Zeitung Heute : Letzte Worte

Zu Lebzeiten wurden sie bewundert oder gefürchtet. Sie waren Idole, Herrscher oder Gangster. Was ihnen kurz vor dem Tod noch zu sagen blieb.

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Von Hans Halter BOB MARLEY (1945–1981)

Der Gitarrist und Sänger aus Jamaika – „The Island in the Sun“ – war ein Rastafari. Deshalb trug er die Haare lang, zu Zöpfen gedreht und verfilzt. Das gab ihm das Aussehen eines äthiopischen Löwen. Als er im verschneiten Oberbayern Ende 1980 die aufgeräumte, heile Welt der Ringbergklinik in Rottach-Egern das erste Mal sah, wurde dem Vater des Reggae ganz schwer ums Herz. Hier also, in diesem sterilen deutschen Krebskrankenhaus, das die Patienten gewöhnlich nur liegend, mit den Füßen voran des Nachts in einem Sarg verließen, sollte sich Marleys Schicksal endgültig entscheiden: Würde es dem umstrittenen deutschen Arzt Joseph Issels gelingen, die bösartigen Tumoren in Kopf und Körper des weltberühmten Musikers kleinzukriegen?

Bob Marley glaubte an Gottvater, zusätzlich an etliche lokale Götter und Kobolde und an Joseph Issels, den deutschen Magier. „Wir können es schaffen“, hatte er versprochen. Marley verspürte positive „Vibrationen“, er ließ sich die faulen Zähne ziehen und die Rachenmandeln operieren, er ertrug klaglos die Vitaminspritzen, eine hauseigene Diät und Transfusionen mit sauerstoffreichem Blut. Er gewöhnte sich sogar an den Schnee. Wenn er Zuversicht schöpfte, dröhnte er sich den Kopf mit seinen unvergänglichen Liedern voll: „I shot the Sheriff“, „Buffalo Soldier“ und vor allem „No woman, no cry“. Zwölf Kinder hatte er in seinem kurzen Leben gezeugt, zwölf Kinder von sieben Frauen. In Rottach-Egern war er ziemlich allein, und dem Reggae durfte er aus Rücksicht auf die todkranken anderen Patienten nur über Kopfhörer lauschen. Seine letzte Freundin Cindy besorgte für den Krebskranken traditionelle Buschheilmittel aus Äthiopien, damit nichts versäumt werde. Doktor Issels entließ einen sterbenden Patienten. Der große Mann wog nur noch 42 Kilo.

Bob Marley wollte unbedingt auf Jamaika sterben. Über den Wolken, auf dem Flug nach Amerika, sah er noch einmal die Sonne. Doch in Miami/Florida war der Sänger zu schwach für den Weiterflug. Als er im Bett lag, nahm er Cindys Hand und sagte in seinem unnachahmlichen Jamaika-Kreolisch: „Maddah, don’t cry. I’ll be allright. I’m gwan ta prepare a place. “ – Ich werde einen Platz für dich herrichten. Einen Platz im himmlischen Paradies der Rastafari. Vierzig Stunden nachdem er Deutschland verlassen hatte, war Bob Marley tot.

OHANN WOLFGANG VON GOETHE, (1749–1832)

Er wünschte sich einen „sanften Tod“, einen „gelinden Gang unmerklich in das stille Reich der Schatten“. Den „Tod der Ärzte“ wollte er nicht sterben, stattdessen: „Wenn ich nun doch sterben soll, so will ich auf meine Weise sterben.“ Das war 1823, als der Dichter seinen ersten Herzinfarkt erlitten hatte, der seinerzeit den Medizinern als Krankheit noch nicht bekannt und dessen Symptome als „zurückgeworfenes Katharrhalfieber“ und „Stickfluss“ gedeutet wurden. Beim zweiten Infarkt, im März 1832, registrierte der Hausarzt „fürchterlichste Angst und Unruhe“, die Gesichtszüge verzerrt, das Antlitz aschgrau, der Körper eiskalt, der Puls schnell und hart. In der Stunde der Not half dem Moribunden selbst Alkohol nicht mehr, sein lebenslanger Tröster, zwei Liter Wein pro Tag galten ihm als gute Dosis. „Du hast mir doch keinen Zucker in den Wein getan, weil der mir schadet“, raunzte er seinen braven Zimmerdiener Friedrich Krause am Morgen des letzten Lebenstages an. Der Helfer hatte ihn aus seinem Bett in den danebenstehenden grünen Biedermeierlehnstuhl gehoben, keine kommode Ruhestätte für das letzte Stündlein.

Im Weimarer Sterbehaus drängten sich noch einige Besucher, doch nur Krause war die ganze Zeit bei Goethe. Dessen angeblich letzten Satz, „Mehr Licht!“, eines Geistesriesen würdig und nahezu jedem Deutschen als geflügeltes Wort geläufig, hat Krause nicht gehört.

Das letzte Wort wurde von zwei Goethe-Freunden brieflich in die Welt gesetzt, die in der Stunde des Todes nicht dabei waren. Die mitgeteilten Texte erwiesen sich als leicht unterschiedlich: „Die Fensterladen auf, damit mehr Licht hereinkomme!“ Oder, in der zweiten Version und noch hölzerner: „Mach doch den Fensterladen in der Stube auf, damit mehr Licht hereinkomme!“ Spötter haben später behauptet, der lebenslang dem hessischen Dialekt anhängende Goethe (er stammte aus Frankfurt am Main) habe einen letzten Stoßseufzer formulieren und sagen wollen: „Mer licht hier so schlecht.“

Ottilie von Goethe (geborene von Pockwisch), die verwitwete Schwiegertochter des Dichters, war die einzige Zeugin für ein anderes letztes Goethe-Wort. Sie habe bis zum letzten Atemzug neben dem Sterbenden ausgeharrt. „Komm mein Töchterchen und gib mir dein liebes Pfötchen“ habe sich Goethe als Allerletztes gewünscht. „Geisteskräftig und liebevoll bis zum letzten Hauche“ sei der Olympier aus dem Leben geschieden, steht am nächsten Tag in Ottilies Todesanzeige im Weimarischen Wochenblatt. Dieses friedvoll-familiäre Ende wirft ein mildes Licht auf Ottilie und den alten Herrn – aber wahr ist diese Anekdote trotzdem nicht. Zimmerdiener Friedrich Krause hat nach Goethes Tod in seiner ungelenken Schrift notiert, wie es wirklich war, doch blieb der Sachverhalt fast hundert Jahre verborgen, bis 1928. Er passte einfach nicht in die Mythologie vom Geistesriesen Goethe. Friedrich Krause über die allerletzten Worte und einen nahe liegenden Wunsch seines Chefs: „Er verlangte zuletzt den Botschamper (pot de chambre = Nachttopf), und den nahm er noch selbst und hielt denselben so fest an sich, bis er verschied.“

DIANA, PRINZESSIN VON WALES (1961–1997)

Die geschiedene Ehefrau des britischen Thronfolgers Charles, post mortem „Königin der Herzen“ genannt, verunglückte bei einer nächtlichen Autofahrt in Paris. Die Mercedes-Limousine prallte mit stark überhöhter Geschwindigkeit in einer Unterführung an einen Betonpfeiler und wurde vollständig zerstört. Der betrunkene Fahrer, ein Belgier, war sofort tot, ebenso Dianas damaliger Liebhaber, Dodi Al-Fayed. Der britische Leibwächter überlebte schwer verletzt; er hatte sich als Einziger angeschnallt.

Die Prinzessin lebte noch, als die Retter nach wenigen Minuten eintrafen. Äußerlich war sie nur leicht verletzt, jedoch hatte der Aufprall ein größeres Blutgefäß, das Herz und Lunge verbindet, weit aufgerissen. Sie verblutete innerlich. Daran konnte weder die nächtliche Notoperation noch eine anschließende Herzmassage etwas ändern.

Als Feuerwehrleute die prominente Adlige aus dem Autowrack befreiten, erwachte Diana, der Blut auch aus Ohren und Nase lief, kurz aus ihrer Bewusstlosigkeit und fragte den uniformierten Helfer Carlos Zaglia auf Englisch: „Was ist passiert? Was ist hier los?“

CHE GUEVARA (1928–1967)

Drei Dinge braucht der Guerillero: seine Pistole (für den Feind), sein Tagebuch (für den Nachruhm) und eine dicke Zigarre (für das Wohlbehagen).

In Ches Fall kam noch die Asthmapfeife hinzu, ein Spray für die kranke Lunge. Denn der Argentinier, Held der erfolgreichen kubanischen Befreiung und Heros der gescheiterten Weltrevolution, war chronisch krank von Kindheit an. Das hinderte den elfmal Verwundeten nicht am Versuch, Afrika und Südamerika in Brand zu setzen. Weil es von dem vollbärtigen, langhaarigen Macho, der so jung durch Kugeln starb, ein besonders charismatisches Leica-Foto gibt, das Jahrzehnte nach seinem Tod immer noch millionenfach gedruckt und getragen wird, ist Dr. med. Ernesto Guevara de La Serna, genannt „Che“, zur global verehrten Ikone aller Revolutionäre mutiert – so aufrecht, so stolz, so sexy, so erfolglos. Fromme Kleinbauern in den Bergen Boliviens verehren ihn, den christusgleichen Che mit der schwarzen Baskenmütze und dem roten Stern, als „San Ernesto de La Higuera“, einen Heiligen der Armen. In Higuera, einem gottverlassenen Nest (30 Lehmhütten, 500 Einwohner) fernab aller Zivilisation, gehen im kleinen Schulhaus, das jetzt Museum ist, die Kerzen nicht aus. In La Higuera und Umgebung hat der militärische Autodidakt 1966/67 versucht, die Bolivianer in den Kampf gegen Staat und Kirche, Armee und US-Interessen zu führen. Vergeblich.

Seine kleine Truppe, ursprünglich maximal 46 Kämpfer, war durch Desertionen und kleine Scharmützel Anfang Oktober 1967 auf ein Dutzend ausgehungerter, zerlumpter, demotivierter Guerilleros reduziert, die keine Unterstützung in der Bevölkerung fanden und kein funktionierendes Funkgerät hatten. Dieser verlorene Haufen wurde von 2000 bolivianischen Rangers, denen CIA-Offiziere die Richtung wiesen, gejagt. Am Ende gerieten Che und die Seinen in einem ausweglosen Bergtal in einen Hinterhalt. Beim Schusswechsel wurde Che am Bein getroffen. „Nicht schießen“, rief er dem Feind zu, „ich bin Che Guevara, und ich bin für euch lebend wertvoller als tot.“ Das war eine Fehleinschätzung. Da es in Bolivien offiziell weder Todesstrafe noch Hochsicherheitsgefängnisse gab und Che außerdem auf weltweite Proteste hoffen konnte, glaubte er, noch einmal mit dem Leben davonzukommen. Doch am nächsten Morgen zog sich der Himmel zu.

Die Sieger hatten seine schnelle Ermordung beschlossen. Der Verletzte lag im Schulhaus von La Higuera. Gegen Mittag betrat der leicht angetrunkene Unteroffizier Mario Teran den Raum, er hatte sich freiwillig gemeldet. Ches letzte Worte zu seinem Mörder: „Ich weiß, dass du gekommen bist, um mich zu töten. Schieß, du Feigling, du tötest nur einen Menschen.“ Nur einen Menschen, nicht die Revolution.

ELISABETH I. (1533–1603)

Es waren harte Zeiten, als Elisabeth Königin von England wurde. Ohne viel Federlesen konnte man auch als Mitglied der herrschenden Klasse in ein finsteres Gefängnis geworfen werden oder den Kopf auf dem Richtblock verlieren. Elisabeths Vater, König Heinrich VIII., hatte ihre Mutter Anna Boleyn in jungen Jahren köpfen lassen, und die Tochter saß schon als 21-Jährige im Londoner Tower ein. Mit 23 Jahren war sie aber bereits eine fast allmächtige Königin, was ihre katholische Konkurrentin Maria Stuart zu spüren bekam. Friedrich Schiller hat die Geschichte dramatisch überhöht.

Elisabeth war nicht ganz so schön wie ihre Mutter und nicht so grausam wie ihr Vater. Da sie lebenslang ledig blieb, liquidierte sie niemals einen Ehepartner; alle ihre Liebhaber kamen reich beschenkt davon. Ihr eigentlicher Lebensinhalt war das Regieren, und sie beherrschte es in bewundernswerter Weise. Elisabeth war fleißig. Das galt damals nicht als Tugend des Hochadels.

Unter ihrer 45-jährigen Herrschaft stieg England zur führenden See- und damit Weltmacht auf, wurden Ackerbau und Handel gefördert und sogar die Staatsschulden reduziert. Sie überlebte gut gelaunt den Bann des Papstes, war nebenbei das Oberhaupt ihrer eigenen, der anglikanischen Kirche, und als die spanische Armada versenkt wurde, führte Elisabeth I. dabei den Oberbefehl. Sie siegte in allen großen Kämpfen ihres Lebens, naturgemäß nicht im allerletzten. Noch in der Sterbestunde regierte sie, denn es gab doch so viel zu tun. Sie fühlte sich schwer unter Arbeitsdruck:

„Alle meine Besitzungen für einen Augenblick Zeit.“

FRIEDRICH WILHELM I. (1688–1740)

So autoritär wie der preußische „Soldatenkönig“ war später kein deutscher Monarch mehr. Der Berliner Regent prügelte mit seinem Krückstock ohne Vorwarnung die eigenen Soldaten für schmutzige Stiefel, falschen Marschtritt oder einen fehlenden Knopf am bunten Rock. Er installierte in seinen 27 Regierungsjahren die absolute Monarchie, nahm dem Adel viele Privilegien und den Bürgern hohe Steuern ab, trieb (wie später sein Sohn Friedrich II., genannt Friedrich der Große) der Bürokratie die Korruption aus und den Lehrern die Faulheit. Sein stehendes Heer, ein Novum der Militärpolitik, hatte 80 000 Mann. Er selbst sagte dem prunkvollen Hofleben Adieu und erfreute sich stattdessen an den „Langen Kerls“, Soldaten, die größer als 1,85 Meter groß sein mussten. Selbst klein und dick, trank und speiste er völlig maßlos, weshalb ihn die Gicht („die Krankheit der Könige“) plagte, ferner Wassersucht und Kurzatmigkeit. Im „Tabakkollegium“ gab er seinem Herzen den Rest; zugunsten des rabiaten Hohenzollern muss allerdings bedacht werden, dass seinerzeit Rauchen als gesund galt. Am Ende seines kurzen Lebens war er so dick, dass man ihn kaum in die Kutsche heben konnte. Im Schloss in Potsdam, bettlägerig und todgeweiht, ließ er seine Gemahlin Sophie Dorothea rufen, die er liebevoll „mein Fiekchen“ nannte. Sie hielt seine Hand. Dann übernahm der Oberchirurg des Leibregiments die Krankenwache. „Wie lange hab ich noch zu leben?“, fragte Majestät. „Noch eine halbe Stunde, der Puls steht schon still.“ Der König stieß den Arm in die Höhe und befahl: „Er soll aber nicht stille stehen!“ Noch einmal ballte der Berliner die Faust und warnte den Tod: „Tod! Ick graule mir nich vor dir!“ Dann starb er.

„DUTCH SCHULTZ“, EIGENTLICH: ARTHUR FLEGENHEIMER (1902–1935)

Dass sich der Mensch zu Rauschdrogen, Glücksspiel, Prostitution und Abtreibung einen Zugang bahnt, auch wenn Strafandrohungen im Wege stehen, hatte man dem aufgeweckten jungen Arthur aus Harlem nicht in der Volksschule, sondern im Knast beigebracht; er saß wegen Einbruchs. Die anderen Arbeitsfelder, vor allem Drogen und Glücksspiel, erschienen dem New Yorker Nachwuchskriminellen nach seinen Lehrjahren und am Ende der Knastfortbildung viel profitabler als das Einbrechen, und so wurde er unter seinem Szenenamen „Dutch Schultz“ einer der berühmtesten Gangster der berühmten zwanziger Jahre. Richtig groß gemacht hat ihn das Herstellungs- und Ausschankverbot für Alkoholika aller Art, die „Prohibition“. Sie war in den USA von 1920 bis 1933 verordnet. Schultz galt bald als der „King of Beer“. Nebenbei erpresste seine Bande Schutzgelder. Dabei ging es nicht fein zu. Einmal infizierte Dutch Schultz einen Zahlungsunwilligen mit dem Eiter eines Tripperkranken – direkt in die Augen, damit der erblinde. Als die Prohibition gefallen war, betätigte sich der Gangster erfolgreich als illegaler Lotterieeinnehmer. Weil man die Claims nicht einvernehmlich abstecken konnte oder wollte, schickten Nebenbuhler ihm drei Kollegen von „Albert Anastasia’s Murder Incorporation“ in sein Lieblingslokal. Erst liquidierten diese mit großkalibrigen Faustfeuerwaffen zwei Leibwächter, dann nahmen sie Dutch Schultz in der Toilette unter Feuer.

Er lebte noch genau 24 Stunden. Darm und Leber waren irreparabel zerstört. Die ganze Zeit saß ein Stenograf des Police Departement am Sterbebett und schrieb Wort für Wort mit. Schultz trat noch schnell vom jüdischen zum katholischen Glauben über. Dann erschienen nacheinander die Ehefrauen des Trigamisten. Schließlich begann er im Fieberwahn und unter Opium zu fantasieren. Die Namen seiner Mörder verschwieg er jedoch bis zum Schluss. In seinen letzten Worten sorgte er sich um den Kellner und die Zeche: „Ich möchte zahlen. Ich hatte Bohneneintopf.“

— Die Texte sind ein Vorabdruck aus Hans Halters Buch „Ich habe meine Sache hier getan“, Bloomsbury Berlin, das kommenden Donnerstag erscheint (264 Seiten, 16 Euro).

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