Zeitung Heute : LIEBESBRAND

_ von KIRSTEN RIESSELMANN

_ von KIRSTEN RIESSELMANN

„Was willst du?“ Diese Frage wiederholt sie häufiger mal, die Angebetete in diesem Buch. Immer dann, wenn David, der Icherzähler, sie einmal mehr aufgespürt hat, in ihrer Heimatkleinstadt, vor der Uni in Prag oder in einer Wiener Kirche. „Was willst du?“ ist eine durchaus berechtigte Frage an einen, der sie derart verfolgt – obwohl er selbst immer nur sagt, er folge ihr. Der am Anfang über sich selbst sagt: „Ich kannte keinen Liebesbrand im Herzen, ich war im Westen verdorben, ich war ein durch und durch degenerierter Mann des Abendlandes, und von der Tradition der orientalischen Frauenanbetung hatte ich keine Ahnung.“

Diesen Icherzähler in Feridun Zaimoglus neuem Roman „Liebesbrand“ wird im Laufe des Romans mehr als nur eine Ahnung überkommen, und er wird seine liebe Not haben, seine Stalking-Aktionen mit Übungen aus der hohen Schule des Kavaliertums zu kaschieren. Liest man sich die Abfolge all dieser werbenden Anstrengungen durch, ist „Was willst du?“ auch eine Frage, die sich der Autor gefallen lassen muss. Und, um die vermutliche Antwort schon mal vorwegzunehmen: Feridun Zaimoglu, mannigfaltiger Literaturpreisträger und dieses Jahr nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, probiert mit seinem neuen Roman die große Synthese aus expressiver, türkischer Emotionstiefe in ausweglosen Herzensangelegenheiten und der deutschen Romantik. Werther trifft auf osmanische Liebeslyrik, sozusagen. Oder auch: Werther bekommt einen Migrationshintergrund und damit ein Recht, immer noch zu leben. Wow.

Die Geschichte geht folgendermaßen: Der Erzähler, ein türkischstämmiger Deutscher aus Kiel, wird Opfer eines schweren Busunglücks in der Türkei. Wie durch ein Wunder wird er nur leicht verletzt, eine Autobahnpassantin leistet Erste Hilfe. Sie gibt ihm Wasser, dann ist sie wieder weg, die Frau in ihrem konservativen Kostüm und mit den Spangen in den blonden Strähnen. Und geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ihm, der seinen Job bei der Börse hingeworfen hat und trotzdem noch vierzehn Jahre wird gut leben können, ohne arbeiten zu müssen. Ihm, der in einer Junggesellenwohnung haust, sich auf Vernissagen von männerverschlingenden Künstlerinnen abschleppen lässt und nur noch ein bisschen an einer gerade zerbrochenen Beziehung knabbert. Und ihm, der mit seiner türkischen Verwandtschaft schon seit Jahren nichts mehr zu tun haben will – er erträgt ihre anzüglichen Witze und ihre Gewalttätigkeit nicht.

David ist also so etwas wie ein intellektueller Bonvivant, ein moderner Décadent, von Ennui und Sinnstiftungsproblemen geplagt, auf der insgeheimen Suche nach Sehnsuchtsgrund. Ohne dass es für Leser und Leserin nachvollziehbar wäre, erhebt er nach seiner Rückkehr aus der Türkei also die spröde Retterin zu seiner höchstpersönlichen blauen Blume – vor allem auch erinnert er sich an ihren hellblauen Emaillering. Seine Ratio schaltet sich erstaunlich schnell aus, ein Arbeitsverhältnis steht ihm sowieso nicht im Weg herum – also macht er sich auf die Suche nach ihr. Und findet sie im bürgerlichen Milieu von Nienburg an der Weser. Es gibt einen schwitzigen One-Night-Stand und im Folgenden eine stetig zunehmende Häufigkeit von Hitze- und Flammenmetaphern im Text.

Der Erzähler reist der Frau, Tyra, nach Prag und Wien hinterher, diesen beiden bei Zaimoglu so überaus legendenbepackten, morbid-schweren, putten- und kapellenvollen Metropolen für Ahnungsvolle, Schwärmer und Friedhofsfetischisten. Über zwei Drittel des Romans küssen sich dort Eros und Thanatos in einer langen Abfolge von mal skurrilen, mal fast lustigen, meist aber überaus seelenvollen Szenen. Der Erzähler macht sich zum Idioten. Er passt Tyra ab. Er bettelt um zehn Minuten ihrer Zeit. Er taumelt von Hoffnung zu Verzweiflung, bricht nebenbei noch einer tschechischen Stadtführerin mit „herrlichem schönem Herzschlag“ das Herz. Und findet doch nur bei Tyra, dass „ihr Hals hinter ihren Ohrläppchen so weiß war wie auf den Schulterfittichen von Taubenflügeln.“

Man traut sich kaum zu lachen, so glutvoll macht sich dieser Mann in seiner Gefühlshingegebenheit nackig und verletzbar. Es ist dabei nicht so, dass man denken würde: Huch, ich erkenne ja meinen Zaimoglu gar nicht wieder! Nein, in „Liebesbrand“ kommt Feridun Zaimoglu zu sich selbst. Er verarbeitet zum einen das Busunglück, in das er im Sommer 2006 tatsächlich verwickelt war. Er hält weiter fest an der kunstvollen Üppigkeit seiner Sprache, wie er sie spätestens mit seinem bukolischen letzten Roman „Leyla“ entfaltet hatte – besonders haben es ihm altbackene Worte für Haushaltsgegenstände und der sprachliche Duktus von Fabeln und Legenden angetan. Diese sperrige Wuchtigkeit verzahnt er aber mit Dialogen von spezifischer Nüchternheit, die Perlen von Intersex-Diskursen produzieren: „Ich will, sagte sie, folgendes: Du schläfst auch in diesem Bett. Du schmiegst dich an mich. Du legst den Arm um mich. Du umfaßt meine rechte Brust. Oh, sagte ich.“

Was außerdem Zaimoglus Interesse weiterhin zu fesseln scheint, ist der Zusammenhang von Weiblichkeit und Religiosität. Ging es in dem Theaterstück „Schwarze Jungfrauen“, das er 2006 zusammen mit Günther Senkel geschrieben hat, noch um junge Neomusliminnen in Deutschland, macht Tyra in „Liebesbrand“ eine andere Wandlung durch: Von der Familienmutter aus der niedersächsischen Kleinstadt mutiert sie zur verstrahlten Christin. Ausgerüstet mit abergläubischem Heiligennippes und Wallfahrtsmedaillen zwischen den Brüsten, sitzt sie in Kapellen und erzählt nur mehr delirante Geschichten über Fegefeuer und Totennougat. Aber unser Verliebter ist durch nichts zu schrecken und gibt den mit ihr Richtung Gaga driftenden Frauenversteher.

Spätestens hier hält man „Liebesbrand“ nicht mehr aus. So, wie man „Werther“ eigentlich auch noch nie ausgehalten hat. Natürlich ist Zaimoglu kein misogyner Macho – das gesamte weibliche Personal weiß immer sehr genau, was es will und setzt seinen Willen auch durch. Und natürlich ist sein Erzähler nicht ausschließlich jammerndes Weichei – er kühlt sich schon immer mal wieder via Prostituierten und anderen Freiwilligen ein bisschen das Mütchen. Aber „Liebesbrand“ geht es trotzdem um nichts anderes als die Ausgestaltung der ewigen, unüberbrückbaren Dichotomie von Männlichem und Weiblichem. Das passiert ohne Zweifel seelenvoller, feiner, sprachmächtiger als in, sagen wir, „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“.

Aber in der Fetischisierung der Frau als Anziehender und Abstoßender, als Gebender und Nehmender und im grundsätzlichen Nichtverstehen dieser mythischen heiligen Hure ist Zaimoglu doch einfach sehr absichtsvoll unaufgeklärt, schwärmerisch eben. Da ändert auch die Offenheit, mit der Gefühle und Sex beschrieben werden, nichts: Dieses Buch kämpft darum, sich einen opaken Fetisch erhalten zu dürfen. Es ist letzten Endes konservativ.

Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008.

375 Seiten, 19,95€

Feridun Zaimoglu, geboren 1964 in Anatolien, lebt seit 1971 in Deutschland. 2003

gewann er beim Bachmann-

Lesen in Klagenfurt den Preis der Jury, 2004 den Adalbert-von-Chamisso-Preis.

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