Zeitung Heute : Liebermanns Garten soll leuchten wie auf seinen Bildern

Der Tagesspiegel

Von Amoray Burchard

Wolfgang Immenhausen steht auf der Terrasse des Liebermann-Hauses, und unter seinen Augen gedeiht eine blühende Landschaft. Der stellvertretende Vorsitzende der Max-Liebermann-Gesellschaft sieht den Garten zum Wannsee hin wie der Maler, wenn er hier oben saß und skizzierte. Der große Rasen ist wieder so grün wie auf Liebermanns Ölgemälde von 1920. „Die Blumenterrasse nach Nordosten“ ist wieder so üppig bepflanzt wie auf dem gleichnamigen Bild, das sechs Jahre später im Atelier im ersten Stock der Villa entstand. Bald, sehr bald wird wieder alles so sein, verspricht Immenhausen: „Liebermann hat nur ein Jahr gebraucht, und dann war der Garten fertig.“ 1909 kaufte er das Grundstück an der Colomierstraße 3, baute das Haus und legte den Garten an, 1910 malte er schon die ersten Bilder.

Zu über 200 Gemälden inspirierten Haus und Grundstück am See den Künstler. Es sind lichtdurchflutete Bilder von großer farblicher Leuchtkraft. Sonnenbilder, die Liebermann in seiner Sommerresidenz schuf. Heute braucht man schon die Visionen des alteingesessenen Wannseer Schauspielers und Galeristen Wolfgang Immenhausen, um den Ort so zu sehen wie auf den impressionistischen Ölbildern Max Liebermanns. Das einst terrassierte Blumenbeet unter der Veranda ist eingeebnet. Der struppige Rasen dient im unteren Teil als Winterlager für Sportboote. Liebermanns Bilder, die zwischen dem Bau des Hauses und dem Tod des Künstlers 1935 entstanden, sollen jetzt als Vorlage für die Wiederherstellung des Ensembles als Liebermann-Museum dienen.

Das Künstler-Haus und der Garten am Wannsee als Pilgerstätte für Kunstfreunde: Lange war das nicht mehr als eine schöne Idee, die an widrigen Umständen zu scheitern drohte. Der Deutsche Unterwasserclub (DUC), der die Villa seit 1971 nutzt, hat einen langfristigen Pachtvertrag. Zuletzt verlängerte das Bezirksamt Zehlendorf ihn 1995 um 20 Jahre. Die im selben Jahr gegründete Liebermann-Gesellschaft konnte damals in letzter Minute eine rettende Klausel durchsetzen: Der Club muss ausziehen, wenn ihm der Bezirk eine vergleichbare Immobilie am Wannsee anbieten kann. Im September 2001 endlich gelang die schier unmögliche Mission. Die Taucher bekommen die Villa hinter der Wannseer Feuerwache. Und jetzt, sagt Wolfgang Immenhausen, gibt es endlich einen Zeitplan für den Umzug und für die Eröffnung des Liebermann-Hauses.

Die Taucher wollen das Haus bis Ende Juni räumen. Die 100 000 Euro, die Umzug und Sanierung der Feuerwehr-Villa kosten, übernimmt die Liebermann-Gesellschaft. Zum 155. Geburtstag des Malers, am 20. Juli 2002, zeigt die Gesellschaft eine kleine Werkstattausstellung zum Thema „Max Liebermann in Wannsee“. Bis Oktober soll sie an den Wochenenden geöffnet sein - als Vorgeschmack auf das künftige Museum mit einer kleinen, feinen Ausstellung Liebermannscher Originale, einer Dokumentation der Geschichte der Villa, einem Café und dem rekonstruierten Gartendenkmal mit allen Beeten, Hecken und Wegen. Ende Oktober schließt die Gesellschaft Haus und Garten für ein Jahr, um dieses Projekt bis Herbst 2003 zu verwirklichen.

Die Bausubstanz der Villa sei bestens erhalten, sagt Immenhausen. Die Sandsteinsäulen vor den Eingangstüren, die grünen Fensterläden und -rahmen, die Türen im Haus, das Parkett im Speisezimmer, der sparsame Stuck an der Decke, ja selbst einige der Heizkörper überlebten die turbulente Geschichte des Hauses. Nachdem Max Liebermanns Witwe 1938 gezwungen wurde, die Villa an die Reichspost zu verkaufen, wurde das Anwesen ein Ferienlager „für die weibliche Gefolgschaft der Deutschen Reichspost“, kurz vor Kriegsende Lazarett, dann städtisches Krankenhaus und 1971 DUC-Clubhaus. Rund 800 000 Euro soll der Innenausbau des Künstler-Hauses kosten - nach strengsten denkmalpflegerischen und sicherheitstechnischen Auflagen. „Der Garten“, sagt Wolfgang Immenhausen mit einem Blick durch die Terrassenfenster, „kostet eine Million.“ Gesichert ist die Finanzierung noch nicht. In den kommenden Wochen wird die Lotto-Stiftung über einen vom Kultursenator unterstützten Antrag der Liebermann-Gesellschaft entscheiden. Auf ein Drittel der Baukosten hoffen die Kunstfreunde, Anträge bei weiteren Stiftungen laufen.

Das Land Berlin soll keinen Cent dazubezahlen, ist aber am Wannsee nicht nur ideel mit im Boot. Das Bezirksamt Zehlendorf übergibt die Immobilie jetzt der Senatskulturverwaltung, die sie der Liebermann-Gesellschaft dann mietfrei überlässt. Die laufenden Kosten für den Museumskosten soll das Künstler-Haus selber erwirtschaften. Die Gesellschaft, so Immenhausen, rechnet mit 50 000 Besuchern pro Jahr.

Wolfgang Immenhausen hat in der Colomierstraße mehr gesehen als alle anderen Liebermann-Aktivisten. In den 50er Jahren lebte er einmal zehn Tage lang in dem Haus am See - als Patient der chirurgischen Abteilung des „Städtischen Krankenhauses Wannsee“. Der 10-jährige Wolfgang hatte nur eine Gehirnerschütterung und konnte bald im Garten liegen. Er sah noch die Reste des hölzernen Teepavillons am Fuße des alten Bootsstegs, die heute abgetragen sind. Er erkundete auf wackligen Beinen die verwilderten Heckengärten, die Liebermann auf der linken Seite des großen Rasens anlegen ließ. Heute erinnert nur noch eine - immerhin sorgfältig gestutzte - Hainbuchenreihe an diese drei „grünen Zimmer“.

Ein großer Teil der Bäumchen wurde vor Jahren für den Zufahrtsweg eines benachbarten Wassersportclubs zum Seeufer gerodet. Bevor die Heckengärten rekonstruiert werden können, muss die Liebermann-Gesellschaft nur noch den Club und das Bezirksamt überreden, diesen Weg um ein Grundstück zu verschieben.

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