Libyen-Affäre : Die fast kriegerische Schweiz

Einer von den vielen, vielen guten Gründen, die Schweiz und ihr munteres Bergvolk im Herzen Europas gerne zu haben, ist die Friedfertigkeit. Wiewohl wehrhaft mit der Waffe im eigenen Schrank, ist die Schweiz militärisch nie sonderlich in Erscheinung getreten. Und die Schweizergarde gebraucht ihre Hellebarde auch schon lange nur noch zum Zweck der Repräsentation des Papstes. Berühmt sind aber dennoch, weil in Wahrheit nicht existent, die Schweizerische Marine und, weil robust, hochwertig, nahezu unkaputtbar, das Schweizer Militärfahrrad, auch Ordonnanzrad 05 genannt. Es ist offiziell nicht mehr im Einsatz, aber leicht hätte es im vergangenen Jahr und dem davor doch noch gebraucht werden können. Gewiss ist das Ordonnanzrad 05 auch wüstentauglich. Damit wäre es prädestiniert gewesen für einen angedachten Auftrag. 2008 und 2009 erwog das Schweizer Verteidigungsministerium den kurzfristigen und kurzzeitigen Einmarsch des Schweizer Heeres nach Libyen. Oder wenigstens die Einschleusung einer Aufklärungseinheit der Armee, dazu wäre das Velo ideal gewesen – wendig, leise, vom Radar praktisch nicht auszumachen. Und weil der Gepäckträger mit bis zu 80 Kilo belastbar ist, hätte man auf ihm auch die Zielobjekte der Aktion abtransportieren können.

Das wäre doch ein schönes Bild für die Weltpresse geworden: Die Aufklärungseinheit der Schweizer Armee überstrampelt Libyens Grenze zu Ägypten oder Algerien und auf den Gepäckträgern zweier Ordonnanzräder 05 sitzen rittlings und winken fröhlich Max Göldi und Rachid Hamdani. Um die beiden ging es nämlich, um die Geschäftsleute also, die Libyens stark operettenhafter und leicht durchgeknallter Revolutionsführer Muammar al Gaddafi Mitte 2008 in Gewahrsam genommen hatte. Das war die Rache, weil sein Sohn Hannibal einen Monat zuvor in Genf wegen des Verdachts auf Körperverletzung, Drohung und Nötigung festgenommen worden war. Hannibal al Gaddafis Vorschlag zur Vergeltung ließ sich nicht umsetzen. „Hätte ich eine Atombombe, würde ich die Schweiz von der Landkarte entfernen“, sagte er seinerzeit. So mussten, neben dem Abbruch der wirtschaftlichen Beziehungen, die Geschäftsleute herhalten. Und diese, so der Plan, sollte die Armee befreien. Man muss davon ausgehen, dass die Welt knapp vor einem ernsthaften Konflikt stand. Die kleine, eigentlich neutrale Schweiz im Kriegszustand mit der islamischen Welt, ohne Marine, mit Fahrrad und Klappmesser – der Westen hätte sich nicht raushalten können. Dem Rütli sei Dank, Gaddafi lenkte ein, die beiden Geiseln sind wieder frei.Helmut Schümann

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