Zeitung Heute : Liebe in Zeiten der Inflation

DEUTSCHES THEATER Roger Vontobel bringt Falladas Roman „Wolf unter Wölfen“ auf die Bühne.

PATRICK WILDERMANN

Roger Vontobel spürt nichts von der Krise. Auch in seinem unmittelbaren Umfeld stehen die Zeichen nicht auf Sturm. Und ob uns hierzulande je erreicht, was sich in Griechenland, Spanien, Italien an Wirtschaftsübeln zusammenbraut? Wer weiß das schon. „Aber wir haben ja im Theater die Möglichkeit, die Krise herbeizuführen“, sagt Vontobel beim Gespräch in der Kantine des DT. Das Untergangsexperiment anzustellen und zu erforschen: „Was hält unsere Gesellschaft zusammen, wenn dieses Geldsystem kollabiert?“ Vor diesem Hintergrund, lächelt er, lasse sich eine historische Vorlage auf einmal wie „Doomsday-Science- Fiction“ lesen.

Der Stoff, mit dem der junge Schweizer Regisseur den apokalyptisch-inflationären Taumel Berlins beschwören wird, heißt „Wolf unter Wölfen“ und stammt von Hans Fallada. Es ist ein Roman, der 1937 erschienen ist und im Jahr 1923 spielt. Der von rasender Geldentwertung und noch schnellerem Verlust aller Gewissheiten erzählt. Im Mittelpunkt der 730 bibeleng bedruckten Taschenbuchseiten steht das ziemlich gebeutelte Liebespaar Wolfgang Pagel und Petra Ledig. „Ja, es gibt solche Namen, die ein Schicksal zu sein scheinen“, scherzt der Autor über seine Protagonistin. Für Vontobel werfen deren auseinanderdriftende und wieder zusammenführende Schicksalswege die Frage auf: „Können zwei Menschen einen Wert erschaffen in einer Zeit, in der alle Werte zerfallen?“ Ihn interessiert das Prinzip Solidarität, das Wir-Gefühl, das vor allem Petra Ledig dem egomanen Rausch ihrer Zeit entgegensetzt. Das habe, wie überhaupt der gesamte Roman, viel mit uns zu tun, findet Vontobel. Und betont zugleich: „Wir unternehmen aber nicht den Versuch, Fallada ins Heute zu ziehen.“

Das Talent des 1977 in Zürich geborenen Regisseurs liegt gerade darin, das Gegenwartsgültige und Zeitlose aus alten Geschichten herauszulesen, ohne sie auf diffuses Aktualitätsmaß zu verzwergen. Vor allem schafft er es, noch die schwierigsten Klassiker verständlich zu machen, ohne sie dabei ihrer Komplexität zu berauben. Das hat er als Bochumer Hausregisseur mit dem packenden antiken Familienkrimi „Die Labdakiden“ vorgeführt. Oder mit seinem furiosen Dresdner Schiller-Streich „Don Carlos“, der 2011 zum Theatertreffen eingeladen wurde. Vontobel, der einen Teil seiner Jugend in Südafrika verbrachte und später in den USA Schauspiel studiert hat, muss dafür nicht die postdramatische Trickkiste bemühen. Sondern er vertraut – so leicht und doch so schwer – auf die Kraft des Spiels und der Spieler. „Ich kann gar nicht anders, als eine Geschichte zu erzählen“, sagt er.

Was Vontobel, nur um Missverständnissen vorzubeugen, nicht zu einem neokonservativen Weihebruder der Werktreue macht. Er dringt, beispielsweise mit seinen Shakespeare-Bearbeitungen, immer wieder zu staunenswert originellen Sichtweisen vor. Nur eben nicht nach dem Motto „Wir machen das Stück jetzt mit sieben Hamlets“. Im Falle des Dänenprinzen – dessen er Geschicke er im vergangenen Jahr in Dresden inszenierte – ging es dem Regisseur um die zentrale Frage: Hat Hamlet recht oder nicht? Er nahm die Elternperspektive ein und stellte zur Disposition, ob dieser Thronfolger nicht vielleicht ein geistersehender Psycho sei, der sich auf einen staatsgefährdenden Trip begebe.

Jetzt also Fallada. Dramaturg John von Düffel und Vontobel haben den mäandernden Krisenroman arg beschnitten, anders wäre ihm gar nicht beizukommen. Aber der universelle Gehalt der epochalen Erzählung bleibt bewahrt. Das merkt man schon, wenn der Regisseur über das Laster des Protagonisten Pagel spricht, der sein Glück beim Vabanque im Casino sucht. „Das Roulette“, so Vontobel, „ist auch Sinnbild für das Spiel des Lebens.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 19.4., 19.30 Uhr

Auch 20., 28. und 30.4.

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