Zeitung Heute : Liebesschwur an der Kurbelwelle

In TV-Soaps sollten mehr Ingenieurinnen auftreten. Das könnte Mädchen für technische Berufe begeistern

Sybille Nitsche

Trotz Feminismus, Frauenförderung und Quote entscheiden sich in Deutschland nach wie vor nur sehr wenig Frauen für ein natur- oder ingenieurwissenschaftliches Studium. In den entsprechenden Jobs sind sie kaum zu finden. So liegt der Frauenanteil im Maschinen- und Fahrzeugbau oder in der Elektroindustrie bei kümmerlichen vier bis fünf Prozent. Von Frauen in Führungspositionen ganz zu schweigen. „Die Situation in Deutschland ist alarmierend. Wir brauchen neue Strategien, müssen neue Wege gehen, um Frauen für Technik zu interessieren“, sagt Helga Lukoschat, die Geschäftsführerin des Berliner Hochschulkarrierezentrums für Frauen (Femtec) an der TU Berlin. Das Ziel von Femtec ist es, junge Frauen für ein Studium der Ingenieur- und Naturwissenschaften zu gewinnen.

Weitere Broschüren mit Appellen zu füllen, bringe nichts, sagt Lukoschat. Femtec will daher neue Wege gehen: Zusammen mit Euroscience, einem Netzwerk von Wissenschaftlern, und Euro-Mei, einer Vereinigung von Drehbuchautoren und Medienwissenschaftlern, hat Femtec das Projekt „Eurowistdom“ ins Leben gerufen. Das Kürzel steht für „European Women in Science TV Drama on Message“, was so viel heißt wie: „Auf Sendung: Ingenieurinnen und Forscherinnen im Fernsehen“. Das Projekt will die große Ausstrahlungskraft von TV-Serien, Soaps und Fernsehdramen nutzen, um neue weibliche Rollenbilder zu transportieren – zum Beispiel von Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen. Dadurch sollen deutlich mehr Schülerinnen für Wissenschaft und Technik begeistert werden. „Rund 870 000 Jugendliche sehen täglich Serien wie Verbotene Liebe, GZSZ, Marienhof oder Forsthaus Falkenau“, sagt Lukoschat. „Die Mädchen und Frauen, die dort lieben, leiden und lachen, arbeiten meist in den klassischen Frauenberufen – im Restaurant oder in der Werbung, sind Rechtsanwältin oder Krankenschwester. Das wollen wir mit Eurowistdom ändern.“

Eurowistdom soll helfen, neue Ideen für TV-Serien, für das Setting, also das Umfeld, in dem diese spielen, und ihre Figuren zu entwickeln. „Warum könnte eine solche TV-Soap nicht in einem technischen Labor oder in einer Flugzeugmontagehalle handeln?“, fragt Lukoschat. „Warum müssen weibliche Rollen immer Ärztinnen oder Leiterinnen eines Reiterhofes sein, warum nicht Informatikerin, Physikerin oder Elektroingenieurin? Deren Geschichten können sich ja trotzdem um Herz und Schmerz, um Liebe und Verrat drehen.“

Erfahrungen aus England und Amerika besagten, dass die Protagonistinnen solcher TV-Dramen die Berufswahl von jungen Frauen erheblich beeinflussen. So seien in England im Zusammenhang mit der von der BBC ausgestrahlten Serie „Silent Witness“ (Stumme Zeugin), die im Umfeld von Gerichtsmedizinern spielt, die Bewerbungen für ein solches Studium signifikant nach oben gegangen. „An diese Erfahrungen knüpfen wir an. Die Vorbildrolle solcher TV-Geschöpfe scheint enorm zu sein“, erklärt Lukoschat. Das Team von Eurowistdom wird europaweit sechs Stipendien für Autoren ausschreiben, die ein Drehbuch für eine solche Serie mit weiblichen Figuren als Ingenieurin oder Naturwissenschaftlerin entwerfen. Die Stipendien sind mit jeweils 7000 Euro dotiert.

„Doch bis es soweit ist, sind völlig neue Netzwerke zu knüpfen. Wir werden Wissenschaftler und Unternehmer mit Autoren, Produzenten und Programmchefs von Fernsehsendern zusammenbringen. Es geht darum, überhaupt erst einmal ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wichtig es ist, junge Frauen für Naturwissenschaften und Technik zu interessieren“, meint Lukoschat. „Eurowistdom will einen ganz neuen Dialog zwischen Wissenschaftlern und Medienleuten initiieren, jenseits der bekannten Wissenschaftssendungen.“

Die EU fördert Eurowistdom vorerst ein Jahr lang mit 300 000 Euro. Neben den Stipendien werden damit Tagungen, Workshops und die Öffentlichkeitsarbeit finanziert.

Ob eine Soap für Technik und Naturwissenschaften ähnliche Effekte zeigt wie „Silent Witness“ für die Gerichtsmedizin, weiß noch niemand. „Wir betreten Neuland“, sagt Lukoschat.

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