Zeitung Heute : Lieb Vaterland

Er soll ein Kriegsverbrecher sein. Doch Kroatien liefert ihn nicht aus, er ist hier ein Held. Wie ein Land seinen EU-Beitritt gefährdet

Caroline Fetscher[Dubrovnik]

Wenn Dragan Okuka, der Serbe, der sanftmütige Nachtwächter, seine freien Tage hat, fährt er elf Kilometer aus Dubrovnik heraus. Wacker kurvt sein klappriger Yugo die kargen kroatischen Hügel hoch bis knapp hinter die Grenze. Denn da oben, im herzegowinischen Dörfchen Ivanica, hat seine Familie ihr Wochenendhaus. Weit reicht der Blick über Berge, bis zu Inselchen, die in der Ferne wie grüne Walrücken aus dem Meer buckeln. „Mirno, tiho!“ sagt Dragan: friedlich, still … Aber sonst gleicht Ivanica einer Geisterstadt. Als der serbische Ort im Zerfallskrieg von Kroatiens Armee unter Beschuss genommen wurde, brannte er fast vollständig ab. Zwischen den Fassaden voller Einschussnarben baumeln hier und da Wäscheleinen. Ziegen trotten über eine Straße. Sonst regt sich nichts. Knapp hundert von einst über tausend Einwohnern bevölkern Ivanica heute. Mehr Hunde leben hier als Menschen. Auch ein millionenschweres Aufbauprogramm der US-Regierung ändert das nicht. Denn die Leute von Ivanica finden keine Arbeit mehr. Und die EU, so hat sich nun herausgestellt, wird sie so schnell auch nicht retten.

Früher, vor dem Krieg, sind die Menschen aus der Region fast alle nach Dubrovnik gependelt, Kroaten wie Serben, wo der Tourismus ihnen als Kellner, Gastwirte, Zimmermädchen das Einkommen sicherte. Der Tourismus kehrt jetzt zwar zurück nach Kroatien, wird wieder zur Haupteinnahmequelle – fast die Hälfte des Bruttosozialprodukts verdanken sie ihm. In Dubrovnik zum Beispiel eröffnen österreichische Investoren in diesen Tagen ein Hilton-Hotel – im alten Imperial, in dessen Dachgeschoss noch vor drei Jahren verkohlte Balken und verrottende Federbetten lagen. Und im Sommer strömen die Massen durch Dubrovnik wie durch Nizza oder Venedig, 10 000 Touristen täglich allein von den Kreuzfahrtschiffen. Aber Serben, „Feinde“, möchte man immer noch nicht so gern beschäftigen. „Und die Kroaten haben ja selbst 20 Prozent Arbeitslose“, sagt Dragan nüchtern. Er ist glücklich, dass er wenigstens einen bescheidenen Job hat – und einen kroatischen Freund. Einen, der mit ihm befreundet sein möchte, obwohl er mal in serbischer Gefangenschaft war. Misko Ercegovic.

Der Krieg hat auch Misko Ercegovic, Restaurantbesitzer und Galerist, hart getroffen. „Aber“, sagt er, „ich habe meinem Jungen eingeschärft: Beurteile niemandem nach seiner Ethnie. Urteile nie nach Religion, nach Dialekt – sieh dir immer den Menschen an.“ Misko Ercegovics Großvater und Onkel hatten im Zweiten Weltkrieg verfolgten Juden geholfen, ihre Namen stehen in Israels Gedenkstätte Jad Vaschem auf der Ehrenliste der Gerechten. „Wir waren nie eine politische Familie“, sagt er. „Weitergegeben wurde bei uns nur die Skepsis vor den Mächtigen.“ Und so hält eine Freundschaft wie die mit Dragan, dem Serben.

Dass Ercegovic noch immer skeptisch ist, fast verbittert manchmal, liegt an dem, was seit Wochen in seinem Land geschieht – und was sein Land nun fürs Erste den schnellen Beitritt zur EU gekostet hat. „Überall kleben jetzt Poster von Veteranenverbänden und rechten Intellektuellen, die sich für General Gotovina einsetzen“, sagt Misko kopfschüttelnd. Er nimmt kurz die Brille ab, als wollte er weniger scharf sehen müssen. „Da ist etwas Seltsames im Gang.“

Der General. Ante Gotovina. Er ist das Thema Nummer eins, seit Wochen. Auf Litfaßsäulen und Hauswänden prangt sein Porträt, manchmal steht auch „Heroj“ – Held – daneben. Das Jugoslawientribunal in Den Haag wirft ihm vor, an der Vertreibung von 150 000 Serben und der Ermordung von 150 Zivilisten beteiligt gewesen zu sein. Chefanklägerin Carla Del Ponte will den Mann vor Gericht sehen. Aber Kroatien rückt seinen Helden nicht heraus. Es trotzt. Lieber gefährdet es den Beitritt zur Europäischen Union.

Eigentlich hatten die Beitrittsverhandlungen an diesem Donnerstag beginnen sollen. Schon vor einer Woche war allerdings das erste Mal das Gerücht aufgetaucht, dass die EU-Außenminister daran dächten, sie aufzuschieben. Kroatien habe die zentrale Bedingung, die uneingeschränkte Zusammenarbeit mit dem Haager UN-Tribunal für Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien, nicht erfüllt: Gotovina. Carla Del Ponte wirft Zagreb vor, den Aufenthaltsort des Generals zu kennen und die Fahndung zu behindern. Am Mittwochmittag schließlich die offizielle Meldung: keine Gespräche. Ein neues Datum steht noch nicht fest.

Dass auch die Verteidiger im „vaterländischen Krieg“ gegen die Angreifer, gegen die Serben, nicht alle weiße Westen haben, ist eine unbeliebte Wahrheit unter vielen Kroaten. Das war am vergangenen Mittwochabend wieder gut zu besichtigen. Da versammelten sich 400 Menschen in Dubrovniks Marina-Drzica-Theater, um „die Wahrheit über den vaterländischen Krieg“ ans Licht zu bringen. Sie sangen die Nationalhymne „Lijepa Nasa“ – unser schönes Heimatland – und applaudierten den beseelten Rednern, die General Gotovinas Unschuld beschworen, während sie an die Kriegsschuld der Serben erinnerten. Dass es in Den Haag um individuelle strafrechtliche Verantwortung geht, ist den Feiernden hier zu abstrakt. Es sind auch Nonnen und Priester im Publikum, die den Vaterlandsverteidiger Gotovina verehren, weil er gegen die orthodoxen Feinde ins Feld zog. Ein populärer „Wunderpriester“, Zlatko Sudac, gibt in weißen Gewändern und mit Stigmata auf Stirn und Händen Interviews und sagt, der General sei „ein guter, reiner Mann“. Kroatische Nationalisten wollen sich, ganz wie Serbiens, vor allem am Gemeinsinn wärmen.

Darum verschiebt die EU jetzt die Beitrittsverhandlungen mit „Lijepa Nasa“. Und Misko Ercegovic findet das richtig. „Wir sollten erst unser eigenes Haus aufräumen, ehe wir es in die Parkanlage der Europäischen Union stellen.“ Er sagt das, obwohl ihm der Beitritt wirtschaftliche Vorteile brächte. Wie viele andere auch hat ihn der Krieg zehn Jahre seines Lebens gekostet. Noch zu Titos Zeiten hatte er mit seiner Frau Marina die Sesame Taverne im Haus seines Urgroßvaters eröffnet, dicht vor den wuchtigen, runden Festungsmauern der Altstadt. „Damals lief das Geschäft fantastisch“, sagt Marina. Titos entspannter Sozialismus sah gern Reisende im Land, und auch von Jugoslawiens 20 Millionen Bürgern pilgerten jedes Jahr Hunderttausende an die Adriaküste und nach Dubrovnik. Die Stadt hatte über Jahrhunderte der Handelsfreiheit eine Blüteperiode nach der anderen erlebt, wurde byzantinisch, venezianisch, slawisch geprägt. Sie ist seit langem Teil des Weltkulturerbes der Unesco. In allen Epochen war sie unversehrt geblieben, unter allen Herrschaftssystemen, außer bei einem Erdbeben im Jahr 1667.

Der Tag, der das änderte, kam im Oktober 1991. An diesem Tag griff die serbische Armee von Montenegro aus an. Misko Ercegovic fuhr an diesem Morgen zum Markt, um Zwiebeln und Tomaten zu kaufen. Er nahm einen Freund mit, den Dichter Milan Milisic. „Milan hat damals gerade Gedichte aus dem Amerikanischen übersetzt“, sagt er. „Ihn plagte die Suche nach dem serbokroatischen Namen für eine bestimmte Blume.“ Marina fand ihn in einem Wörterbuch: Zvijezdica. Aster. Der Dichter war beglückt. „Am Nachmittag des Tages, als wir auf dem Markt waren“, sagt Misko Ercegovic reglos, „da traf ihn ein Granatsplitter, und er war tot.“ So begann damals für die Ercegovics der „vaterländische Krieg“, von dem jetzt wieder alle sprechen.

Im Hafen brannten Jachten und Fischerboote, die Dächer der Altstadt fingen Feuer, Ziegel und Schutt stürzten auf die Straßen. Misko Ercegovic und sein Sohn Marko fotografierten, um zu dokumentieren, was geschah. Da hielten Milosevics Soldaten sie an. Sie glaubten, Spione gefasst zu haben. Sie brachten Vater und Sohn ins Gefängnis. Einen Monat lang teilten sie die Zelle. Der Vater versuchte, dem Jungen die Angst zu nehmen, auch dann noch, als ein Soldat ihm einen Gewehrlauf zwischen die Zähne schob. Erst nach 66 Tagen kamen sie frei.

„Sehen Sie – wir waren Opfer, und wir haben unsere Unabhängigkeit gewonnen, was wollen wir mehr?“, fragt Ivo Banac etwas sarkastisch. Es ist Abend. Banac ist in die Sesame Taverne der Ercegovics gekommen, ein großes Gewölbe mit Bildern und alten Dokumenten an den Wänden, Banac ist gerne hier, wenn er nach Dubrovnik kommt. Als Abgeordneter der Liberalen Partei sitzt er im Zagreber Parlament, derzeit in der Opposition, an der Macht sind die Nachfolger der nationalistischen Tudjman-Partei, HDZ.

Banac, der früher Geschichte an der Yale University gelehrt hat und unter der vorigen Regierung Umweltminister war, versucht, dem nationalen Wahn mit Kolumnen in der tapferen, aufklärerischen Zeitschrift „Feral Tribune“ entgegenzuwirken. Als Banac noch Minister war, hat er auch gegen die Korruption gekämpft, ohne die angeblich immer noch nichts läuft, weder in der Baubranche, noch bei den Banken oder den Hotels, wie auch beim Hilton in Dubrovnik. „Die Hauptstadt der Korruption!“ Ivo Banac lacht laut heraus. „Wenn die Nationalisten merken, dass der verschobene EU-Beitritt ihnen ans Portemonnaie geht, werden sie umschwenken“, prophezeit er.

Täglich fragen ihn Studenten, ob er ihnen den Weg aus Kroatien in die USA bahnen kann, oder wenigstens in die Schweiz: Er sagt: „Wer denkt, der geht.“

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