Zeitung Heute : Liebe Hiebe

Lange hat er gewartet, nun hat sich Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Linkskurs seiner Partei geäußert – kritisch und deutlich. Welches Verhältnis hat Schröder zur SPD unter Kurt Beck?

Stephan-Andreas Casdorff

Ja, da hat er mal wieder geschrödert, nicht wahr? Das nennt man so, wenn Gerhard Schröder klare Worte spricht, was er bisweilen tut. Diesmal zur SPD, der er gleichsam ins Parteibuch schrieb, sie solle nicht wackeln und nicht wanken und schon gar nicht die Mitte preisgeben. Das hat seinen Grund: Die Mitte, die alte und die „Neue Mitte“, war seinerzeit der Garant für den Wahlsieg und die Ablösung des Endloskanzlers Helmut Kohl 1998. Was Schröder aus Anlass der Ehrung eines Mannes sagte, der bis zur Halsstarrigkeit bei seinen Positionen bleiben konnte, Hans-Jochen Vogel nämlich, ist bis heute sein Programm.

Und sage keiner, Schröder hinge nicht an seiner SPD. Er hat immer gesagt: „Weil ich weiß, wo ich herkomme, weiß ich, wo ich hingehöre.“ Als er zurücktrat, am 6. Februar 2004 vom Amt des Parteivorsitzenden – die Tränen waren echt. Denn er hatte es wirklich und wahrhaftig als Ehre empfunden, ihr Vorsitzender zu sein, in einer großen, langen Ahnenreihe. Wenn er auch nicht immer so gehandelt hat. Die Begeisterung für Debatten über Programme hielt sich bei ihm in engen Grenzen, zumal nach so vielen Jahren in der Politik, besonders in führenden Funktionen der Exekutive. Wer zu lange redete, der wurde schon mal „abgebürstet“.

Aber wie das so ist mit den Menschen: Sie haben nicht nur eine Seite. Schröder ist ein Raubauz – allerdings ein gefühliger, sentimentaler. Wann wir schreiten Seit’ an Seit’, der Mann kennt seine Arbeiterlieder. Er kommt von ganz unten, war Ladenschwengel gewesen, wie er selbst sagt, bevor er die Welt eroberte. Obwohl, mit dem Erobern ist das auch wieder so eine Sache: Zögerlich ist Schröder auch, mindestens ist er es im Amt oft gewesen. Von wegen einsame Entscheidungen und immer nur mutig voran: Er hat sich Rat geholt (zum Beispiel bei Richard von Weizsäcker), hat gewartet, war oft skrupulöser, als er nach außen hin schien. Nach außen hat er an einem anderen Bild von sich gepinselt. Der Maler Immendorff hat die Selbstsicht schon ganz gut getroffen, mit dieser goldenen Gloriole.

Die Vergangenheit, heute erscheint sie golden im Vergleich, oder? Dass die SPD mit Schröder in den Ländern andauernd Wahlen verlor – aber wer sagt das heute schon noch. Dass es die SPD fast zerriss in seiner Zeit, weil damals schon die Frage war, ob das alles so geht, ob die Agenda sozial ist – jetzt wird es noch einmal ans Licht geholt. Vielleicht auch, weil er um sein Bild in der Öffentlichkeit und in der SPD fürchtet, ist Schröder wieder näher herangerückt an sie. Seitdem er für Gasprom arbeitet, gab es diese Distanz, wechselseitig, weil nicht alle Genossen das verstehen wollten …

Ab und zu wird es berichtet, nur können es nicht alle sehen: In Berlin frühstückt er schon mal mit Linken, Parteilinken wohlgemerkt. Oder gibt Beck Rat – wenn der fragt. Abends dann. Irgendwann sind beide mal erwischt worden, in einem – versteht sich – sehr guten Restaurant. So nimmt man Einfluss. Im Übrigen hält er sich, was nicht immer seine Art war, an Vereinbarungen wie: „Stiehl ihm nicht die Schau, mach’s kurz!“ So geschehen auf dem Parteitag in Hamburg. Seine Rede war kurz, prägnant und loyal. Es galt das geschriebene Wort.

Jetzt allerdings geht es ums Erbe und damit um alles. Es darf nicht alles falsch gewesen sein in den vergangenen Jahren, denn dann wäre alle Mühe, wären alle Niederlagen umsonst gewesen. Das wäre dann das eigentliche Scheitern des Gerhard Schröder. Und ein „political animal“ wie er nimmt das nicht bloß hin. Außerdem: Er war damals das, was ihm niemand zugetraut hatte – prinzipienfest. Das ist sein Stolz. Daher auch kommt das Wort vom „Stolz auf die Agenda“, den die SPD zeigen soll: Sie hat sich überwunden, er hat sich überwunden. Die Agenda hat seiner Kanzlerschaft erst ihren Sinn gegeben. Man stelle sich vor, sie würde jetzt als Unsinn angesehen!

Auch Helmut Schmidt, um nach einer Parallele zu schauen, war immer Sozialdemokrat und wollte nichts anderes sein. Er passt in die Partei, wie Schröder in sie passt. Der sogar eigentlich noch ein bisschen besser. Darum kann er mit der Linken reden: Gerhard Fritz Kurt Schröder war im März 1995, als er mit Rudolf Albert Scharping um den SPD Vorsitz konkurrierte, der Kandidat der Linken. Und als Linker galt er lange. Er war eher Kandidat der Partei als der Gremien; die Gremienpolitik beherrschte Scharping. Aber Partei konnte Schröder mal, das hatte er als Juso-Chef und später als Landesvorsitzender schließlich gelernt.

Ach, und eines noch: „Gerd“ Schröder will kein Outcast sein. Vergleiche mit Wolfgang Clement verbittet er sich, ganz bestimmt. Beide sind zwar heute Lobbyisten, aber Schröder ist zum einen sicher, dass seine SPD, dass überhaupt alle noch verstehen werden, wie wichtig die Sache mit dem Gas ist. Das ist wie mit der Agenda. Zum anderen will er seine Partei schlicht nicht verlieren.

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