Zeitung Heute : Letztes Geleit für einen Untoten

Küsse, Tränen, Kniefälle: Serben besuchen Milosevics Sarg. Es sind viele

Joachim Dethlefs[Belgrad]

Respektvoll betreten sie nacheinander den roten Teppich. Sie verneigen sich, berühren den mit Blumengebinden und serbischen Fahnen geschmückten Sarg. Manche knien nieder, um sein Bild zu küssen. Tränen fließen. Aus dem ganzen Land kommen die Anhänger von Slobodan Milosevic, um dem ehemaligen jugoslawischen Präsidenten und Angeklagten des UN-Kriegsverbrechertribunals die letzte Ehre zu erweisen. Für zwei Tage blickt ganz Serbien auf das Museum der Revolution in Belgrad, wo seit Donnerstagmittag der Sarg aufgebahrt ist.

Einige der Leute, die sich hier von Milosevic verabschieden, seien sogar aus Schweden und den Niederlanden angereist, sagt Ilija Novakov. Novakov ist 42 Jahre alt, stämmig, Mitglied von Milosevics Sozialistischer Partei und arbeitet eigentlich als Maschinist in Novi Sad. Seit mehr als 60 Stunden ist er nicht zu Hause gewesen, sagt er, mit anderen Parteimitgliedern hat er das Museum hergerichtet und sieht seitdem zusammen mit ihnen nach dem Rechten. Im Wechsel stehen immer vier von ihnen Ehrenwache.

Langsam bildet sich eine Schlange. Von der Straße aus warten sie, bewegen sich langsam den Steinweg hinauf, vorbei am Springbrunnen und über die großen weiten Treppen. Im mit Marmor verkleideten Foyer des Museums passieren sie die Luxusautos des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Tito, dessen Körper nur wenige hundert Meter entfernt, im „Haus der Blumen“, ruht. Der Mercedes 600 Pullmann und der Rolls-Royce Phantom V sind heute mit großen weißen Stofftüchern verdeckt.

„Das Geschehen um die Beerdigung von Slobodan Milosevic zeigt, wie gespalten Serbien ist.“ Die Menschenrechtlerin Natasa Kandic und ihre Mitarbeiter betrachten wachsam die politische Entwicklung im Land. Fünf Taximinuten vom Museum der Revolution entfernt hat das Zentrum für Menschenrechte seine Räume im zweiten Stock eines Bürohauses. Das beste Beispiel sieht die 60-jährige Anwältin in dem Verhalten der Medien. Das Staatsfernsehen vermittle durch seine intensive Berichterstattung den Eindruck, dass ganz Serbien auf den Beinen sei, um Milosevic das letzte Geleit zu geben. „Aber dieses Bild ist nicht korrekt“, sagt Kandic. Sie ist sicher, dass Milosevic das Ende seines Prozesses nicht erleben wollte. „Er hat seine Schlacht geführt. Er wollte um jeden Preis einer Verurteilung entgehen.“ Dies sei ihr erster Gedanke gewesen.

Serbien hat eine bewegte Woche hinter sich, seit Milosevic am Samstagmorgen in seiner Gefängniszelle in Den Haag tot aufgefunden worden war: Auf der einen Seite die Auseinandersetzung um den Ort seiner Bestattung und die Teilnahme seiner Angehörigen, auf der anderen die Verschwörungstheorien über die Todesursache. Ilija Novakov und die anderen Freiwilligen im Museum der Revolution sind nie Freunde des Kriegsverbrechertribunales gewesen, vor dem sich Milosevic vier Jahre lang verantworten musste. Sie sind sich einig, das er absichtlich vergiftet worden ist. Daran ändern auch die offiziellen Untersuchungsergebnisse aus Den Haag nichts. Der Präsident des Tribunals, Fausto Pocar, hat am Freitag erneut bestätigt, dass bei der Obduktion keine Medikamente in lebensbedrohlichen Konzentrationen gefunden worden sein. Der Obduktion zufolge starb der Angeklagte an einem Herzinfarkt.

Der Sarg soll an diesem Samstagmittag auf den Platz vor dem früheren jugoslawischen Parlament in der Belgrader Innenstadt gebracht werden. Dort haben die Milosevic-Sozialisten eine Trauerzeremonie angekündigt. Anschließend soll sich ein Trauerzug nach Pozarevac, dem Geburts- und Bestattungsort von Milosevic, in Bewegung setzen. In der kleinen Stadt, 80 Kilometer südöstlich von Belgrad gelegen, wurden indessen die letzten Vorbereitungen für die Beisetzung getroffen. Das Begräbnis von Milosevic ist im Garten des Familienbesitzes geplant.

Immer noch ist ungewiss, ob überhaupt jemand aus seiner Familie an der Zeremonie teilnehmen wird. Die Witwe Mira Markovic und Sohn Marko kämen nicht, sagte der russische KP-Vorsitzende Gennadij Sjuganow bei seiner Ankunft in Belgrad. Die serbische Regierung könne ihre Sicherheit nicht garantieren, sagte er. Er komme, um seinem Freund Milosevic die letzte Ehre zu erweisen.

Ilija Novakov glaubt, dass nun die letzte Stunde der Regierung geschlagen hat. Er sieht den Moment für die nationalistische Serbische Radikale Partei gekommen, um – mit Hilfe der Sozialisten – an die Regierung zu gelangen. Novakovs Augen schauen müde, trotz des Kaffees, aber wenn er von Milosevic spricht, wird er wieder lebendig: Wegen ihm sei er in die Partei eingetreten, er holt sein Parteibuch hervor, zeigt stolz auf das Datum. „Hier. Siehst Du? 5. September 1991. Er war ein schöner Mann.“ Er überlegt kurz. „Nein, schreibe besser: Er war ein schöner Serbe.“ Drei Mal hat Ilija Novakov Milosevic getroffen. Kurze Treffen am Rande von Parteiveranstaltungen. Aber noch heute erinnert er sich an die hypnotische Wirkung. „Ich war sprachlos. Ich wollte ihm immer weiter zuhören.“

Der zweifache Familienvater würde für sein Idol alles tun, sogar noch einmal in den Krieg ziehen. Schon von 1991 bis 1992 hat er als Freiwilliger in Kroatien gekämpft. Heute trägt er in seinem Geldbeutel im gleichen Fach wie das Parteibuch den Ausweis des Veteranenverbandes. Die Völkermord-Vorwürfe gegenüber Serbien kann Ilija Novakov nicht nachvollziehen. „Im Krieg gibt es nicht nur einen Verbrecher. Es gibt beide Seiten. So wie die anderen geschossen haben, haben wir geschossen.“ Kein Krieg sei sauber. „Wir haben Verbrechen begangen, die anderen haben Verbrechen begangen.“

Zur Mittagszeit hat sich der Platz vor dem Museum der Revolution deutlich gefüllt. Ein älterer Herr betritt den Eingangsbereich. Er trägt die Tracht der montenegrinischen Serben. „Weil es ein wichtiger Tag ist.“ Zehn Stunden ist er mit dem Auto aus der montenegrinischen Küstenstadt Bar angereist. Einer von vielen Besuchern aus den Nachbarländern. Ein Slowene hält seine Kamera in die Luft und bittet darum, ihn vor dem Gebäude zu fotografieren. „Nein, ich bin kein Anhänger Milosevics“, sagt er. Geschichtliches Interesse habe ihn bewegt herzukommen.

Eine derartige Ehrbezeugung gab es zuletzt 1980 beim Tod von Josip Broz Tito. Damals war ganz Jugoslawien für eine Woche in Tränen versunken.

Wie viele es genau sind, die zu Milosevics Sarg kommen, weiß aber offenbar keiner. Für Donnerstag wurde in den Medien von 25 000 Menschen gesprochen. Ein Vertreter der Sozialistischen Partei schätzt, dass es vier Mal soviel gewesen sind. Ein Polizist am Museum kann darüber nur schmunzeln. Er wisse, als er im Radio von 3000 Wartenden gehört hatte, haben vor dem Haus gerade einmal 300 Leute gestanden.

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