Zeitung Heute : Liebeserklärung an einen Kontinent

Elf Tage, 75 Termine: Warum Horst Köhlers erste große Präsidentenreise nach Afrikaging

Christoph Wirtz[Dschibuti]

Abertausende von Fliegen surren um das deutsche Kriegsschiff „Mecklenburg-Vorpommern“, als es am Donnerstagvormittag seinen Hafenplatz in Dschibuti am Horn von Afrika langsam und behäbig verlässt. Die Besatzung der Fregatte erwartet ihr Staatsoberhaupt. Dessen hundertköpfige Delegation ist bereits an Bord, klettert in verschwitzten Anzügen durch schmale Gänge, über steile Leitern und durch stickige Schleusen.

Draußen auf dem Meer weht ein heißer Südwind über die Decks, als der erste Offizier über Lautsprecher die Ankunft des Bundespräsidenten ankündigt. Steuerbord rattert der Hubschrauber vorbei – ein scharfer Pfiff des Kommandanten, und die Soldaten stehen stramm. Der Präsidentenstander wird gehisst, dann betritt Horst Köhler deutschen Boden. Er trägt Schwimmweste und zerzaustes Haar: „Hat hier jemand einen Kamm?“

Seit Johannes Rau im Frühjahr dieses Jahres seinen Besuch bei den deutschen Soldaten in Dschibuti nur 24 Stunden vorher auf Druck von BND und Kanzleramt wegen einer „konkreten Attentatsdrohung“ absagte, wurde an diesem Besuch gearbeitet. Die präsidiale Stornierung hatte damals diplomatisch für erheblichen Wirbel gesorgt. Das islamische Dschibuti ist zwar eines der ärmsten Länder der Erde, verfügt aber über eine besondere strategische Lage. Man benötigt hier die 50000 Euro Hafengebühr, die die Deutschen jeden Monat zahlen, mehr aber noch internationales Vertrauen. Die Regierung sah sich daher durch die deutschen Sicherheitsbedenken brüskiert.

Also erfolgt die Absicherung im zweiten Anlauf von deutscher Seite effizient und möglichst unsichtbar. Massiv ist sie dennoch: Um den Liegeplatz der Fregatte wurde eine Containerfestung errichtet, schwer bewaffnete Soldaten in Kampfanzügen sichern von den Dächern. Selbst die Kolonne der begleitenden Staatsministerin Kerstin Müller wird von BKA-Beamten mit Maschinenpistolen im Anschlag eskortiert. Der Bundespräsident selber bewegt sich nahezu ausschließlich im Hubschrauber.

Am letzten Tag seiner Afrikareise absolviert er den ersten Bundeswehrbesuch seiner Amtszeit. Zwar sind zwischen Landung und Abflug in Dschibuti nur gute vier Stunden eingeplant, das Militärprogramm hat es dennoch in sich, mit Hymne, Ehrenformation, rotem Teppich, Ansprache, Gesprächen und Manöver. Angetreten sind neben den örtlichen Kommandanten: der Generalinspekteur und der Inspekteur der Marine.

Der protokollarische Aufwand erklärt sich aus der Bedeutung des deutschen Einsatzes. Unter dem Eindruck des 11.September 2001 entschied der Bundestag, deutsche Soldaten in den Anti-Terror- Kampf zu schicken. Seither sorgen deutsche Marinesoldaten zusammen mit Franzosen, Italienern, Spaniern und Amerikanern für die Seeraumüberwachung der Meerenge zwischen Afrika und der arabischen Halbinsel. Seit dem 6. Dezember haben die Deutschen turnusgemäß das Kommando übernommen, kontrollieren passierende Schiffe, eskortieren Truppen und Materialtransporter.

Der Präsidentenbesuch ist ein Höhepunkt in einem nervtötenden Soldatenalltag. Im kühlen, abgedunkelten Kommandoraum unter Deck starren die Männer tagelang auf Radar- und Infrarotbildschirme, es piepst im Hintergrund und es schwankt. Außer der Kontrollroutine geschieht meist nicht viel. Dass die Fregatte die Zwölf-Meilen-Zonen der Anrainerstaaten meiden muss, begrenzt ihre Wirksamkeit. Allerdings gibt es Erfolge beim Kampf gegen die Piraterie in der Handelsschifffahrt. Landgang für die Soldaten ist im Schnitt zweimal im Monat, gilt aber auch nicht als besonderes Highlight. Die Antworten der Soldaten sind gleich lautend: Hier ist Wüste und sonst nichts. Nur an Krankheiten könne man bekommen, was man wolle.

Dschibuti ist eines der heißesten Länder der Erde. In Spitzenzeiten mischen sich dann 50 Grad Hitze mit einer Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent. Wüstensand und Tropenklima zersetzen Männer und Material. Auf Deck können sie dann Spiegeleier braten, 72 Grad heiß ist der Boden.

Horst Köhler steht in der prallen Sonne und spricht zu den Soldaten. Er weiß, dass deren Einsatz in der Heimat auf wenig Interesse stößt, versichert sie seiner Wertschätzung. Neben dem Präsidenten steht ein lamettabehangener Weihnachtsbaum, an der Küste zieht die Wüste vorüber. Der Präsident überreicht Videokassetten als Weihnachtsgeschenk, isst mit den Soldaten im Hubschrauberhangar unter einem Adventskranz am Karabinerhaken. Manche der Soldaten sprechen von möglichen Terroranschlägen während der Weihnachtstage. Die gesamte Task Force wird an Heiligabend auf See sein. Erhöhte Aufmerksamkeit und Schweinebraten stehen auf dem Programm. „Man darf eben nicht zu viel an Zuhause denken“, sagt einer der Männer. Auf See gilt absolutes Alkoholverbot.

Der Besuch des Bundespräsidenten endet gegen halb drei mit der Verabschiedung auf dem Flughafen von Dschibuti. Im kühlen Präsidentenairbus werden Käsekuchen und Schwarzwälder Kirschtorte serviert, die Delegation stellt die Uhren zurück.

Elf Tage und 75 Termine in Sierra Leone, Benin, Äthiopien und Dschibuti liegen hinter Horst Köhler, 18700 Kilometer in mehr als 23 Flugstunden quer durch den Kontinent. Er hat sich seine erste große Auslandsreise nicht leicht gemacht. Touristische Folklore und Sightseeing wurden gestrichen. Flüchtlingslager, Kleinkreditprogramme, Leprakrankenstationen und unzählige Gespräche bildeten die Grundlage der Reise. Dabei hat sich der Bundespräsident nicht immer diplomatisch zurückgehalten. Er hat die hartnäckige Forderung nach Entwicklungshilfe und Investitionen der reichen Länder stets ergänzt um die Forderung nach eigenen Kraftanstrengungen, Rechtsstandards und Verfassungstreue.

Er kennt die Reden seiner Gastgeber von Korruptionsbekämpfung und zivilgesellschaftlichem Engagement noch aus seiner Zeit als Chef des Internationalen Währungsfonds. Weiß, dass seine Gesprächspartner sehr gut wissen, was westliche Politiker hören wollen. Nicht alles lässt er durchgehen. Vor der Afrikanischen Union in Addis Abeba erklärt er ohne Umschweife, dass es kein natürliches Recht auf Schuldenerlasse gibt. In Benin fordert er den Staatspräsidenten öffentlich auf, sich um die Korruption im Land zu kümmern. Bei einer Konferenz besteht er darauf, dass sich in Afrika „vieles ändern“ müsse. Afrikanisches Zeitgefühl in Ehren, aber die Welt nehme darauf keine Rücksicht.

Horst Köhler ist kein gravitätischer Diplomat. Der präsidiale Gestus wirkt hin und wieder einstudiert. Auch im Gespräch mit Journalisten spricht er Klartext, manchmal sorgt er für Nervosität bei der Entourage. Auf dem Rückflug, irgendwo über Griechenland, meldet er sich bei seiner Delegation über Bordlautsprecher, zieht ein Fazit: „Hier spricht der Bundespräsident...“ Horst Köhler ist nach seiner ersten außereuropäischen Reise zufrieden. Afrika ist für ihn kein vergessener, verlorener Kontinent. Das hat er deutlich gemacht. Es gibt viel zu tun, viel Elend und viel Grund zur Hoffnung. Jedes Jahr will er fortan mindestens einmal nach Afrika reisen. Er habe eben sein „Herz an Afrika verloren“, sagt er.

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