Zeitung Heute : „Liebe macht das Lied unsterblich!“

Louis Lewandowski gilt als der große Meister der synagogalen Musik des 19. Jahrhunderts. Seine Reformen konnte der Komponist aber erst in der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße durchsetzen.

Louis Lewandowski(li.) vereinte in der Vernotung des Gebets Kol Nidre jüdische und abendländische Tradition.Foto: Centrum Judaicum
Louis Lewandowski(li.) vereinte in der Vernotung des Gebets Kol Nidre jüdische und abendländische Tradition.Foto: Centrum Judaicum

„Liebe macht das Lied unsterblich!“ steht auf dem Grabstein, den die Kinder den „geliebten Eltern“ in der Ehrenreihe des Friedhofes der Jüdischen Gemeinde in Berlin-Weißensee setzen ließen. Hier liegt der „Reformator des Synagogengesanges“ begraben, der, wie es weiter im Nachruf der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 9. Februar 1894 heißt, „den Gottesdienst der deutschen Synagoge neugeschaffen, (…) ihm Weihe und Stimmung verliehen“ hat. Die eingangs zitierte Zeile auf dem Grabstein habe ich während meines Religionsunterrichtes, den ich vor meiner Barmizwa durch Rabbiner Martin Riesenburger in einem Büroraum auf dem Friedhof in Weißensee vor nunmehr 50 Jahren erhielt, wiederholt gelesen. Die Fenster eines zum Unterrichtsraum umfunktionierten Zimmers der Rabbinerwohnung gestatteten nämlich, in die Ehrenreihe zu blicken, wovon ich reichlich Gebrauch machte.

Es war mir klar, dass ich auf das Grab des Komponisten blickte, dessen Melodien in „meiner Synagoge“ in der Rykestraße während der Gottesdienste gesungen wurden. Den Sinn und die Bedeutung des Textes auf dem Grabstein hatte ich hingegen als Zwölfjähriger nicht verstanden.

Mehr als 30 Jahre danach – während eines Symposiums in Hannover – machte mich Dieter Adelmann (1936–2008) darauf aufmerksam, man müsse bei der Interpretation der Zeile beachten, dass der Neukantianer Hermann Cohen, der Schwiegersohn von Lewandowski, an der Formulierung der Grabinschrift beteiligt war. Adelmann teilte mir kurze Zeit später seine Hypothese, die „lediglich die Richtung, in der (…) gedacht werden kann, andeuten“ will, mit: „Man muß (…) davon ausgehen, daß die Inschrift von den Kindern bestimmt worden ist; und eines der Kinder war Martha Cohen, die Ehefrau von Hermann Cohen. Wenn man den Text der Inschrift aus dem Gesichtspunkt von Hermann Cohen betrachtet, könnte man sagen, der Satz sei gleichsam eine Kurzformel für die Ästhetik von Hermann Cohen (…). Nun wird in Hermann Cohens Ästhetik die Liebe als die Grundlage für den Begriff des Menschen angenommen; und die Form, um dem Aufhören dieser Grundlage der Menschlichkeit zu widerstehen, ist, das wird hier in dem Satz gesagt, das Lied. Dabei läßt sich in der Zweideutigkeit des Ausdruckes: – Macht nun die Liebe das Lied unsterblich, oder ist es das Lied, welches die Liebe unsterblich macht? – ein Ausdruck für die Wechselwirkung im Begriff der Korrelation erkennen; jeweils das eine ist nicht ohne das andere. In der Sprache der Logik gesagt: Erst in der Wechselwirkung von Privation und Negation erzeugt sich die Position. Oder anders, wie es auf dem Grabstein steht: Ohne die Wechselwirkung von Liebe und Lied gibt es die Unsterblichkeit nicht.“

Wie auch immer wir die Zeile „Liebe macht das Lied unsterblich!“ interpretieren wollen, scheint zwar der rechte Weg, nicht aber die genaue Lösung gefunden zu sein. Eines steht allerdings fest: Louis Lewandowski hat die zu seiner Zeit überkommenen jüdischen Melodien unsterblich gemacht!

Über sein Leben und Wirken sind wir – auch wenn die Quellenlage dürftig ist – durch eine Reihe biografischer Arbeiten unterrichtet. Im Jahre 1833 ist der in Wreschen (Provinz Posen) am 3. April 1821 als Lazarus Lewandowski Geborene nach Berlin gekommen. Damals lebten in Berlin ca. 6 000 Juden. Das entsprach etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung der Residenzstadt. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Berlin findet der Zwölfjährige im Chor der Synagoge Heidereutergasse als „Singerl“ (Meschorer) Anstellung bei Gemeindekantor Ascher Lion. Damals war es noch üblich, dass zwei Meschorerim den Gesang des Vorbeters begleiteten, und zwar ein „Singerl“ mit hohem Sopran, dem ein älterer Sänger mit einer Bassstimme zugesellt war.

Mithilfe von Alexander Mendelssohn, einem Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn, wurde Lewandowski als erster Jude Eleve der Akademie der Künste. Im Jahre 1840 berief die Jüdische Gemeinde Lewandowski zum Dirigenten des neu eingerichteten vierstimmigen Männer- und Knabenchores der Großen Synagoge in der Heidereutergasse. Seit der Eröffnung der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße – die Große Synagoge wurde fortan Alte Synagoge genannt – war er an diesem Gotteshaus bis zum Ende des Jahres 1890 tätig.

Noch während seiner Tätigkeit an der Synagoge in der Heidereutergasse hatte Lewandowski Interesse an der damals noch im Bau befindlichen neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Er griff nämlich in den im Zusammenhang mit der Neuen Synagoge aufflammenden Orgelstreit aktiv ein.

Schon im September 1861 – also etwa zwei Jahre nach Baubeginn und fünf Jahre vor der Eröffnung – hatte der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde beschlossen, in der neuen Synagoge das Orgelspiel einzuführen. Dazu wurden sieben rabbinische Gutachten, eine „Collectivvorstellung von einer großen Anzahl der Gemeindemitglieder“ sowie „zwei technische Gutachten der Herren Musicdirektor Professor Stern und Chordirigent Lewandowski“ eingeholt. Diese Gutachten haben sich erhalten und befinden sich in dem Central Archive for the History of the Jewish People, Jerusalem. Die Stellungnahme von Lewandowski stammt vom 13. Januar 1862:

„In den ersten Decennien dieses Jahrhunderts, wo bessere Einsicht bestrebt gewesen, all die Frivolität der damals herrschenden Sangweisen, welche sich durch eine geraume Zeit angesammelt hatte, aus Tempeln und Synagogen zu verbannen, sann man auf geeignete Mittel, neueren gerechten Bedürfnißen entsprechend zu genügen. Der Gesang, in bessere und bestimmtere Formen gebracht, sollte die bisherigen Sangweisen verdrängen und die Vorbeter in ihrer überaus freien Manier – besser Unmanier – begränzen. Man fand dieses Mittel in der Einführung musikalisch geordneter Chöre. (...)

Der durch den Chor umgeschaffene Gemeindegesang konnte in dem Chore allein nicht mehr den sicheren Halt und die Stütze finden, weil dieser noch so zahlreich besetzt – nicht die materielle Kraft zu erzeugen vermochte, welche nöthig war, um größere Maßen zu beherrschen und zu leiten, zumal die eigenthümliche Lebhaftigkeit der Juden überhaupt, der gesetzlich gebotenen Genauigkeit und Pünktlichkeit beim Eintritt des Gemeinde-Gesanges nicht sehr günstig und förderlich sein konnte. (...)

Die Orgel, das Instrument der Instrumente, ist vermöge ihrer weit ausgebenden Tonfülle allein im Stande, große Massen in großen Räumen zu beherrschen und zu leiten. (...) Die Orgel in ihrer großartigen Erhabenheit und Vielfachheit ist jeder Nuancierung fähig und muß in ihrer Verbindung mit alten Sangweisen von wunderbarer Wirkung sein. Die Nothwendigkeit, in den fast unabsehbaren Räumen der neuen Synagoge eine instrumentale Leitung für den Chor sowohl als besonders für die Gemeinde einzuführen, drängt sich mir so gebieterisch auf, daß mir ein zeitgemäß geordneter Gottesdienst ohne diese Leitung in diesen Räumen beinahe unmöglich erscheint. (...)“

In der jüdischen Öffentlichkeit gab es Pro und Contra zum Problem, ob man in der Synagoge in der Oranienburger Straße Orgel spielen dürfe; die Gutachten spiegeln dies wider. Lewandowskis klare und eindeutige Haltung für die Orgel dürfte nicht ohne Einfluss auf die Entscheidung des Gemeindevorstandes gewesen sein, der in seinen die Gutachten und Stellungnahmen zusammenfassenden Bemerkungen am 29. Januar 1862 abschließend konstatierte: „In unsrer Gemeinde hat der Wunsch nach Regelung des Gottesdienstes durch Herstellung eines Orgelwerks einen unverkennbaren Ausdruck gefunden.“

Die Neue Synagoge regte Lewandowski zu neuen Kompositionen an. Er übernahm aber auch alle in den 25 Jahren seiner Tätigkeit für die Synagoge in der Heidereutergasse geschaffenen Stücke, erweiterte sie nun um den Orgelpart. So schuf der Königlich Preußische Musikdirektor – dieser Titel war ihm 1865 anlässlich seines 25-jährigen Amtsjubiläums verliehen worden – die Musik für den gesamten Kultus des größten deutschen jüdischen Gotteshauses, wobei er „dem vierstimmigen Chor eine Rolle zuwies, die dieser nie zuvor besessen hatte (…).“

Wir verdanken ihm auch deutsche religiöse Chorgesänge, die in der Neuen Synagoge erstmalig gesungen und in den Gottesdienst aufgenommen wurden. Lewandowski wirkte nicht nur als Chordirigent der Neuen Synagoge, sondern auch als Kantorenbildner an der Lehrerbildungsanstalt der Jüdischen Gemeinde sowie an ihrer Knabenschule als Gesanglehrer.

Lewandowski war es vergönnt, am 27. Dezember 1890 sein 50-jähriges Amtsjubiläum zu begehen. D.H. MORGEN-]Er starb vier Jahre später, am 3. Februar 1894.

Der Autor ist seit 1988 Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum. Der Text ist ein Auszug aus dem Buch von Jascha Nemtsov und Hermann Simon: Louis Lewandowski. Liebe macht das Lied unsterblich! Berlin: Hentrich & Hentrich 2011; Jüdische Miniaturen, Band 114. 64 S. 6,90 Euro

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!