Zeitung Heute : „Lieber zu viel lernen“

Was muss ich machen, um in einen internationalen Studiengang zu kommen? Für den Eingangstest büffelt Lew Chmelnizki acht Stunden am Tag. Vorher war er zum Praktikum in Tadschikistan

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Von Tilmann Warnecke Bei einem großen, internationalen Unternehmen arbeiten und mit dem Job viele neue, aufregende Länder kennen lernen: So will ich später einmal leben. Das schwor sich Lew Chmelnizki, als er vor einem Jahr sein Abiturzeugnis an der Berliner Jüdischen Oberschule überreicht bekam.

Nun ist der 20Jährige nicht der Einzige, der sich beim Abitur seine Zukunft genau so ausmalt. Viele bewerben sich dann für das Fach BWL an einer großen Uni und hoffen, dass ihr Abischnitt ausreicht, um einen Studienplatz zu bekommen. Anders Lew: Er machte erst ein Praktikum – in Tadschikistan. Jetzt will er einen Platz für den Studiengang „International Business“ an der Berliner Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) bekommen. „Der ist optimal in Zeiten wie diesen, in denen Absolventen möglichst international ausgerichtet sein sollen“, sagt Lew. Denn die Studenten lernen nur zur Hälfte in Berlin. Den Rest des Stoffes bringen ihnen englische Professoren an der Anglia Polytechnic University in Cambridge bei.

Um möglichst geeignete Studenten zu bekommen, wählt die Fachhochschule die Kandidaten aus, die in einer Aufnahmeprüfung in Englisch und Mathe am besten abschneiden. Das ist gut für Lew: Bei seinem Abischnitt von 2,4 hätte er an einer Berliner Uni womöglich mehrere Semester auf einen Platz warten müssen. 150 potenzielle Studenten bewerben sich jedes Jahr an der FHW, nur 30 werden genommen. Das hat Lew bereits bei einem Tag der Offenen Tür der FHW erfahren.

Wie bereite ich mich richtig auf so eine wichtige Aufnahmeprüfung vor – und das in nur wenigen Wochen? Schließlich ist Lew erst Ende April aus Tadschikistan wiedergekommen, und die Tests finden schon in einer Woche statt.

Als erstes hat er bei der FHW angefragt, was denn rankommen könnte – die Hochschule hat ihm auch einige Gebiete genannt. „Ich will aber sicher gehen, dass ich auf alles vorbereitet bin“, sagt Lew. Um seine Englischkenntnisse braucht er sich wenig Gedanken zu machen, schließlich war er in der elften Klasse für ein Jahr zum Austausch in Kalifornien. Mathe dagegen hatte er nicht mal als Leistungkurs. Deswegen holt er jetzt den gesamten Stoff seit der elften Klasse nach. „Lieber zu viel lernen als zu wenig, ich will mir nicht vorwerfen, dass ich geschlampt habe“, sagt Lew.

Jeden Morgen um neun nimmt Lew zwei Stunden Unterricht – eine Freundin empfahl ihm ihre russische Oma, die früher selber Mathe unterrichtet hat. „Es ist wichtig, wenn man die Themen mit jemand anderem durchspricht und nicht nur einfach vor sich hinlernt“, sagt Lew. Danach marschiert er – ganz wie ein bereits eingeschriebener Student – in die Berliner Staatsbibliothek. Dort paukt er mindestens nochmal sechs Stunden. Warum er nicht zu Hause lernt? „Wie soll das denn gehen?“, fragt Lew fast ungläubig zurück. „Telefon, Internet, Fernseher – da wär ich doch nur abgelenkt.“

Sein wichtigster Tipp für alle, die Ähnliches vorhaben: Stellt Euch einen Stundenplan auf. Dann kann man Tag für Tag kleine Erfolge feiern, wenn man wieder ein Thema ganz planmäßig abgeschlossen und verstanden hat. Ein anderer Ratschlag könnte lauten: Nutzt Eure Kontakte. Neben der Oma der Freundin befragte Lew einen Bekannten, der bereits an der FHW studiert. Einer seiner ehemaligen Lehrer lieh ihm Mathebücher aus der Schulbibliothek.

Beinahe „fanatisch“ lerne er, meint Lew. Das hat zum einem mit seinem Ehrgeiz zu tun, unbedingt den Wunschstudienplatz zu bekommen. Andererseits, gibt er zu, würde er sich sonst gerade furchtbar in Berlin langweilen. So spannend ist es hier nämlich nicht, wenn man wie Lew noch vor wenigen Wochen bei einer Nichtregierungs-Organisation an der Grenze zwischen Tadschikistan und Usbekistan mithalf.

Dort unterstützte er Schüler, Lehrer und Eltern, Geld für ihre Schulen zu sammeln – Geld von der Regierung gebe es dort nämlich kaum, sagt Lew. Mit seinen Kollegen gab er in Orten und Dörfern Tipps, wie man Gemeinschaftsverfassungen aufsetzen kann, die das Miteinander regeln. Da er fließend Russisch spricht, übersetzte er oft die Gespräche zwischen den Einheimischen und den englischsprachigen Mitarbeitern der NGO.

Dass so ein Praktikum auf dem Lebenslauf gut aussieht, ist selbstverständlich – für Lew aber nicht der Grund gewesen, so weit weg zu gehen. „Ich wollte vor allem Erfahrungen sammeln und einen neuen Blick auf die Welt bekommen. Vielen ist gar nicht klar, wie gut es uns eigentlich geht. Dort funktioniert gar nichts“, sagt Lew.

Es gab auch einen privaten Grund, weswegen er ausgerechnet in Tadschikistan ein Praktikum absolvierte: Seine Schwester konnte er besuchen, die dort bei einer Hilfsorganisation arbeitet. Und jetzt weiß er endlich, wie das Land aussieht, in dem sich seine Eltern, die aus Russland stammen, einst kennen gelernt haben.

Vor kurzem noch ganz weit weg in Asien – und jetzt in der Staatsbibliothek mit Integralen und Gleichungen mit vielen Unbekannten als nächste Bekannte. Bleibt da überhaupt noch Zeit für die alten Freunde? Ach, sagt Lew, so schlimm ist das Lernen für die Aufnahmeprüfung nun auch wieder nicht. Eine seiner Freundinnen studiert Medizin und paukt von morgens bis abends Anatomie und Physiologie. „Die ist richtig mit den Nerven fertig. Im Vergleich dazu ist mein Pensum doch kinderleicht.“ Außerdem beherzigt Lew folgende Regel: Wer tagsüber hart lernt, darf danach zur Belohnung ruhig ein bisschen feiern gehen. Deswegen guckt er sich die neuesten Filme im Kino an oder isst mit seinen besten Freunden Sushi. Denn beim Ausgehen, findet Lew, „entspanne ich einfach besser.“

Mehr zum Studiengang, für den Lew sich bewirbt:

www.fhw-berlin.de/fhw2000/studium/diplom_ibu.htm

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