Zeitung Heute : Licht in der Dämmerung

Seine Scheinwerfer haben ihn überführt – das Urteil: schuldig, auf Bewährung. „Turbo-Rolf“ kämpft weiter für seine Unschuld

Ursula Knapp[Karlsruhe]

Es ist Montag, der 14. Juli 2003, vier Uhr. In Schwaben machen sich in dieser heißen Julinacht vier Männer von Daimler-Chrysler für ihre Dienstreise nach Papenburg im Emsland fertig. Am Abend wird einer der vier in den spektakulärsten Verkehrsunfall verstrickt sein, den die Republik in den letzten Jahren erlebte. Er wird wegen fahrlässiger Tötung einer 21-jährigen Fahrerin und ihrer zweijährigen Tochter verurteilt. Rolf F. geht in Berufung und kämpft um seinen Freispruch.

Vor dem Landgericht Karlsruhe hat der 35 Jahre alte Ingenieur gestern einen Teilerfolg erzielt. Die Strafkammer hat ihn zwar ein zweites Mal schuldig gesprochen, aber er erhält eine mildere Bewährungsstrafe. Der Vorsitzende Richter berief sich auf Vergleichsfälle: Bei einem gefährlichen Überholmanöver mit Gegenverkehr, das ebenfalls einem Menschen das Leben kostete, hatte das Landgericht den Fahrer nur zu einer Geldstrafe verurteilt.

Doch Rolf F. genügt die Bewährungsstrafe nicht. Er hat seine Schuld immer geleugnet und hofft immer noch auf einen Freispruch. Sofort nach der Urteilsverkündung nennt sein Anwalt das Urteil „falsch“ und kündigt Revision an: „Mit den Rechtsfolgen kann man zwar theoretisch leben, aber mein Mandant ist unschuldig“, sagte er.

Der Angeklagte selbst hat zu diesem Zeitpunkt den Gerichtssaal schon verlassen. Mit versteinerter Miene hatte er sich zuvor die Begründung angehört. Nur die schweißnasse Stirn im klimatisierten Gerichtssaal ließ auf seine innere Anspannung schließen. „Turbo-Rolf“, wie ihn Kollegen nannten, war dem gesamten Prozess sehr beherrscht gefolgt, hatte sich einmal auch für seine faire Behandlung durch das Gericht bedankt. In einer akribischen Beweisaufnahme hatten der Vorsitzende Richter Harald Kiwull und zwei Schöffinnen aufzuklären versucht, was an diesem 14. Juli 2003 geschah.

Die vier Männer sind bei Daimler-Chrysler in Sindelfingen angestellt, zwei als Ingenieure, der dritte ist Techniker, der vierte und jüngste ist als Mechaniker beschäftigt. Die beiden Ingenieure dürfen eigene Dienstwagen der S-Klasse fahren. Der junge Mechaniker muss bei dem Techniker zusteigen. Der väterliche Herr, der ihn morgens um fünf Uhr abholt, ist 60 – ein Gemütlicher, er fährt „nur“ E-Klasse. Als sich die beiden der Autobahn nähern, herrscht gerade „bürgerliche Dämmerung“, das wird der Richter ein Jahr später feststellen.

Der eine Ingenieur, Teamleiter der Gruppe, soll schon auf der Autobahn sein. Ausgerechnet der zweite – der spätere Angeklagte Rolf F. – ist an diesem Morgen der Letzte, obwohl er doch für das Einchecken des Quartetts in Papenburg verantwortlich ist. Die bürgerliche Dämmerung geht schon in den Sonnenaufgang über, als er seinen privaten Mercedes SLK abstellt und den CL 600 Biturbo Coupé holt. Er tankt noch im Werk. Die Funkuhr registriert 5 Uhr 22 als Tankzeit. Bis zum Mittag sollen alle in Papenburg sein. Sechseinhalb Stunden für 650 Kilometer, sein Fahrzeug hat 476 PS.

Jetzt ist auch der Letzte der vier auf dem Weg. Oder doch nicht? Der Entwicklungsingenieur wird später angeben, dass er noch einmal zu seinem Mercedes SLK zurück ist, um einen CD-Wechsler im Kofferraum zu suchen. Dann habe er noch Tabakkrümel im CL 600 weggesaugt. Er kam deshalb erst um 6 Uhr 45 Uhr los. Später korrigiert er sich, es sei kurz nach halb sechs gewesen. Er habe sich die früheren Zeiten zurechtgelegt, erklärt er vor Gericht. „Das waren Lügengeschichten“, kommentiert Richter Kiwull. „Den Einlassungen des Angeklagten ist kein Glauben zu schenken,“ sagt er im Urteil. Aber das Gericht geht auch davon aus, dass der Angeklagte zumindest Zweifel an seiner Schuld hatte: „Er war sich jedenfalls selbst nicht sicher, ob er es war“, sagte der Richter.

„Er ist ein nervöser Typ“, beschreibt ein Kollege den hageren Mann, „hat immer viel geraucht.“ Der ältere Techniker, der an diesem Morgen ebenfalls nach Papenburg unterwegs ist und nur E-Klasse fährt, war es, der ihm den Spitznamen „Turbo-Rolf“ gegeben hat. Das war freundlich gemeint, bezog sich auf dessen Zuständigkeit für die S-Klasse, erklärt er im Zeugenstand. Bezog es sich nicht auch auf den „nervösen Typ“ und auf dessen Fahrweise?

Einmal hat „Turbo-Rolf“ AsphaltCowboy gespielt. Oben in Papenburg führte er vor, wie man einen Reifen platzen lassen kann, wenn man schnell im Kreis fährt. Er brauchte nur zwei Minuten. Ein anderer sagte nach einer gemeinsamen Fahrt nach Papenburg: „Da fahre ich nicht mehr mit.“ Andere Kollegen widersprechen, kritische Situationen hätten sie „nie mit ihm erlebt“.

Die Verkehrssünderdatei nennt einen Eintrag für Rolf F. Wegen Geschwindigkeitsüberschreitung erhielt er vor rund zwei Jahren eine Geldbuße und einen Punkt. Richter Kiwull hält ihm seine vergleichsweise geringe Auffälligkeit im Straßenverkehr und die unterschiedlichen Aussagen zu seinem Fahrverhalten zugute. Kritik übt Kiwull an den Medien: „Der unwürdige und menschenverachtende Umgang eines Teils der Presse mit seiner Person hat den Angeklagten psychisch und physisch nachhaltig beeinträchtigt.“ Ein Boulevardblatt hatte den Angeklagten als „Vollgaskiller“ bezeichnet. „Er ist nicht der Rambo der Straße gewesen, als der er oft beschrieben wurde“, sagt der Richter. Dennoch – am Morgen des 14. Juli verhielt sich Rolf F. nach Überzeugung des Gerichts grob rücksichtslos und „verursacht den Tod zweier sehr junger Menschen“.

An diesem Morgen hat die 21-jährige Jasmin A. ihren Freund zur Arbeit gefahren und befindet sich mit ihrem Kleinwagen Kia auf dem Rückweg, hinten sitzt angeschnallt die gemeinsame Tochter. Jasmin A. überholt gerade einen Ford Transit auf der linken der drei Fahrspuren mit Tempo 150 und bleibt etwas länger auf der Überholspur, als sie unbedingt muss. „Aber sie ist hat ihren Spielraum nicht überschritten, es gibt kein Verschulden der Fahrerin“, sagt der Richter zur Verteidigung, die das Gegenteil behauptet. Ein dunkler Mercedes braust mindestens mit Tempo 220 auf die junge Fahrerin zu und geht nur kurz vom Gas.

„Da passte keine ,Bild’-Zeitung mehr dazwischen“, wird später der Handwerker im Transit sagen, den sie gerade überholt hatte. Es können maximal 20 Meter gewesen sein, sagt ein Gutachter. Die Frau erschrickt, reißt das Steuer nach rechts, der Wagen bricht aus, sie macht die Gegenbewegung nach links, kommt ins Schleudern und rast gegen einen Baum am rechten Seitenrand. „Ihr Erschrecken war eine ganz normale Reaktion“, stellt das Gericht fest.

Eine Feuerwehrfrau lässt sich vom Einsatz befreien. Sie schafft es nicht, die beiden Toten, die im zertrümmerten Kia am Baum hängen, zu bergen.

Und wo ist der dunkle Mercedes? Der ist weitergefahren, sagen die Zeugen. Die Zeugen, das sind der Handwerker in dem Ford-Transit und sein Beifahrer, der noch im Bremsen zum Handy griff und den Notruf wählte. Das war um 6 Uhr. Ein Volvo-Fahrer hat den Unfall ebenfalls beobachtet. Er war kurz zuvor von dem dunklen Mercedes bei einer Eigengeschwindigkeit von 200 überholt worden und sah im Rückspiegel vier paarweise angeordnete Scheinwerfer, jeweils einen großen und einen kleinen auf jeder Seite. Eine Rekonstruktion ergibt, dass man die Scheinwerfer im Rückspiegel ab einer Distanz von rund zehn Metern erkennen kann. Der Volvo-Fahrer meint aber, es sei ein paar Minuten vor sechs gewesen.

Auf diese Abweichung kommt es der Verteidigung an. Niemals habe es der Angeklagte von halb sechs bis kurz vor sechs zum Unfallort schaffen können. Verschiedene Sachverständige errechnen 34 bis 39 Minuten für die Strecke.

Das Gericht rechnete anders. Der Vorsitzende am Donnerstag: „Das Fahrzeug konnte an der Unfallstelle sein.“ Die Strafkammer ist überzeugt, dass Rolf F. unmittelbar nach dem Tanken um 5Uhr23 Uhr aus dem Tor fuhr. Schließlich hatte er es eilig, so eilig, dass er beim Rückwärtsfahren einen Bordstein überrollte. Vier Minuten braucht man laut Gutachten durch die Stadt. Bei einer Überschreitung des Tempolimits um 30 Stundenkilometer konnte Rolf F. „um 5Uhr59 und 20 Sekunden“ auf das Fahrzeug von Jasmin A. treffen. Richter Kiwull nennt diese Berechnung angesichts der „heutigen Fahrkultur realistisch.“ Danach hat der Angeklagte 35 Minuten und 50 Sekunden gebraucht.

Am 14. Juli beginnt die Suche nach einem dunklen Mercedes. Den Fahndungsaufruf hört ein BMW-Fahrer aus Baden-Baden. Auch er war bei Tempo 230 „von dem Schwaben zügig überholt worden“ und sah den Kia kurz danach ausbrechen. Er wird der vierte und wichtigste Zeuge, denn er hat sich das Kennzeichen BB für Böblingen und die ovalen Auspuff-Endrohre gemerkt. Zufällig sieht er am Morgen noch einmal genau dasselbe Mercedes-Modell. Allerdings in Grau. Noch einmal meldet er sich bei der Polizei. Er hat einen CL 600 Biturbo Coupé gesehen. Ab dem Mittag wird in öffentlichen Aufrufen nach einem dunklen S-Klasse- Coupé aus Böblingen gefahndet.

Oben in Papenburg wird es „Turbo-Rolf“ schlecht. Auf der Teststrecke muss er aussteigen, er geht in die Knie. Es lag an der Erkältung, meint er. Aber auch dem Teamleiter geht es nicht gut. Auch der fuhr ja an diesem Morgen S-Klasse, allerdings hat er keine Doppelscheinwerfer und war früher dran. Das zeigen Tankbelege. Die beiden reden mit einem dritten Kollegen über den Unfall. Der Dritte fragt „Turbo-Rolf“, ob er etwas damit zu tun haben könnte. „Ich kann es mir nicht vorstellen“, soll er geantwortet haben.

„Das Thema war mit einem Satz erledigt“, sagt dagegen der Teamleiter aus. Die Ingenieure müssen lange Sätze bilden können – es wird beschlossen, den Chef in Sindelfingen auf mögliche Polizeianrufe vorzubereiten und außerdem einen Anwalt anzurufen. Alles in einem Satz.

Mehrere Kollegen sagen aus, dass sich Rolf mit dem Teamleiter noch am Unfalltag im Büro einschloss, die beiden bestreiten das. Bis zu 15 Mal täglich erkundigt sich Rolf F. nach den Ermittlungen. Auch beim Teamleiter wird man zerrissene Zettel mit Weg-Zeit-Rechnungen finden. Dieses „Nachtat-Verhalten“ wird dem Angeklagten aber nicht als Indiz für seine Täterschaft ausgelegt. Nach Einschätzung der Strafkammer kann sich so auch ein Mensch verhalten, der unsicher ist, ob er mit dem Unfall etwas zu tun hat.

Aber während auf der Teststrecke telefoniert und gerechnet wird, weiß die Polizei noch nichts von Papenburg. Es gehen Hunderte von Hinweisen ein, aber keine heiße Spur. Der Fall erregt bundesweit Aufsehen. „Das öffentliche Interesse ist bis heute deshalb so groß, weil schon jeder von uns eine ähnliche Situation erlebt hat“, sagt der Staatsanwalt im Plädoyer.

Fünf Tage wird fieberhaft gefahndet, da halten es zwei kleine Angestellte von Daimler-Chrysler nicht mehr aus. Der eine ruft anonym bei der Polizei an, nennt den Namen Rolf F. und Papenburg. Noch einen plagt das Gewissen. Er geht an diesem Freitag zur Polizei.

Am Samstag will Rolf F. nicht mit dem CL 600 Biturbo Coupé zurückfahren, sondern von Bremen aus fliegen. Dazu kommt es nicht mehr. Die verdächtigen Fahrzeuge werden beschlagnahmt, Rolf F. tritt die Heimreise im Polizeifahrzeug an. Seither kämpft er gegen seine Strafverfolgung. Er will weiterkämpfen, von nun an vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe.

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