Zeitung Heute : Lieber Rezepte tauschen

Über den begrenzten Sinn des Rollenwechsels

Barbara Bierach

Offenbar ist zu jeder Zeit gerade die halbe Welt unterwegs zu irgendeinem Austauschprogramm. Das erklärt zumindest den ewigen Stau. Zum Stichwort „Austauschprogramm“ findet Google 82500 Einträge. Die Uni Salzburg schickt Philosophieprofessoren an die University of California, die Buchmesse Frankfurt exportiert fünf Übersetzer nach Frankreich und bekommt im Gegenzug fünf von der Grande Nation zurück und Apple Macintosh bietet den Austausch von Batterien für Notebooks an.

Dadurch wird alles besser. Die Lehrkörper können studieren, ob die kalifornische Lebensfreude das Philosophieren leichtfüßiger macht als der österreichische Regen, der uns zu Leuten wie Ludwig Wittgenstein und Erkenntnissen wie „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ verholfen hat. Die französischen Übersetzer lernen, dass es trotz des deutschen Saubermannimages in hiesigen Verlagen auch nicht aufgeräumter zugeht als in französischen. Ihre deutschen Kollegen kapieren, dass Kantinenessen auch im Land der Superköche fürchterlich sein kann. Und Dank frischer Batterien im Laptop schreiben dann alle Ausgetauschten fröhliche Emails nach Hause, wie sehr doch Reisen bildet.

Was aber soll sich bilden, wenn Berliner Beamte Manager spielen und umgekehrt? Ein handfester Krach vermutlich, weil der eine sieht, wie viele Verwaltungsvorschriften getrost ignoriert werden und der andere feststellen muss, wie viele weitere Vorschriften noch in der Pipeline stecken. Der Nutzen dieses Austauschprogramms für die Beamten ist gerade noch erkennbar: Für sie ist es vermutlich neu, dass es Leute gibt, die Entscheidungen treffen, ohne dafür sechs Aktenvermerke anlegen zu müssen. Schön wäre es auch, wenn sie in ihrer Rolle als Unternehmer mal auf ein Amt gehen müssten, um die Genehmigung für eine neue Anlage zu beantragen. Aber was können die Manager in den Amtsstuben lernen? Dass die Beamten die eigene Bürokratie oft selber zum Davonlaufen finden? Oder etwa, dass dort entgegen der Erwartung im Einzelfall doch länger als 37 Stunden die Woche gearbeitet wird?

Da sollte man doch lieber andere Dinge austauschen. Zum Beispiel Saucenrezepte, jetzt ist doch Spargelsaison. Oder Erfahrungen mit anderen Managern aus Kalifornien. Da scheint wenigstens verlässlich die Sonne.

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