Zeitung Heute : Liebe in den Zeiten der Einsamkeit

Der Tagesspiegel

Vor neun Jahren geschah das Attentat auf Monica Seles

Von Gerhard Mauz

Autobahnen, auf denen alles geregelt ist, sind die Wege des Rechts nicht. Sie sind eher Pfade durch den Urwald. Das Bundesverfassungsgericht wird das dieser Tage einmal wieder auf höchster, dramatischer Ebene erleben – so denn der Bundespräsident das Abstimmungsergebnis in Sachen Zuwanderung unterschreiben sollte. Doch auch auf anderer, schlichterer Ebene ist es jederzeit Prüfungen zugänglich, an die erinnert werden muss.

Es gab einen Mann, selbstverständlich schonen wir seinen Namen, nennen ihn hier einfach den „Liebenden“. Sein Fall hat das höchste Gericht der Bundesrepublik seinerzeit nicht erreicht. Doch er belegt, wovon die Obergerichte jederzeit bedroht sind. Der Alltag erfindet immer wieder neue Straftaten, deren Motivation rechtlich erörtert und gegebenenfalls bestraft werden muss.

Neun Jahre sind demnächst vergangen seit dem Vorfall, an den hier erinnert wird. Es hat sich inzwischen nichts gefunden, was ähnliche Vorgänge verhindern könnte, und es wird sich auch nichts finden. Denn noch immer haben die Männer das neue Bild der Frau nicht verkraftet – und die Frauen sind sich ihrer neuen Situation nicht völlig bewusst.

Der Lebensinhalt des Liebenden war die als Steffi Graf bekannte Tennisspielerin, die der Liebende nie Steffi, sondern Stephanie nannte. Der Liebende verbat sich in der Verhandlung das vertrauliche Steffi, und fortan verbesserten sich alle Beteiligten hastig, wenn ihnen diese Vertraulichkeit unterlief, denn der Angeklagte drohte fortan zu schweigen, wenn man vertraulich bleibe.

Im Glanz der Gräfin

Seitdem Spitzensportler als Protagonisten der Unterhaltungsindustrie zu den beneideten, umschwärmten Highlights unter den Reichen und Prominenten gehören, sind sie auch gefährdet wie diese. Lafontaine und Schäuble sind niedergestochen worden, Richard von Weizsäcker wurde geschlagen, Industrielle hat man entführt. Jeden kann es treffen, nicht nur Sportler. Auch Menschen, die nicht im Rampenlicht stehen, können von verwirrten, sich benachteiligt fühlenden Menschen angegriffen werden. Eine junge Frau stach einen Mann nieder und verletzte ihn lebensgefährlich. Sie kehrte ihre Verzweiflung gegen ihn, weil er nicht behindert war wie sie – sie ist gehörlos.

Der Liebende, der auf Monica Seles einstach, hatte nie eine Freundin, er hatte nie einen Menschen, der ihn wieder liebte. Er hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte. Sein verkümmertes Leben versank in Stephanies Glanz und Unglück, das viaFernsehschirm seine kleine Welt überflutete. Es entwickelte sich in ihm ein massiver, irrealer Fanatismus, der ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Wenn die ungeliebte Monica Seles die geliebte Gräfin niederkämpfte, kam das für den Liebenden der Schändung eines Heiligtums gleich. Sie war für ihn eine freche Hexe, die nur den Sieg wollte. Und das Geld.

Stephanie hingegen – sie stand für den Liebenden höher als der Papst oder der Präsident der USA. Sie ist für ihn „fast wie der liebe Gott“. Es gibt keine Strafandrohung und kein Strafurteil, das verhindern könnte, dass Menschen sich mit einer Erfolgreichen, einem Erfolgreichen identifizieren. Denen sie oder er ersetzt, was ihnen fehlt.

Das Gericht, das den Seles-Attentäter zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilte, erlegte ihm auf, mit einem Bewährungshelfer im Gespräch zu bleiben. Es begründete diese Auflage mit dem Satz: „Damit Sie nicht wieder in dieses Alleinsein zurückfallen.“

Eine bewundernswerte Begründung, die zu dem bitteren, täglichen Brot der Gerichte gehört, etwa wenn es um das Sorgerecht gehört und Allzumenschliches die Richterinnen und Richter zu überfluten droht. Der Rechtsweg ist keine Autobahn. Er ist ein Pfad durch den Urwald für jene, die zu urteilen haben. Die Bewährungsstrafe für den Mann, der auf Monica Seles einstach, ist zu ihrer Zeit hart kritisiert worden. Ein ehemaliger hoher Richter, der nie Tatrichter gewesen war, sprach vom „Saustall Justiz“.

In einer Erklärung zum Urteil, fürchtete Monica Seles auch, dass Sportler, Personen des öffentlichen Lebens und andere Prominente künftig noch mehr gefährdet sein werden, weil die Täter nicht mehr damit rechnen müssen, bestraft zu werden.

Doch richtig ist, dass die Menschen im Scheinwerferlicht, dessen Hitze sie suchen und genießen, vor den Schatten ihrer überwältigenden Erfolge nicht zu schützen sind. Viele Stars fordern das Unmögliche: die Milch und das Fleisch der Kuh zugleich.

Und richtig ist vor allem, dass man nicht prominent sein muss, um zu erleben, dass man an einen Liebenden gerät – an einen Menschen, der allein ist und sich verzweifelt gegen alles wehrt, was er vor sich errichtet hat, um sein Alleinsein abzuwehren. Das ist, noch einmal, Alltag der Gerichte. Der Rechtsweg – das sind nur Pfade.

Gerhard Mauz ist Autor des „Spiegel“.

Dirk Reinarz

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