Zeitung Heute : Licht aus

Wenn der Vorhang fällt und der Applaus verebbt, ist auch das Lampenfieber verflogen. Vier Geschichten über die Stunde nach dem Auftritt.

Alva Gehrmann

Sabine Christiansen, Moderatorin (48) –

23 Uhr

Das Abschalten ist bei mir ein fließender Prozess, denn nach der Sendung geht die Arbeit ja noch weiter. Vom Studio in der Blauen Kugel fahre ich mit den Gästen ins Hotel Intercontinental – in der Bibliothek gibt es stets einen kleinen Empfang.

Der Raum hat eine besondere Ausstrahlung: In dem warmen Licht, zwischen all den Büchern entsteht eine intime Atmosphäre. Manche Gäste, die sich zuvor heftig angegangen sind, sitzen nun gemeinsam vor dem Kamin und verdeutlichen einander ihre Argumente. Es ist oft zu beobachten, dass gerade politische Gegner den Empfang dazu nutzen, die Position des anderen auszuloten, bevor sie sich am nächsten Tag wieder öffentlich streiten. Die Bibliothek ist neutrales Terrain.

Für die Redaktion und mich beginnt bei Häppchen und einem Glas Weinschorle die zweite Interviewphase. In der Stunde nach der Sendung ist Zeit, nachzufragen, warum der eine oder andere Studiogast nicht geantwortet oder nicht mehr gesagt hat. Den US-Sicherheitsexperten Richard Perle etwa fragte ich, wie er wirklich zu Bushs Politik steht. Dann reden sie meistens offener, für unsere Arbeit ist das hervorragend – es ist ein Vor- und Nachgespräch.

Zwischendurch checke ich mit meinen Kollegen schnell, wie die ersten Reaktionen auf die Sendung sind. Welche Zuschaueranrufe und Mails gekommen sind. Ein Studiogast ist immer im Chat, manchmal gesellen sich andere dazu. Jede Sendung ist anders. Und so besprechen die Kollegen und ich, ob die Gewichtung richtig war, wir etwas vergessen haben – die Quote ist nur auf lange Sicht wichtig.

Nur einmal war ich nach einem Auftritt richtig erschöpft. Damals präsentierte ich die „Tagesthemen“, als plötzlich der erste Golfkrieg begann – acht Stunden musste ich nonstop live moderieren. Das war wirklich hart.

Die Empfänge nach meiner sonntäglichen Sendung sind dagegen fast schon Routine, obwohl das natürlich auch von den Gästen abhängt – wenn Tony Blair da ist, ist das schon etwas Besonderes.

Später am Abend wird mit den Politikern auch mal über Privates gesprochen, so entstehen mit der Zeit persönliche Bekanntschaften. Solange ich noch als Gastgeberin fungiere, komme ich kaum zum Nachdenken.

Die eigentliche Stunde nach dem Auftritt beginnt für mich erst, wenn der Produktionsfahrer mich nach Hause bringt. Das kann auch schon mal zwei Uhr nachts sein.

Jeden Sonntag moderiert die Fernsehjournalistin ab 21 Uhr 45 live die nach ihr benannte Polit-Talkrunde.

Dmitry Artemiev, Artist (38) – 22 Uhr 30

Nach der Show atme ich erst mal tief durch. Äußerlich wirke ich auf die anderen, glaube ich, entspannt. Innerlich aber bin ich noch eine ganze Weile aufgedreht. Denn den ganzen Tag über habe ich mich ruhig gehalten, um abends die nötige Spannung zu haben. Da braucht es Zeit, bis ich von meinem Adrenalinschub wieder runterkomme.

Hoch oben am Trapez ist mein Arbeitsplatz. Als Artist muss ich nicht nur körperlich fit sein, die Konzentration ist genauso wichtig: Nur eine Sekunde nicht aufpassen und meine Partnerin Elena würde auf die Bühne fallen. Das vergesse ich nie. Und daher ist auch die Anspannung immer da, selbst nach 20 Jahren Berufserfahrung. Die Höhe, in der wir unsere Trapez-Künste zeigen, spielt dabei übrigens keine Rolle – egal ob fünf oder zehn Meter, die Anspannung ist die Gleiche. Die körperliche Entspannung nach dem Auftritt fällt mir leicht. Ich bin jetzt zwar schon aus der Puste, muss mich aber nicht extra dehnen oder lockern. Nur einmal, nach einem Auftritt im Moskauer Staatszirkus, fühlte ich mich seltsam. Als ich von der Bühne ging, nahm ich die Geräusche um mich herum nur aus der Ferne wahr, war für zehn Minuten wie benebelt. Zum Glück ist mir das nie wieder passiert.

In meinen Gedanken beschäftigt mich der Auftritt länger: Ich rede nicht viel darüber, mache das lieber mit mir selbst aus. Perfekt ist eine Darbietung fast nie, doch heute hat alles gut geklappt. Der Applaus des Publikums tut gut, ist Bestätigung für unser hartes Training. Auch der Zwischenapplaus ist sicher nett gemeint, doch er irritiert Elena und mich, lenkt uns am Trapez ab. Ob eine Vorstellung schön war oder nicht, hängt auch von der Stimmung im Ensemble ab. Wir sind über 30 Künstler, jeder hat seine Launen.

Hinter der Bühne ist nach dem Auftritt ein großes Gewusel. Die Musiker packen ihre Instrumente zusammen, wir Artisten schminken uns ab, manchmal verquatschen wir uns mit Kollegen. Die meisten sind viel in der Welt herumgekommen. Da gibt’s immer Geschichten zu erzählen. Elena ist nicht nur meine Kollegin, sondern auch meine Lebenspartnerin. So habe ich nach dem Auftritt ein Stück russischer Heimat und Familie bei mir.

Sieben Mal pro Woche tritt der Trapez-Künstler in der Wintergarten-Inszenierung „Mozart am Trapez“ gemeinsam mit seiner Partnerin Elena als „Duo Artemiev“ auf.

Carmen-Maja Antoni, Schauspielerin (60) – 22 Uhr 40

Die „Mutter Courage“ wegduschen und wieder ein Mensch werden, das ist mein erster Gedanke, wenn ich von der Bühne komme. In der Garderobe hilft mir die Maskenbildnerin die Perücke abzunehmen, die Garderobiere zieht mich aus. Dann sitze ich erst mal ein paar Minuten. Trinke einen Schluck Sekt und schaue mir die Blumen und Briefe der Fans an. Bin froh.

Kurze Zeit später kommt die Souffleuse mit ihrem Fehlerzettel – auf dem sind alle Stellen notiert, bei denen ich vom Text abgewichen bin. Die Souffleuse nimmt das ganz ernst und ist sehr streng mit mir. Manchmal habe ich nur ein „und“ vergessen. Ist die Fehlerliste abgehakt, kann ich endlich meine Garderobentür zumachen. Beim Duschen rauschen die Bilder des Abends noch mal an mir vorbei, der Applaus hallt leise nach, das Glück über die Bravo-Rufe. Langsam entspanne ich mich und verwandle mich wieder in Carmen-Maja. Die Stunde nach dem Auftritt hat schon etwas Magisches, besonderes für Schauspieler.

Ich bin danach eher der stille, genießende Typ. Doch es gibt auch den einen oder anderen Schauspieler, der, wenn der Vorhang fällt, noch aufgedrehter oder nervöser ist als vorher. In den alten Bühnenverträgen gab es einen extra Passus, der besagte, dass Schauspieler in der Stunde nach ihrem Auftritt nicht voll zurechnungsfähig sind – und somit auch nicht voll schuldfähig. Etwa, wenn sie jemanden verdreschen. Heute gibt es den Passus nicht mehr.

Ich lebe mein Temperament immer auf der Bühne aus. Nach einer dreistündigen Aufführung wie der „Courage“ bin ich ohnehin total erschöpft. Am liebsten gehe ich dann schnell nach Hause, außer natürlich bei der Premiere. Das ist immer ein großer Tag, da wird die Luft rausgelassen, gefeiert und getanzt wie auf einer Hochzeit. Kommen dann noch die Bravo-Rufe, ist man versöhnt.

Wenn ich nach einer Vorstellung das Theater verlasse, denke ich aber nicht mehr über den Auftritt nach, eher: Kommt die Bahn schnell? Oder: Hoffentlich regnet es nicht.

Derzeit spielt Antoni im Berliner Ensemble unter anderem die Hauptrolle in Bertolt Brechts Theaterstück „Mutter Courage und ihre Kinder“.

Murat Topal, Comedian (30) – 21 Uhr

Wenn ich auf die leere Bühne schaue, kann ich es manchmal gar nicht glauben. Dort stand ich eben, und die Leute haben richtig gelacht. Vor einigen Monaten noch saß ich selbst im Publikum und fragte mich: Ob ich es doch noch schaffen werde, da oben zu stehen?

Inzwischen toure ich mit meinem ersten Programm durch Deutschland. Beim „Club Mix“ im Quatsch Comedy Club ist das Besondere, dass ich hier mit vier Kollegen auftrete. Wenn ich von der Bühne komme, gucke ich mir auch immer das Stand-up der anderen an, beobachte, wie er oder sie mit dem Publikum agiert. Das Publikum belohnt oder bestraft dich sofort: Entweder sie lachen über einen Gag oder es bleibt still. Als Stand-up Comedian bist du, denke ich, angreifbarer und verletzlicher als ein Schauspieler, der in seine Rolle schlüpfen kann. Ich erzähle in meinem Programm echte Geschichten aus meinem Leben. Natürlich sind sie zugespitzt, trotzdem bringe ich meine eigene Person auf die Bühne.

Zum Glück habe ich bisher noch nie gegen eine Wand gespielt. Man leidet schon mit, wenn es bei Kollegen nicht so gut läuft. Die meisten sind nett, fangen dich auf, wenn du mit deinem Auftritt unzufrieden warst. Doch es gibt auch Missgunst. Ich versuche gelassen zu bleiben. Dabei hilft mir auch die Erfahrung aus meinem vorherigen Job: Als Polizist war ich einige Jahre in Kreuzberg eingesetzt, da musst du dich auch mit vielen verschiedenen Menschen auseinander setzen.

Am Ende der Show lassen wir meistens den Abend an der Bar ausklingen. Der „Club Mix“-Abend ist eine nette Gelegenheit, sich mit Kollegen auszutauschen. Sie haben einen anderen Blick, sie kritisieren einen, sagen aber auch: Das war gut, mach’ das immer! Oder geben mir Tipps, wie ich zum Beispiel mein Timing verbessern kann.

Wenn ich mein Soloprogramm spiele, bin ich allein mit meinen Gedanken. Vor allem, wenn ich fernab meiner Heimat Berlin in einer fremden Stadt spiele. Dann denke ich oft: So anstrengend habe ich mir den Beruf nicht vorgestellt. Aber ich habe es ja so gewollt.

Der Berliner tourt gerade mit seinem ersten Soloprogramm „Getürkte Fälle – ein Cop packt aus“ durch Deutschland.

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