Zeitung Heute : Liebe ist auch keine Lösung

SCHAUBÜHNE Thomas Ostermeier blickt in menschliche Abgründe in Lars Noréns „Dämonen“

PATRICK WILDERMANN D

Eine solide Zweierbeziehung, ein schicker Kinderwagen nebst dazugehörigen Kindern, eine Wohnung am Prenzlauer Berg oder in Kreuzberg. So kann sie aussehen, die zeitgemäße, großstädtisch aufgehübschte Variante des bürgerlichen Glücksmodells. Und Thomas Ostermeier will diese Rückzugssehnsucht ins Heimelige der Gefühle nicht wirklich verspotten. Was bleibt denn übrig an großen Entwürfen nach dem Zerfall sämtlicher Utopien? Im Theater allerdings, wie Ostermeier es schätzt und beherrscht, ist Liebe auch keine Lösung. Da geht es schließlich darum, mittels zugespitzter Konflikte „zum Kern dessen vorzustoßen, was das Menschsein ausmacht“. Und dort, sagt der Regisseur und künstlerische Leiter der Schaubühne, „klaffen auch die Abgründe“.

In dem Stück „Dämonen“ des schwedischen Autors Lars Norén, das er nun inszeniert, ist es eher ein Höllenschlund. Die kinderlosen Eheleute Katarina und Frank laden ein benachbartes Elternpaar zu sich ein, und es braucht nicht lange, bis sich die harmlose Begegnung in einen Albtraum aus wechselseitigen Demütigungen, sexuellen Aggressionen und wahlloser Verletzungslust verwandelt. Von den bürgerlichen Beziehungsduellen bei Ibsen, wie Ostermeier sie in seinen Erfolgsinszenierungen „Nora“ und „Hedda Gabler“ ins Heute geholt hat, unterscheide sich Noréns sehr an Houellebecq erinnerndes Drama insofern, findet er, als die Figuren nicht unter ökonomischem Druck stünden. „Die könnten froh sein, wenn sie Arbeitsplatzsorgen hätten, dann würden sie vielleicht nicht die totale Vernichtung des Gegenübers betreiben.“ Der Regisseur sagt einmal, er nähere sich diesem Bestiarium „wie ein Insektenforscher. Bloß dass es sich um Menschen handelt“. Dabei ist Ostermeiers Bühnenblick nie von der analytischen Kälte des Außenstehenden durchdrungen. In seinen besten Arbeiten spürt man vielmehr das Unbehagen, Teil dieses Ameisenhaufens zu sein.

Vor zehn Jahren, zum Start seiner Intendanz, hat Ostermeier an der Schaubühne schon einmal ein Stück von Lars Norén inszeniert, das wuchtige Drama „Personenkreis 3.1“, das von denen erzählte, die in die soziale Bodenlosigkeit gefallen waren. Ostermeier denkt gern an diese Arbeit zurück, vor allem weil er, frisch aus der Baracke des DT kommend, „mit Euphorie und Lust, auch mit Überheblichkeit und Selbstüberschätzung“ zu Werke ging. Als Regisseur hat er sich seitdem verändert. Zum Beispiel lässt er seinen Schauspielern heute mehr Freiraum, „ein ganz simpler Lernprozess“, wie er sagt: „Je geringer der Druck ist, desto mehr bekomme ich von den Schauspielern.“ Zum anderen jedoch haben die Beschüsse aus der Presse ihre Spuren hinterlassen. Ostermeier sagt das frei von Larmoyanz. Es ist ja auch nicht so, als glückten ihm keine durchschlagenden Inszenierungen mehr, was für ein kraftvoller Wurf war etwa sein „Hamlet“. Aber das Grundgefühl der Unbeschwertheit ist verloren.

Vielen älteren Theatermachern war der 68 geborene Ostermeier in der ehemaligen Weihestätte Schaubühne von Beginn an ein Dorn im Auge. Da wurde auch der Generationenkampf und -krampf des deutschen Theaters offenbar. Eine 68er-Kohorte, die es, wie Ostermeier sagt, „stets verweigerte, Kinder zu haben“, kam mit dem Nachwuchs nicht klar. Peter Stein verweigert bis heute jedes Gespräch. Und Peter Zadek ließ öffentlich keine Gelegenheit aus, über den „Kindergarten“ am Lehniner Platz zu ätzen.

Als das Gespräch auf Zadek kommt, bittet Ostermeier, doch mal ein Fax an der Wand seines Büros zu lesen. Es stammt von Zadek, abgeschickt wenige Wochen vor dessen Tod. Der Altmeister schlägt darin vor, Shakespeares „Timon von Athen“ an der Schaubühne zu inszenieren. Und er schwärmt von Ostermeiers jungem, frischem Ensemble. Versteh einer die Menschen.

PATRICK WILDERMANN

Premiere 2.3., 20 Uhr. Auch 3., 11., 12.3., 19 Uhr; 14. u. 18.3., 18 Uhr

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