• Lieber Olli, du musst nichts sagen, aber ich will dir sagen, dass ich weiß, wie das ist. Einen Tag bist du beim Probetraining bei Preußen Münster, am nächsten Tag gilt das alles nichts mehr Pool-Novellen (IV)

Zeitung Heute : Lieber Olli, du musst nichts sagen, aber ich will dir sagen, dass ich weiß, wie das ist. Einen Tag bist du beim Probetraining bei Preußen Münster, am nächsten Tag gilt das alles nichts mehr Pool-Novellen (IV)

Der Dramatiker Moritz Rinke wollte dichter ran an die Nationalmannschaft. Deshalb hatte er sich im Mannschaftsquartier Schlosshotel Grunewald als Poolwächter beworben. Wie es dort zugeht, hat er sich schon gedacht.

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Die erste Halbzeit gegen Schweden war unglaublich, es war fantastisch, ich saß im Lido und traute meinen Augen nicht, und die folgende Frage muss nun schon mal erlaubt sein: War da etwa mein Voodoostein mit im Spiel??

Ich hatte ja schon berichtet, dass ich einen magischen Mondstein habe von einem Voodoolehrer, den ich Asamoah schenken wollte. Als der aber das letzte Mal nicht an meinen Pool kam, führte ich im Badehandtuch von Robert Huth ein Voodooritual durch, indem ich dreimal „Ayamayoto“ rief, so will es das Ritual – „Ayamayoto“ heißt in der Muttersprache von Asamoah „Maisbrei“, das bedeutet, es komme Ernte und Segen.

Kam ja dann auch! Zu mir an den Pool kamen sofort völlig überraschenderweise die Spielerfrauen, eine nach der anderen, und die Deutschen haben einen Tag später gespielt wie überhaupt noch nie! Hat sogar Beckenbauer gesagt, Beckenbauer hat auch auf der Tribüne so irre überrascht geschaut, als ob auch er jetzt denken würde, Mensch, da ist doch irgendwie Voodoo mit im Spiel!

Was auch immer geschehen sein mag, liebe Patrioten, ich sitze wieder am Pool und meine deutschen Spieler sind zurückgekehrt.

Montag war frei, auch für die Spieler, gearbeitet haben wir alle von Dienstag an bis heute zur Abfahrt ins Olympiastadion. Die Tage über wurde viel trainiert, kaum gebadet. Dienstag früh, da kam Jens Lehmann, lächelte sehr freundlich und schwamm ganz langsam in Ovalform durch meinen Pool. Lehmann hat ja viel gewonnen, finde ich. Manche werden mit dem Erfolg unsympathischer, Lehmann nicht, Lehmann ist mir immer sympathischer geworden, Kahn eigentlich auch, Kahn war ja am allerersten Tag meiner Schwimmmeister-Tätigkeit bei mir im Becken, ich hatte darüber berichtet, Dienstag hatte er übrigens Durchfall.

Gestern hatte ich auf meinem erhöhten Stuhl um 8 Uhr in der Früh zum Dienstbeginn Platz genommen, um über das Arbeitsgebiet zu blicken, meine Aufgabe ist ja, Insekten, Laub und alles, was eindeutig nicht zur deutschen Mannschaft gehört, aus dem Pool zu entfernen.

Um 8 Uhr 10 kam Sönke Wortmann, der Regisseur vom „Wunder von Bern“, der gehört zur deutschen Mannschaft, der ist mit der Handkamera überall dabei. Der Film, den er macht von der Nationalmannschaft, das wird ein Kultfilm, darauf freue ich mich schon jetzt. Sönke habe ich einmal auf einer SPD-Wahlparty kennen gelernt, wir haben auch beschlossen zusammenzuarbeiten, weil wir beide so fußballcrazy sind, das verbindet ja. Auf jeden Fall als Sönke kam, habe ich mir schnell das Badehandtuch von Robert Huth über den Kopf geworfen, damit mich Sönke nicht erkennt. Ein Wort und die Fifa schmeißt mich hier achtkantig raus! Dass ich hier überhaupt noch sitze, liegt wahrscheinlich nur daran, dass die Fifa sich eigentlich überhaupt nicht für Fußball interessiert und offensichtlich „11 Freunde täglich“ nicht liest, sonst wäre ich ja keine fünf Minuten mehr hier!

Ich saß also die ganze Zeit mit übergeworfenem Handtuch von Robert Huth da, während Sönke schwamm, irgendwann rief er, „Sag mal, bist du die Vogelscheuche von der Fifa-Security?“ Ich sagte, „Nein, ich hab morgens manchmal ’ne Lichtallergie“, dann hörte ich so ein komisches Klicken und kein Plätschern mehr, hoffentlich komm ich jetzt nicht als Vogelscheuche von der Fifa mit in den Film hinein!

Als Sönke gegangen zu sein schien, nahm ich vorsichtig das Handtuch weg und sah plötzlich in der Ferne im Schlosshotel-Garten Kahn und Lehmann, ebenfalls mit Badehandtüchern. Panik überfiel mich! Kommen die jetzt etwa zusammen in meinen Pool?? Ich überlegte kurz, das ganze Wasser abzulassen, damit kein Unglück geschieht, wenn die jetzt beide zusammen baden gehen, aber vielleicht ist dieser Kampf der Giganten in meinem Pool auch nur in meinem Kopf! Vielleicht haben die Medien das in den letzten Monaten so hochstilisiert, dass ich jetzt glaubte, Haie zu sehen, und sofort das ganze Wasser ablassen wollte, nur weil Kahn und Lehmann mal im Garten mit Handtüchern herumlaufen.

Vielleicht bin ich auch zu empathisch für den Profisport. Ich habe mir lange Bilder angeschaut von Kahn aus dem Schweden-Spiel. Ganz alleine auf der Bank, die zwei Plätze der eingewechselten Spieler Borowski und Kehl neben ihm frei, nur er alleine dasitzend in seinem eigenen Stadion als Nummer 2, die vielleicht niemals mehr spielen wird, kein Wunder, dass man da Durchfall kriegt. Nennt mich eine sentimentale Kitschnudel, aber ich fühle mit Kahn und vergleiche ihn mit Bruno, dem Bären, dem Titan unter den Raubbären, der jetzt in Bayern erschossen wurde! Lehmann ist mir sympathisch, ja, ja, aber ich fühle auch mit Kahn, dem abgeschossenen Titan.

Ich habe mir sogar schon Kaugummis auf meinem Schwimmmeister-Stuhl gelegt für den Fall, dass Kahn noch mal an meinen Pool kommt und wieder kauend schwimmt, wie damals am ersten Tag. Ich will mir dann schnell auch eines in den Mund stecken und auch so Kaugummi kauen wie Kahn, damit er sich wenigstens in meinem Pool, in meinem Revier aufgehoben fühlt, akzeptiert und wohl, nicht alles so kalt wie auf der Bank!

Ich wurde auch mal auf die Bank verbannt. Noch beim TSV Worphausen, das war die Zeit, bevor ich zum FC Worpswede als Stürmer wechselte. In Worphausen war ich Torhüter, bis zur D-Jugend, ab der C-Jugend spielt man auf große Tore, die sind 2,44 m hoch, aber wie groß war ich in der C-Jugend? 1, 51 m! Tragisch! Von einem auf den anderen Tag auf die Bank! Ich war die Nummer eins, Verbandauswahl!, ich war bei Preußen Münster zum Probetraining, ich wurde von Dieter Burdenski gefördert!, plötzlich aber war ich die Nummer 2, im Vereinsheim mitgeteilt, vom Kotrainer, 3 Sätze, eine Zahl, 1, 51, aus, Schluss.

Das Fifa-Sicherheitspersonal untersagt es, mit den Spielern zu sprechen, aber wenn Kahn an meinen Pool kommt, dann steck ich mir erst das Kaugummi in den Mund und dann, wenn wir beide erst mal ein bisschen gekaut haben, dann werde ich irgendwann ganz ruhig sagen: Lieber Olli, du musst nichts sagen, aber ich will dir sagen, dass ich weiß, wie das ist. Einen Tag bist du beim Probetraining bei Preußen Münster, am nächsten Tag gilt das alles nichts mehr. Du darfst noch eine kleine Ansprache vorm Spiel gegen Polen halten, und dann sitzt du alleine im Vereinsheim von Worphausen und bekommst Durchfall, während die anderen den Titel holen.

Auch wenn mich die Fifa danach durchs Schlosshotel jagen wird wie Bruno, den Braunbären, durch Bayern, ich werde es Kahn sagen, ich werde ihm auch sagen, soll er doch Pole werden, Ghanaer, die nehmen ihn mit Kusshand. Man kann auch mit Südafrika in vier Jahren den Titel holen im eigenen Lande, Kahn muss nicht nur der gute Geist vom Grunewald sein, nein.

Ich sah mich jetzt schon als Kahnberater am Kap der guten Hoffnung im Trainingslager für die Fifa WM 2010, da kam plötzlich Jogi Löw an meinen Pool.

„Bist du der Typ mit diesem Ayamabumsda?“

Ich zitterte.

„Wo ist der Voodoostein?“

„In meiner Hosentasche, Herr Löw.“ Und dann, ich schwöre: „Kannst du ihn uns geben, wir wollen ihn auf die Bank legen gegen Argentinien.“

Ich weine noch jetzt vor unfassbarer Freude.

Ins Stadion nehme ich heute wieder mein Opernglas mit. Und wenn Kahn dann wieder alleine auf der Bank sitzen wird, vielleicht liegt dann mein Mondstein neben ihm.

Und nun Ayamabumsda, lieber Jogi, liebes Land!

Demnächst HOFFENTLICH mehr von meinem Sitz am Pool Schlosshotel Grunewald.

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