Zeitung Heute : Lieben lernen

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Mit einem Lächeln fing alles an. Damals war ich noch gar nicht West- Berlinerin, sondern Essenerin, aber ich kannte die Stadt, den Osten vor allem: aus Büchern. Als Dank für ihre Pakete mit Kaffee und Kakao schickte eine Freundin aus dem Osten unserer Mutter immer geistige Nahrung, Christa Wolf, Jurek Becker und Günter de Bruyn.

„Karl Erp lächelte beim Erwachen und wusste nicht, warum.“ So fängt de Bruyns Roman „Buridans Esel“ an, in dem ich zum ersten Mal im Leben vom Rosenthaler Tor, von der Charité und auch von Kohlhasenbrück hörte, das in meiner Ausgabe aus dem Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale) von 1968 interessanterweise Kohlhassenbrück heißt. Und so fing meine Liebe an, für diese Stadt und ihr Drumherum und für den leisen Humor, mit dem de Bruyn von seinen Helden erzählt, die keine sind. Jetzt, Jahrzehnte später, habe ich ihn kennen gelernt, was ja riskant sein kann, denn selten ist es so, wie in diesem Fall: dass ein Schriftsteller so ist wie seine Bücher. Freundlich ist er und bescheiden, das mag harmlos klingen, aber gerade das ist de Bruyn nicht, sondern einer, der im Kleinen das Große erkennt, einer, der das Abseits schätzt. „Abseits“, so hat der 78-Jährige sein wunderschönes neues Buch genannt, seine „Liebeserklärung an eine Landschaft“ südostlich von Berlin, die nicht einmal einen Namen hat. Vorgestellt hat de Bruyn sein Buch in Neuhardenberg, und der Rahmen hätte nicht passender sein können. Freundlich und heiter, so wirkt das mit offenbar viel Geld, aber auch Verstand renovierte Schloss: nicht protzig, sondern– ja, fast bescheiden. Hier hat man nicht kitschig draufloshistorisiert, wie es Berliner Hotels gern tun, sondern das Alte bewahrt und die Moderne harmonisch dazugesellt. „Gerührt sei er“, sagte de Bruyn, an diesem Ort zu lesen, habe er doch das Schloss in früheren Jahren in verschiedenen Phasen des Verfalls erlebt.

Auf der B1 sind wir dorthin gekommen, derselben B1, an der ich aufgewachsen bin, die quer durchs Ruhrgebiet führt, mehr Stau als Straße, quer durch Deutschland und Berlin, immer weiter geradeaus, dann irgendwann links abbiegen und man ist da. In einem verschneiten Märchenpark.

Günter de Bruyn, Abseits, S. Fischer Verlag, 19,90 Euro. Hotel Schloss Neuhardenberg, Tel. 033476/6000, www.schlossneuhardenberg.de.

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