Zeitung Heute : Lieben lernen von den Franzosen

Hans Monath

Das Allensbach-Institut hat untersucht, wie Franzosen und Deutsche zu Kindern stehen. Was können die Bundesbürger von der Haltung ihrer Nachbarn lernen?


Jeder Feinschmecker weiß, dass die französische Küche auch deshalb so exzellent ist, weil die Franzosen gutem Essen einen hohen Wert einräumen. Nun gibt es erstmals auch Hinweise darauf, was die mentale Haltung der Nachbarn zu Kindern mit der im Vergleich zu Deutschland höheren Geburtenrate des Landes zu tun hat. Denn nicht nur höhere Finanzzuschüsse für Eltern und das bessere Betreuungsangebot tragen dazu bei, dass sich junge Menschen zwischen Rhein und Atlantik eher auf Kinder einlassen. Weitaus weniger Franzosen als Deutsche, so lautet das Resümee einer am Donnerstag vorgestellten Allensbach-Studie, haben Bedenken gegen ein Leben mit Kindern. Für sie gehören Kinder zum guten Leben, zum Savoire-vivre.

Schon das Selbstbild beider Nationen unterscheidet sich gravierend, wie Allensbach-Chefin Renate Köcher erläuterte. Die französische Bevölkerung ist zutiefst davon überzeugt, in einem kinderfreundlichen Land zu leben (80 Prozent), die deutsche dagegen nur zu 25 Prozent. Die meisten Deutschen halten ihr Land für wenig kinderfreundlich.

Auffällig große Unterschiede zeigt die Studie im Auftrag von „Bild der Frau“ im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 62 Prozent der Französinnen, aber nur 22 Prozent der deutschen Frauen glauben, dass sich Familie und Beruf alles in allem gut miteinander vereinbaren lassen. Die Deutschen erwarten auch höhere Belastungen und mehr finanzielle Einbußen durch Kinder.

Große Differenzen ergab auch die Befragung von Kinderlosen. Von den kinderlosen Franzosen wollen nur 13 Prozent definitiv keine Kinder, von den deutschen Kinderlosen mehr als ein Viertel (26 Prozent). Kinderlosigkeit werde in Frankreich lediglich als „Lebensphase“ angesehen, in Deutschland dagegen als „Lebensmodell“, urteilt Renate Köcher. In dem Land jenseits des Rheins bleiben nur zehn Prozent der Bevölkerung auf Dauer kinderlos, während sich in der Bundesrepublik der Anteil der Menschen, die keine Nachkommen großziehen, der 30-Prozent- Marke nähert.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) wünschte mit Blick auf die Studie denn auch, dass die Deutschen von den Nachbarn lernen: So tauge die Gelassenheit gegenüber der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Vorbild, aber auch die Einsicht, dass eine Gesellschaft nicht nur kinderfreundlich, sondern auch elternfreundlich sein müsse, wenn sie sich mehr Nachwuchs erhoffe.

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