Zeitung Heute : Liebe geht durch den Magen!

Esther Kogelboom

Als die Läden noch nur bis 20 Uhr geöffnet hatten, sah ein normaler Abend in meinem Leben so aus: Ich hing bis etwa 19 Uhr in orthopädisch ungünstiger Position auf meinem Schreibtischstuhl. Ich fuhr träge nach Hause und guckte in den Kühlschrank. Ich rief meine Freundin an, und wir gingen zum Chinasnack. Jahrelang ernährten wir uns von 17A – Chweinefleich süß-sauel, oder wir verschuldeten uns in teuren Restaurants, wo sie uns harte Pasta mit Pesto vorsetzten.

Doch mit der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten ist mein sternzeichentypischer Versorgungstrieb (Krebs!) neu erwacht. Jetzt schlendere ich nach der Arbeit stundenlang durch den Rewe, während ich meine Freundin anrufe und frage, worauf sie Appetit hat. Neulich wollte sie mich offenbar provozieren. „Mir ist so nach Rindergulasch und Kartoffeln“, raunte sie, „aber das kannst du ja sowieso nicht.“ – „Oh doch, meine Beste“, zischte ich zurück. „Und ob.“

Ich weiß nicht genau, woher es kommt, aber seit der Rewe um die Ecke bis 22 Uhr auf hat, bin ich kochgestört. Jeden Abend stehe ich am Herd und brutzele mich aufgeregt durch die ganze Palette klassischer Mahlzeiten: strammer Max, Toast Hawaii, Königsberger Klopse, Bratkartoffeln mit Speck, Frikadellen mit Senf und Kartoffelpüree.

Ich habe bereits mit meiner Oma geredet, um ihr Sauerkraut-Geheimrezept zu erfahren, aber sie will es nicht rausrücken. Stattdessen schwelgten wir in alten Geschichten. Früher gab es bei uns Hausschlachtungen, die armen Schweine wurden hinterm Haus erschossen (Schalldämpfer) und aufgehängt. Das Blut sammelten wir in einem Emaillebottich, das gab gute Blutwurst. Als Kind erlebte ich regelmäßig mit, wie meine Oma und meine Mutter sich lautstark darüber stritten, wie viel Fett in eine Mettwurst gehört. Meine Mutter hat die martialische Schlachterei aus vollem Herzen gehasst – vor allem, wenn am Ende eines langen Schlachttages das Schweineherz scharf angebraten wurde. Nach dem ersten Bissen machte meine Oma, bekleidet mit bunter Kittelschürze und Kopftuch, meistens „Hmm!“ und sagte: „Liebe geht durch den Magen.“

Das ist natürlich ein Blick durch die trübe Milchglasscheibe der Erinnerung. Trotzdem glaube ich, dass diese frühkindliche Schlachtprägung in irgendeinem Zusammenhang mit meinem aktuellen Hang zur Frikadelle stehen könnte.

Die Umstellung meiner Ernährungsgewohnheiten macht mich ganz verrückt. Zum einen habe ich seit der Entrucolaisierung meines Lebens fast vier Kilo zugenommen und eine gewisse gutbürgerliche Behäbigkeit entwickelt, zum anderen stecke ich mitten in einer Art zweiten Pubertät. Ich sage nur: schlimmste dermatologische Probleme, die ich hier nicht weiter ausführen möchte.

Wie dem auch sei, ich kann nicht von der Hausmannskost lassen. Ich bin jedes Mal erstaunt, ja, geradezu erschrocken, wie gut es schmeckt, was ich koche. Meine Freundin auch. Gestern habe ich ihr sogar Nachtisch gemacht. Sie hat fast geweint.

Mittlerweile frage ich mich ernsthaft, wohin diese Entwicklung führen könnte. Werde ich bald mit dem Einwecken von gezuckerten Mirabellen anfangen – für schlechte Zeiten? Oder mit der Schlachtung von zunächst kleineren Tieren, zum Beispiel eines Angorakaninchens aus der Zoohandlung? Verläuft meine Entwicklung als Köchin genauso rasant wie der Verfall meines Äußeren?

Es hilft nichts, der Rewe muss endlich wieder um 20 Uhr schließen. Sonst gehe ich in die Gewerkschaft. Wie meine Oma.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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