Zeitung Heute : Liebeserklärung an ein Monster

Christian Boros schwärmt für den Bunker in der Reinhardtstraße – und baut sich ein Haus obendrauf

Matthias Oloew

Es ist ein Albtraum. Sie kauern am Boden, oft in völliger Dunkelheit, weil wieder einmal das Licht ausgefallen ist. In den 160 Räumen auf den fünf Etagen ist die Luft schnell verbraucht. Nicht nur in den Schutzräumen, auch in den vier Treppenhäusern ist kein Durchkommen. Es dauert nicht lang, da sind die Toiletten verstopft. Eigentlich ist hier nur für rund 3100 Menschen Platz. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges quetschen sich bis zu fünf Mal so viele hinein. Und trotzdem sind die, die es geschafft haben, gut dran. Sie wissen: Hier drinnen haben sie eine gute Chance, den Bombenangriff zu überleben. Dem Bunker in der Reinhardtstraße in Mitte verdanken Tausende ihr Leben.

Der Bunker erzählt aber noch eine andere Geschichte. Er erzählt von den Zwangsarbeitern, die ihn erbauten. Er steht für den sowjetischen Geheimdienst NKWD, der nach dem Krieg hier ein provisorisches Gefängnis unterhielt. Und er ist ein Symbol für das Party-Berlin der 90er Jahre, für Techno, tage- und nächtelang, für Fetisch- und Sexpartys. Jetzt hat das Betonmonster einen neuen Liebhaber gefunden. Christian Boros, 40 Jahre, Chef einer Werbe- und Kommunikationsagentur aus Wuppertal, will aus dem Bunker die neue Heimstatt für seine Sammlung aus 400 zeitgenössischen Kunstwerken machen.

Vor drei Jahren erzählten ihm Freunde, dass der Bunker verkauft werden solle. Boros zögerte nicht lange und schaute sich drinnen um. Die Hand hat er vor den Augen nicht sehen können, irgendwo hörte er Wasser tropfen, aber er beschloss: Den will ich haben.

Noch heute erinnert er sich an das verständnislose Lächeln des Notars, als er den Kaufvertrag unterschrieb. Boros mag es, in Gesichter voller Erstaunen, Unverständnis oder Respekt zu schauen, wenn er von seinem Bunkerprojekt berichtet. Erstaunen, dass sich überhaupt jemand für den Bau aus dem Jahr 1943 interessiert. Unverständnis, wenn er erzählt, dass der Bunker auch künftig ein Bunker bleiben wird, also keine schöne Fassade bekommt. Und Respekt gibt es von den Fachleuten vom Bau, die wissen, welches Wagnis er mit dem Projekt eingeht. Denn die Baukosten sind nur sehr schwer kalkulierbar. „Ein freier Flug“, sagt Boros selbst.

Über Geld will er nicht reden. Er setzt es ein, um damit andere zu überraschen. Das Geld, das ihm seine Eltern zum Abitur schenkten, steckte er nicht in eine Reise oder ein Auto. Er kaufte einen Beuys. Jetzt überrascht er alle mit seinen Bunkerplänen. Die Künstler, deren Werke er hier zeigen will, sollen mitentscheiden, welches Stück in welchen Raum kommt. Und wie der Raum dann aussehen soll. Noch sind sie allesamt karg und kalt. „Das wird im Wesentlichen auch so bleiben“, sagt der Sammler. Denn für diese Kunst suchte er „einen Ort der Stille.“ Den hat er gefunden. Von der Welt da draußen ist hier drinnen nichts zu hören, Mobiltelefone geben wegen der dicken Wände keinen Ton von sich. So soll es bleiben. Einen Shop oder ein Café wird man vergebens suchen, wenn das Haus in einem Jahr fertig sein wird. „Ich will Kunst nicht anbieten, man wird sie sich erarbeiten müssen.“

Es ist Kunst, die er selber nicht versteht. „Ich habe immer nur solche Sachen gekauft, die mich provozieren“, sagt er. Ihn interessiert ausschließlich Kunst der Jetztzeit. Er kauft nicht auf Auktionen, er geht selber in Galerien oder Ateliers. Und er verkauft auch wieder. Den Beuys, den er als 18-Jähriger erstand, besitzt schon ein anderer. Dafür zählen heute Werke von Damien Hirst, Olafur Eliasson, Wolfgang Tillmans oder Elizabeth Peyton zur Sammlung.

Bis ihre Arbeiten hier einziehen, muss noch einiges eingebaut werden. Zum Beispiel Heizkörper. Derzeit bohren zwei Bauarbeiter mühsam Kanäle in die Wände, um Wasserleitungen und Stromkabel zu verlegen. Mit Diamant-Schneidern, dringen sie in den 62 Jahre alten Stahlbeton ein. „Gutes Material“, sagt einer von ihnen, halb anerkennend, halb verzweifelnd. Niemand kann sagen, wie dick die Wände wirklich sind. Immer wieder stoßen die Arbeiter auf neue Probleme. „Das ist ein Projekt, das man nur mit dem Bauch machen kann“, sagt Boros. „Mein Verstand und meine Bank sagen: Tu’s nicht. Aber der Bauch will unbedingt.“

Warum? Weil Boros die Geschichte des Bunkers fasziniert. Dietmar Arnold vom Verein Berliner Unterwelten hat alte Bauakten gefunden, die als verloren galten. In seinem neuen Buch „Sirenen und gepackte Koffer“ (erschienen im Chistoph-Links- Verlag), schreibt er, dass nicht Albert Speer, Hitlers Architekt, sondern Karl Bonatz den Bunker entworfen hat, als Schutzbau für den nahen Bahnhof Friedrichstraße. Äußerlich sollte er gut ins Stadtbild passen und nach dem Krieg verziert werden.

Der Bunker in der Reinhardtstraße ist der Bunker. Auch deshalb, weil er in den 90ern das Zentrum der Technoszene war. Wilde Partys haben hier stattgefunden, mit Marusha als aufkommender Star-DJane. Später mit härteren Sounds, Gabba, oder als reine Fetisch-Abende. Schwule verabredeten sich zu Sex-Partys, das Nachwende-Berlin hat sich im Bunker ausprobiert, hat hier die Love Parade groß gemacht und sich dann von ihrem Kommerz distanziert. Bis heute ist der Bunker Ausgangspunkt der Fuck Parade, der Gegenveranstaltung zur Love Parade, die gegen die Schließung des Partybunkers protestiert. Das ist allerdings schon fast zehn Jahre her. Die Behörden hatten festgestellt, dass der Bunker nicht den Anforderungen einer Vergnügungsstätte genügte: keine Toiletten, keine Notausgänge.

„Partys wird es hier nicht mehr geben“, sagt Christian Boros, ignoriert den „Rauchen verboten“-Schriftzug und steckt sich eine Zigarette an. Überhaupt wird die Öffentlichkeit nur nach Anmeldung und in geführten Kleingruppen hereingelassen werden. Aber auch Kunst braucht Notausgänge. Die nachträglich einzubauen ist fast unmöglich. Zu verschachtelt ist der Bau, zu dick sind die Wände. Am Dach misst der Beton dreieinhalb Meter. „Da sind Bomben direkt draufgefallen“, sagt Boros, „und nichts ist passiert.“

Als Zeugnis des Kriegs steht der Bunker unter Denkmalschutz. Deshalb soll er bleiben, was er ist. Boros findet das gut, mehr noch, er findet den Bunker schön, „denn er ist wahrhaftig und authentisch“. Hier und da lässt er eine Decke herausnehmen, so dass im Innern hohe, dunkle Räume entstehen. „Toll“, sagt er, schaut nach oben in die totale Dunkelheit, und vor seinem Mund bildet sich vor Kälte Nebel.

Das große Loch für den Aufzug haben die Arbeiter schon hineingestemmt. Bis aufs 1000 Quadratmeter große Dach wird er fahren, zu seinem Penthouse, das oben als Neubau entsteht. Die Pläne dafür stammen vom Büro „realarchitekten“. Boros wird zeitweise hier wohnen. „Das wird eine reine Parkhausästhetik hier oben“, sagt er, während er auf einer wackeligen Leiter nach oben kraxelt, „ich kann hier schließlich kein Landhaus draufstellen.“

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