mopp, der in der Ecke steht, um die danebengetropften Tinkturen wegzuwischen. Der Mopp hinterlässt eine breite rotbraune Spur bis zur Wand.

Draußen wartet eine Gruppe Migranten darauf, dass die Tür zum Nebeneingang der Kirche aufgeht. Pfarrer Crisy Peraza Garcia hat versprochen, ihre Reise zu segnen. Noch sitzt er in seinem kargen Büro, zwei Minuten entfernt, bei einer Tasse Kaffee und tippt eine SMS in sein Handy. Der Bischoff hat Garcia vor acht Monaten nach Altar geschickt. Der 38-Jährige soll genauer ergründen, was vor sich geht, damit an höherer Stelle, bei der Regierung, Lösungen eingefordert werden können.

Der Pfarrer, schickes blau-kariertes Hemd, helle Hose, klemmt sich das Handy an den Gürtel. Die Situation sei sehr schwierig, sagt er. „Manchmal denkt man: Gebt ihnen Waffen, damit sie sich verteidigen können.“ In der katholischen Notunterkunft „Casa del Migrante“, fünf Blocks die Hauptstraße runter, hört Garcia täglich von den Übergriffen: Raub, Misshandlungen, Vergewaltigungen.

Als Pfarrer Crisy Garcia noch in der 20 Minuten entfernten Kreisstadt Caborca studierte, zuckten dort die Eltern noch nicht zusammen, wenn ihnen ihre Kinder sagten: Wir fahren heute Abend zu Freunden nach Altar. Seit sechs Jahren ist das anders. Jetzt ist Altar die „Stadt ohne Gesetz“, wo man vor nichts mehr sicher ist.

Dabei ist die Angst vielleicht auch nur eine gefühlte, eine, die sich die Menschen einbilden. Tatsächlich passieren in der Innenstadt nicht mehr Übergriffe als anderswo auch. Sanitäter Amado Coello, der in der Großstadt Hermosillo geboren ist, verlässt gerne abends seinen Rote-Kreuz-Bus, in dem er auch schläft. Dann spaziert er durch die Straßen zu Freunden, um Karten zu spielen. „Am Stadtrand wird manchmal jemand überfallen.“ Es seien aber immer nur Drogenabhängige, die schnell Geld bräuchten, nicht weiter schlimm.

Es ist wohl eher der krasse Wandel, der vielen alteingesessenen Menschen Angst macht. „Wir haben unsere Kultur, unsere Lebensweise verloren“, sagt Enrique Salei, ein junger Lehrer, der mit Pfarrer Garcia befreundet ist. Er ist in Altar geboren. Er sagt, es würde kein bäuerliches Leben mehr geben, nur noch Handel: „Früher konnten wir in unserem Dorf frei atmen und die Ruhe genießen.“ Jetzt wollten alle nur noch Geld mit den Migranten verdienen – viel Geld.

Selbst seine besten Schüler hätten keine Lust mehr zu studieren: Sie schmeißen die Schule, wollen lieber in die Fußstapfen ihrer Väter treten, die tagsüber Migranten nach Sasabe fahren und am Abend mit bis zu 1000 Dollar nach Hause kommen. Mit Projektwochen, wo es um Poesie, Literatur oder Theater geht, will Enrique Salei die Jugendlichen wachrütteln, ihnen klar machen, dass es im Leben auch um moralische Werte geht.

Viele der ursprünglichen Einwohner sind schon vor Jahren weggezogen, andere tun es jetzt. In den Seitenstraßen hängen immer wieder Schilder an Häusern, auf denen „Se vende“ steht, „Zu verkaufen“. Käufer finden sich rasch, denn Häuser und Grundstücke sind in Altar ein gutes Geschäft. Für bis zu 12 000 Dollar im Monat kann man im Moment ein Haus in der Innenstadt vermieten – wenn man es zu einer Migranten-Herberge umbaut. 90 dieser Unterkünfte gibt es schon in der Stadt. Sie nennen sich „Casa de Huéspedes“ und können oft mehrere Hundert Menschen aufnehmen. Die Betreiber kassieren mindestens drei Dollar pro Nacht für einen Schlafplatz, der nichts weiter als ein mit Teppichboden beklebtes Stück Holz ist. Oft schlafen 50 und mehr Personen in einem Raum.

Serafin Morfin ist einer dieser alteingesessenen Altarer, die von den Migranten profitieren. In einer namenlosen Seitenstraße, nicht weit vom Plaza entfernt, steht der 36-Jährige mit verschränkten Armen im roten Muskel-Shirt vor einem Verkaufsstand. Der bietet alles, was die Migranten für ihre Reise durch die Wüste brauchen: dunkle Kleidung, Base-Caps, Sonnenschutzcreme, Kämme, Handspiegel und bunte Halstücher, die zusammengeknotet einen guten Tragegurt für zwei Wasserkanister abgeben. Nein, er sei nicht der Besitzer, sondern nur dessen Nachbar, erklärt Morfin in gutem Englisch – in Altar eine absolute Ausnahme. Sein Reich befinde sich nebenan, hinten im großen Hof: die „Casa Lalo’s“, eine der billigen Unterkünfte, an der noch der Putz fehlt. Drinnen, es handelt sich eher um eine Halle als um einen Raum, läuft ein Fernseher. Durch die kleinen Fenster kommt nur wenig Licht. Ein Dutzend Mieter hat Serafin Morfin zurzeit. Sie liegen und sitzen auf ihren hölzernen Schlafstätten, einer döst auf einer langen Teppichrolle am Boden, weil sie bequemer ist.

Morfin selbst hat jedenfalls kein Problem mit der neuen Erwerbsgrundlage seiner Stadt. Im Gegenteil, wegziehen, sagt er, will er ganz sicher nicht.

Trotz allem hat sich der Ort anders als Grenzstädte wie Tijuana zumindest bisher einen Rest kleinstädtischer Normalität bewahren können. Es gibt nur ein paar Kneipen und Restaurants, und die sind den jungen Bewohnern zu langweilig. Wer etwas erleben will, der muss immer noch in die nahe Großstadt Caborca mit ihren Bars und Discos. Ein Rotlicht- und Amüsierviertel existiert in Altar nicht, und auch der Sextourismus, der in Städten wie Tijuana oder Ciudad de Juarez ein massives Problem darstellt, ist hier kaum ein Thema. Die Anreise ist für die Amerikaner jenseits der Grenze zu weit.

Frauen, die sich keinen weiteren illegalen Grenzübertritt mehr zutrauen oder von ihren Männern hier zurückgelassen wurden, finden in Altar andere Arbeit. Sie putzen in den Herbergen oder verkaufen Tacos. Die Gestrandeten würden ein neues Leben anfangen, sagt Pfarrer Crisy Garcia. Noch ernähre der Migrantenstrom alle. „Wenn sich das einmal ändert, wird Altar eine Geisterstadt.“

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