Libanon : Ein vermintes Land

Kein Parlament, 13 gescheiterte Versuche, einen Präsidenten zu wählen: Der Machtkampf zweier unübersichtlicher Lager treibt den Libanon immer tiefer ins Chaos. Die Menschen suchen Gründe, zu hoffen: Ein Barbesitzer, ein Regierungspolitiker und ein deutscher Sprengstoffexperte etwa.

Der kleine Ort ist tief in die Mittagsstille versunken. Ein paar Plastiktüten schleifen durch den Staub, sonst rührt sich nichts zwischen den flachen Betonhäusern von Schukin. Aus dem Minarett der Moschee dringt der Ruf zum Gebet, der getragene Klang schwillt an und ab, zieht über die Hügel und verweht. „Nächstes Krankenhaus: Najdeh, 7 km, 9 min“ steht auf der Tafel in einem Rohbau am Rande des Dorfes.

Ein kräftiger Mann in robuster Arbeitskleidung stapft zwischen den Betonträgern umher, blättert in den Unterlagen auf seinem Klemmbrett und ruft den Männern, die um ihn herumstehen, knappe Anweisungen zu. „Hier im Dorf räumen wir jetzt seit sechs Monaten Munition“, sagt Masche später.

Frank Masche, 39, ist Sprengstoffexperte aus Berlin. Er war bei den Pionieren der Nationalen Volksarmee, dort hat er den Umgang mit Sprengstoff gelernt. Seit 17 Jahren reist er als Minenräumer den Kriegen der Welt hinterher. Afghanistan, Kroatien, Irak, Sudan. In den Libanon kam er vier Wochen vor Kriegsbeginn. Er sollte räumen, was Israel nach seinem Einmarsch 1982 zurückgelassen hat, 2009 sollte die Arbeit getan sein.

Es kam anders, und so ist Masche mit seinem Dutzend Helfern nun einer der wenigen in diesem vom Krieg geschundenen Land, die das Gefühl haben, wenigstens irgendetwas tun zu können, das etwas an der Lage ändert.

Masche späht über das Tal, wo sich ein paar seiner Leute bewegen. Ringsum graubraune Felder. Von dieser entlegenen Gegend im Südlibanon griff die schiitische Hisbollah während des 34-Tage-Krieges im Sommer 2006 Israel an. Hier hatte sie ihre Militärbasis, Bunker, Trainingscamps. Hier feuerte sie ihre Raketen ab. Der Gegenschlag traf sie hier mit besonderer Härte. Noch kurz vor dem Ende der Gefechte übersäten israelische Kampfflugzeuge das Land mit Hunderttausenden Streubomben.

„Im Prinzip“, sagt Masche, „muss man sich das vorstellen wie einen Schrotschuss: Die Trägermunition gibt vor dem Aufprall viele kleine Sprengsätze frei.“ Die liegen nun auf Äckern und in Gärten, haben sich auf den Dächern verklemmt oder hängen in Bäumen. Dutzende Menschen haben sie aus dem Leben gerissen, Hunderte haben Arme oder Beine verloren. Noch immer sterben Menschen. Bauern bei der Feldarbeit, wenn sie auf Blindgänger treten. Kinder, wenn sie beim Spielen danach greifen. Der Waffenstillstand zwischen Israel und den Hisbollahmilizen trat am 14. August 2006 in Kraft, doch für die Bevölkerung im Süden des Libanon ist der Krieg längst nicht zu Ende. Die Risse, mit denen dieser Sommer vor zwei Jahren das Land überzogen hat, sind tief. Mitten in Beirut, im Herzen der Stadt, laufen sie zusammen.

Die eleganten Art-Déco-Häuser rings um den Sternenplatz sind neu, das ist nicht zu übersehen: Die Innenstadt wurde zwischen 1975 und 1990, in den Bürgerkriegsjahren, in Schutt und Asche gelegt und anschließend wieder aufgebaut. Nun patrouillieren Soldaten vorbei an menschenleeren Straßencafés; die Fußgängerzone liegt verlassen hinter dicken Spiralen aus Stacheldraht. Gegenüber haben die Hisbollah und ihre Verbündeten der Opposition ein Zeltlager aufgeschlagen. Graue Planen schlagen im Wind hin und her, Männer mit ernsten Gesichtern schreiten die Zeltreihen ab und nuscheln in ihre Funkgeräte. In Beirut tritt die Hisbollah als politische Partei auf; dass sie im Krieg gegen Israel nicht untergegangen ist, hat die Position der islamistischen Organisation im Volk massiv gestärkt. Das Protestcamp hier schlug sie im November 2006 mit der Forderung nach dem Rücktritt der prowestlichen Regierung auf. Die stellt die Hisbollah mit einigem Erfolg als Marionette der USA dar.

Der Machtkampf zwischen den beiden Lagern treibt das Land immer tiefer ins Chaos. Die Regierung ist nicht handlungsfähig, das Parlament geschlossen, seit Ende November hat der Libanon nicht einmal mehr einen Präsidenten; 13 Termine zur Wahl eines Staatsoberhauptes sind gescheitert. Den 14. Versuch sollte es heute geben, er wurde in letzter Minute ein weiteres Mal verschoben, auf Ende Februar.

Und in immer kürzeren Abständen kommt es wieder zu Eruptionen von Gewalt. Seit Jahresbeginn sind in der Stadt zwei Bomben explodiert. Vor wenigen Tagen starben sieben Menschen bei Straßenunruhen. Die Gerüchte häufen sich, dass sich die Milizen des Bürgerkriegs wieder zusammengefunden haben, trainieren und ihre Waffenlager auffüllen.

Abends, wenn Gruppen junger Männer ihre Wachposten an den Straßenecken der Vororte besetzen, knipsen die Bars in der Stadt ihre Beleuchtung an. Massen schöner junger Menschen schieben sich am Wochenende über die Ausgehmeile des Christenviertels Gemmayzeh. In deren Mitte liegt die „Biba Bar“. Hier sind die Partys selbst für Beiruter Verhältnisse besonders ausgelassen.

Das schmale Lokal füllt sich schnell. In der Ecke halten sich zwei lesbische Mädchen mit kurz geschorenen Haaren an der Hand, dunkle Elektrobeats vibrieren bis in den Brustkorb, die Menge wiegt sich im Takt. Titel des Liedes: „Beirut is on fire again“. Es stammt von Rabieh Aouad, Musiker, DJ und Inhaber der „Biba Bar“. Ein stämmiger Mann, 33 Jahre alt, mit sorgsam zerwühltem Kurzhaarschnitt, er dreht die Anlage noch etwas lauter. „Die Politik hält uns gefangen“, schreit er gegen die Musik an. „Wir haben den ganzen Dreck so satt, aber wir können dem Thema nicht entkommen.“ Er lehnt sich an die Bar und starrt düster in die verrauchte Luft. Gerade erst hat er einen Freund verabschiedet. Wieder einen.

Die politische Lähmung hat die Wirtschaft zum Erliegen gebracht, die Jungen, gut Ausgebildeten fliehen in Scharen aus einem Land, das ihnen keine Perspektiven bietet. Anders als Rabieh Aouad. Sein Geschäft, sagt er, sei krisenfest. „Ausgegangen wird immer, selbst wenn Krieg ist. Wir leben von Tag zu Tag und immer so, als wenn es der letzte wäre. So läuft das hier seit 30 Jahren.“

Ein Stammgast kommt herein. Aouad ruft: „Hi, kefak, ça va?“ und macht eine lässige Handbewegung in Richtung Tresen. Die junge Kellnerin schenkt zwei Tequila aus, die Aouad und der Gast hastig in sich hineinsaugen. Sein Vertrauen in die Politik, sagt Aouad, habe er längst verloren. „Mir ist egal, wer sich durchsetzt: Opposition oder Regierung.“ Über seine Stirn zieht sich eine Zornesfalte. „Beide Seiten sind nur an ihrer eigenen Macht interessiert, sie zerstören damit das ganze Land.“

Es ist noch nicht spät, gerade nach Mitternacht, ein Grüppchen, alle Anfang 20, taumelt ins Freie, ihr Lachen flattert in die Nacht, Pfennigabsätze klackern auf dem Asphalt. Sie ziehen vorbei an einer Mauer, die mit Einschusslöchern übersät ist. Beirut, die geschlagene Stadt, trägt überall die Narben der Gewalt.

Selbst an der Corniche, der Strandpromenade, an der Luxuslimousinen in hoher Dichte vorbeirauschen. An Strandcafés und militärischen Checkpoints steht ein Gebäude, dessen Fassade in Fetzen herunterhängt. An dieser Stelle begann vor drei Jahren die Serie politischer Morde im Libanon, als 300 Kilogramm TNT explodierten und der frühere Ministerpräsident Rafik al Hairiri starb. Sechs prowestliche Abgeordnete wurden seither durch Anschläge getötet, die Parlamentarier leben unter strengster Bewachung.

Der Weg ins „La Hoya“, einen noblen Appartmentturm, führt durch mehrere Sicherheitssschleusen. „Willkommen in meinem Gefängnis“, sagt Jawad Boulos, ein hochgewachsener, zurückhaltender Mann, 41 Jahre alt. Das Meer draußen schimmert tiefblau durch einen Schleier aus Stoff. Boulos hält seine Gardinen immer zugezogen, auch tagsüber. Furcht vor Scharfschützen. Während des Interviews läuft ein Leibwächter in seiner Suite auf und ab. „Der Ehrgeiz zum Märtyrer“, sagt Boulos, „sollte keine Voraussetzung sein, wenn man Politiker werden will. Unglücklicherweise ist das im Libanon der Fall.“

Boulos ist christlicher Abgeordneter. Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs dominierten die Christen den Libanon. Ihr Einfluss ist gesunken, aber sie mischen noch immer maßgeblich mit. Religion und Macht sind eng verflochten.

Um konfessionelle Konflikte zu verhindern, ist die politische Macht im Libanon proportional zum Bevölkerungsanteil verteilt: auf Sunniten, Schiiten, Drusen und Christen. Das Problem ist, dass niemand genau weiß, wie viele Menschen im Land leben und wie sie sich auf die einzelnen Volksgruppen verteilen. Die offiziellen Zahlen stammen aus einer Volkszählung von 1932. Der Anteil der Christen ist deutlich gesunken, so viel ist sicher. Verglichen mit den Muslimen wandern sie stärker ab, kriegen weniger Kinder. Die Schiiten sehen sich deshalb stark benachteiligt. Es ist der Kern der derzeitigen Krise. Er birgt so viel Zündstoff, dass kaum jemand wagt, das Thema nur anzusprechen. Vor allem die überwiegend rechtsgerichteten christlichen Politiker lehnen eine neue Zählung ab. Sie fürchten um ihren Einfluss. Denn laut Schätzungen hat sich ihr Anteil von ehemals 60 Prozent inzwischen halbiert.

Boulos sagt: „Wir stecken mitten in einem Kampf um das Überleben des Libanon als offene, tolerante, unabhängige Demokratie gegen Syrien, den Iran und ihre lokalen Verbündeten.“ Er meint die Opposition, die der Mehrheitskoalition vorwirft, Marionette der USA und letztlich Israels zu sein. „Wir wissen“, sagt Boulos, „dass unsere Gegner die Morde als Druckmittel einsetzen.“ Er ist sicher, dass die einstige Protektoratsmacht Syrien die Verantwortung für die Anschläge trägt. Der Westen denkt das auch. Doch es gibt keine Beweise. Und die Regierung in Damaskus streitet die Vorwürfe ab.

Tatsächlich gibt es ein solch wirres Durcheinander gewaltbereiter Kräfte im Libanon, dass es mit den Schuldzuweisungen nicht so einfach ist. Und nun sollen sich die verfeindeten Lager auf einen Präsidenten einigen. Seit 15 Monaten legen die Hisbollah und ihre Verbündeten die Politik des Landes mit ihrer Forderung nach einem größeren Anteil an der Macht lahm. Diese Opposition beansprucht ein Drittel der Sitze innerhalb eines neuen Kabinetts, um künftig Regierungsentscheidungen blockieren zu können.

Demgegenüber steht die Front der Mehrheitskoalition: „Damit würden wir Syrien und dem Iran das Vetorecht geben. Das wäre das Ende des Staates Libanon“, sagt Jawad Boulos. Zwischen seinen Fingern verglüht eine Zigarette, an der er während des Gesprächs vergessen hat zu ziehen.

Wenn man das Land mit den Augen Jawad Boulos’ oder Rabieh Aouads betrachtet, dann ist die Lage düster bis aussichtslos. Vielleicht muss man es mit den Augen Frank Masches sehen, um Hoffnung ausfindig zu machen.

In Dörfern wie Schukin werden Schlachtfelder wieder zu Äckern, allmählich, aber immerhin. Di e Minenräumer bewegen sich Quadratmeter für Quadratmeter voran, schneiden Grashalme, wenden Steine. Masche schreitet achtsam, aber zügig über die Böschung, vor einem flachen Felsbrocken geht er in die Knie. Eine unscheinbare Metallkugel liegt darunter, ein Stück nur, das aus der Erde ragt. Die leiseste Berührung könnte sie brechen. Ihre Splitter wären noch in zehn Meter Entfernung tödlich. Masche sagt: „Ich gehe kein größeres Risiko ein als jemand, der freitagnachmittags im Kleinwagen über die A9 fährt.“ Der Unterschied ist, dass er hier bei etwas hilft.

Wie lange es dauern wird, bis alle Streubomben eingesammelt sind, kann niemand sagen. Masche winkt müde ab. „Irgendwann gewöhnt man sich solche Gefühle wie Frustration ab.“ Er schweigt einen Moment. „Aber wenn wir abends ins Bett gehen, wissen wir: Jede geräumte Mine ist ein gerettetes Leben.“

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