Zeitung Heute : Levy Château

Mit seinen Romanen verdient er Millionen. Ihre Titel hat Marc Levy auf Sofakissen gestickt. Überhaupt wohnt er sehr ungewöhnlich. Ein Hausbesuch in Paris.

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Von Deike Diening Der Maler Carl Spitzweg hat einmal einen Dichter gemalt, der in seinem Dachstübchen im Bett sitzt. Dass er arm ist, schließen wir daraus, dass er mit einem Regenschirm aufhält, was von der undichten Decke tropft. Seitdem glauben wir zu wissen, wie es beim armen Poeten zu Hause aussieht.

Weiß irgendjemand, wie der reiche Poet lebt?

Marc Levys Bücher sind die, die in den Listen ganz oben stehen und in den Buchhandlungen kleine Aufkleber tragen: „Bestseller“ und „Weltbestseller“ klebt darauf. Levy ist ein Autor von Büchern, die einige aus Prinzip nie zugeben würden, gelesen zu haben, und viele dafür umso gieriger verschlingen. Wenn man den Erfolg eines Autors nach Verkaufszahlen misst, ist Levy der erfolgreichste Autor Frankreichs. Er ist in 32 Sprachen übersetzt und hat weltweit mehr als fünf Millionen Bücher verkauft, in denen es immer um Liebe geht: „Solange du da bist“, „Sieben Tage für die Ewigkeit“, „Wo bist du?“ und, gerade frisch auf Deutsch erschienen, „Bis ich dich wiedersehe“.

Der Südfranzose, heute 43, war erst ein erfolgreicher Unternehmer, dann ein erfolgreicher Geschäftsführer und nun ist er ein erfolgreicher Autor. Mit 18 ging er erst mal zum Roten Kreuz und hat mehr als sechs Jahre lang Leute aus Autowracks gezogen. Dann hat er in Kalifornien studiert und in Frankreich ein Unternehmen gegründet, hat in Colorado gelebt, ist in Paris Pleite gegangen, ist als Autor nach London gezogen und kam schließlich zurück nach Paris, der Liebe wegen.

An welchem Ort er gerade war, merkte Marc Levy daran, wie er das Haus betrat: In Paris gibt es Zahlencodes für die Türschlösser, in London Schlüssel und in New York den lebenden „Doorman“. Die einfachen Schlösser haben ihm am besten gefallen. Wenn man zum Beispiel in Paris die Nummern vergisst, die einen durch die erste und dann die zweite Tür nach Hause bringen, hat man ein riesiges Problem. Wenn Levy in London seinen Schlüssel vergessen hatte, hat er einfach bei seinem Nachbarn geklingelt. Der hat ihm dann immer wortlos die Leiter rausgereicht. Das wäre nicht möglich am Boulevard Saint Germain in Paris. Marc Levy lebt im Viertel der Schriftsteller, schräg gegenüber von Sartres Lieblingscafé, dem Café de Flore. Die Klingelbretter tragen aus lauter Diskretion keine Namen.

Levy selbst ist immer seinen Ideen hinterher gezogen. Und zugleich hatte er jahrelang andere Prioritäten, als sich um die Einrichtung seiner Wohnung zu kümmern. In San Francisco wohnte er in einem efeuumrankten Haus, das den Schauplatz für sein erstes Buch abgab. Als man ihn, da war er 29 Jahre alt, aus seinem Computer-Unternehmen auskaufte, fand er sich mit seinem zwölf Monate alten Kind alleine in einem 15-Quadratmeter-Zimmer in Paris. Mit der Mutter verstand er sich nicht mehr, das kleine Zimmer war das geringste Problem. Er hat dann eine Weile anderleuts Wohnungen repariert, denn er war mit seinen Händen nicht ungeschickt. Mit einem Ingenieur und einer Architektin gründete er ein Unternehmen, das Firmenzentralen mit Hilfe von Computerberechnungen so bauen konnte, dass die Angestellten auf ihren Wegen möglichst wenig Zeit verlieren. Seine Firma gestaltete mehr als 500 Firmensitze, darunter für Perrier, Coca-Cola und Evian. Levy hat die Geschäfte geführt. Die gingen zu gut, irgendwann fing er an, sich zu langweilen. Also einen Roman schreiben. Es stimmt schon, bis zu seinem ersten Buch im Jahre 2000 kannte er sich nur in Geschäftsbüchern aus. Nun begleiten die steigenden und fallenden Kurven seiner Verkäufe auf dem Hart- und Weichcover-Markt sein Leben wie ehemals die Bilanzen.

Die hohe Tür bei ihm zu Hause öffnet sich auf einen Flur, von dem alle Zimmer abgehen, nicht anders als in Versailles. Alle Türen sind im 45-Grad-Winkel angelehnt. Wäre man dreist genug, man könnte sie einfach aufstoßen und ganz hineingucken in die Zimmer, in sein Schlafzimmer, in das seines Sohnes. Aha, sieht ganz so aus, als fällt in Saint-Germain-de- Prés kein Staub. Im zentralen Raum ein Flügel, auf dem Levy täglich zu spielen behauptet, Sofas für Riesen, sorgfältig gestapeltes Kaminholz ohne Spinnweben. Alles wie kurz vor der Benutzung. Dabei wird hier doch schon gewohnt.

Vor seinem Arbeitszimmer auf dem kleinen Balkon stehen zwei große Zitronenbäume, noch vom Winter mit weißer Gaze umhüllt, die hat er aus London mitgebracht. Anders als dort hat er hier keinen Garten. Er verlangt eigentlich nicht viel von einer Wohnung, sagt er, er brauche Ruhe und er brauche Licht und Klarheit, und wenn er vor die Tür tritt, muss er im Leben stehen. Denn wenn ein Schriftsteller wohnt, dann wohnt er ja nicht nur in seiner Wohnung. Dort schreibt er eigentlich bloß. Er wohnt auch in seinem Viertel und geht da sinnend auf und ab wie andere Leute in ihrem Büro.

Und wenn die Straßen sein Wohnzimmer sind, dann ist sein Speisezimmer das „La Ferroniere“, ein winziges Restaurant im Viertel, Sitzen ist nur mit Körperkontakt möglich, mindestens drei Mal die Woche geht Levy dort Mittag essen, der Besitzer ist sein Freund. „Wenn Touristen kommen, sagt er denen, es ist alles reserviert. Nicht, weil er Touristen nicht leiden kann, sondern weil er es nicht übers Herz bringt, den Stammkunden abzusagen.“ Gucken Sie sich das an, sagt er, es ist sehr französisch dort. Die Speisen bestehen aus großen Fleischportionen, und die Sitznachbarn sind ein ästhetischer Genuss. Sie tragen große Brillen und Parkas, die Frisuren der Männer sind aufwendiger als die der Frauen. Das gefällt ihm an Paris.

Marc Levy aber sitzt jetzt in seinem hohen Arbeitszimmer auf einem ledernen Drehstuhl und sein Hemd knittert sehr französisch. In dem ersten Buch „Solange du da bist“ – mit dem er berühmt wurde und Steven Spielberg zwei Millionen Dollar für die Filmrechte entlockte – tritt aus einem Badezimmerschrank der Geist einer Frau, der zwar nicht mehr zu fassen ist, in den man sich aber immer noch verlieben kann. Man könnte deshalb meinen, Levy habe eine besondere Beziehung zu Badezimmerschränken. Oder zu Schränken. Oder zu Badezimmern. Stimmt alles nicht.

Der Schriftsteller hat eine besondere Beziehung zu Küchen. In seiner Küche wirft man die Abfälle einfach durch ein Loch in der Arbeitsplatte, auch die Waage ist in der Platte versenkt. Levy hat einen Wasserhahn, der eher eine Dusche ist mit einem Schlauch, und draußen vor dem Fenster hängen verschiedene Sorten Käse und kühlen. Auf der Anrichte ein Fernseher so breit wie ein 100 Jahre alter Baum. Wenn er kocht, serviert er zu jedem Gang einen anderen Wein.

All das bedeutet ihm: zuhause sein. So wohnt keiner, dem Wohnen egal ist. Dies ist eine herrschaftliche, hochtürige Wohnung, mit Platz für die Habseligkeiten eines ganzen Lebens. Aber was ist das?

„Ich hasse Paris“, sagt Levy. „Ich werde wieder wegziehen.“ Levy war auf Paris schon einmal besser zu sprechen. Mit seinem Sohn Louis, 15, habe er neulich vor dem Fernseher gesessen. Der Film spielte in London. Die beiden haben sich angeguckt. Da haben sie beschlossen, dass sie wieder nach London wollen.

Die Liebe ist unbeständig, und vielleicht ist ihr Verlust der Grund, dass diese Wohnung nach gängigen Maßstäben zwar ein Traum ist, aber nicht mehr Levys. Es gibt wenig Persönliches außer Fotos von seinem Sohn und welche von der Großmutter. Es gibt keine Zeitungsstapel, nichts Aufgeschlagenes, nur Aufgeräumtes. Das allerdings liegt auch daran, dass „work in progress“ für ihn nicht ständiges Schreiben und Lesen ist. Levy sagt, er braucht nur drei Monate für ein Buch. Das sind dieselben drei Monate, in denen er raucht. Das Schreiben sei das geringste Problem. Den Rest des Jahres denkt er sich die Handlung aus und recherchiert das Umfeld, in dem sie spielen soll. Levy ist ein Plot-orientierter Autor. Für den Plot ist es nicht so wichtig, dass sein Arbeitszimmer stimmt, sondern die Stadt, in der er wohnt. „Ich habe ja kein Büro, in das ich jeden Tag gehe. Die einzigen Interaktionen finden im öffentlichen Raum statt. Beim Bäcker. Ich muss Leute beobachten und mit ihnen reden".

Es gibt auch Städte für ein gewisses Lebensalter, sagt er. „Ich wollte nicht, dass mein Sohn 15 in New York ist. Aber es gefällt mir, dass er in London 15 ist. Ich hätte jetzt das Alter für New York.“ Und wohl auch das Geld. In wenigen Städten kann man ohne Geld gut leben. In Paris muss man es sich leisten können, in Sartres Café am Boulevard den Literaten zu geben. Aber das ist nicht das Problem. „Sonntags zum Beispiel ist London ganz lebendig. Paris ist tot.“ St. Germain und Marais seien die einzigen Viertel, in denen am Tag des Herrn noch Leben zu finden sei.

Über Levy sagt man oft, dass er filmisch schreibt. Er benutzt die Wohnwelten als Auslöser des Films im Kopf. Wenn er in seinen Büchern „Landhaus“ sagt und „englisch“, tauchen im Kopf all diese geblümten Assoziationen auf, und damit lässt sich ein Roman möblieren. Die Malerin in Boston steht in seinem neuen Buch an ihren großen Atelierfenstern und raucht. Levy behauptet, das ist ein Teil ihres Charakters. Dass er verschiedene Wohnweisen kennt, ist wichtig für die interkontinentale Lässigkeit in seinen Büchern. Und auch, damit Spielberg schon mal weiß, wie er seinen Film ausstatten muss.

Auf den weißen Sesseln im Flur, in denen vermutlich nie jemand sitzt, liegen zwei bestickte Kissen: „Si c’était vrai“ und „La prochaine fois“ sind darauf gestickt: Seine Romantitel sind zur Wohnungseinrichtung geworden. Lange geht das nicht so weiter. Er hat hier nichts mehr verloren. Im August zieht er wieder nach London.

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