Zeitung Heute : Liebling Charlottenburg

Klassiker der Moderne auf dem Hollandrad: Spätestens seit dem MoMA-Erfolg ist Peter Raue West-Berlins heimlicher Kultursenator

Frederik Hanssen

Gibt es eigentlich irgendetwas, das Peter Raue seine unerschütterlich gute Laune verderben kann? Ja: Tempotaschentücher. In der Schnupftuchfrage ist er unerbittlich. Da kommt ihm nur echter Stoff in die Tasche. „Diese Schrulle leiste ich mir.“ Und dann ist da natürlich noch die Sache mit der Fliege, die er seit seinem 20. Lebensjahr zum Anzug trägt. Und die Angewohnheit, mit dem Hollandrad durch Berlin zu kurven. Und die Leidenschaft, seine Charlottenburger Dachgeschosswohnung bis auf den letzten Quadratzentimeter mit zeitgenössischer Kunst auszustatten. Mit einem Wort: Peter Raue ist ein Gesamtkunstwerk. Ein Klassiker der Moderne.

Wenn irgendwo in der Hauptstadt eine Premiere stattfindet, taucht früher oder später der weiße Lockenkopf des 64-Jährigen in der Menge auf. Als Partylöwe möchte er sich trotzdem ungern bezeichnen lassen. „Ich würde mich nicht einmal eine Partykatze nennen.“ Seine massive Präsenz in der Öffentlichkeit liege schlicht und ergreifend an seinem Job: Peter Raue ist der Anwalt der schönen Künste und der Geistreichen. Er vertritt Kent Nagano, Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker, Claus Peymann, Dieter Kosslick und die Berlinale, Heribert Sasse und, wenn Not am Mann ist, sogar „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann.

Peter Raue gehört zu den wenigen beneidenswerten Menschen, die Neigung und Beruf zur vollkommenen Deckung gebracht haben. Seniorpartner der international agierenden Anwaltssozietät Hogan, Hartson & Raue ist sein offizieller Titel, Kunst- und Urheberrecht sein Spezialgebiet. Und was das Beste an der Arbeit mit den Großen der Bühne und des Films ist: Peter Raue verdient damit auch noch richtig gutes Geld. „Billing hours“ nennen Rechtsanwälte jene Arbeitsstunden, die sie ihren Klienten in Rechnung stellen dürfen. Auf fast 2000 davon kommt Raue im Jahr, was ungefähr einer 45-Stunden-Woche entspricht. Wie er es schafft, daneben noch diverse Ehrenämter auszufüllen, fast jeden Abend in der Kulturszene unterwegs zu sein und dabei stets entspannt zu wirken, bleibt sein Geheimnis.

Wahrscheinlich geht das nur, indem er ständig als multiple Persönlichkeit auftritt, als akquisefreudiger Jurist, als Vorsitzender des Vereins „Freunde der Neuen Nationalgalerie“, als Privatsammler, Professor, Auktionator für wohltätige Zwecke. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Peter Raue in München geboren wurde. Er strahlt diese gelassene Heiterkeit aus, die auch den Bayern Christoph Stölzl kennzeichnet. Und er ist, wie der zugereiste CDU-Politiker, Genüssen jeder Art zugetan. Im rauen Sozialklima Preußens wirken Menschen wie Raue eindeutig stimmungsaufhellend.

Genauso wie der Megaerfolg der MoMA-Ausstellung. Da fällt sein Name stets zuerst – und doch will sich Peter Raue nicht als „Momanizer“ vom Dienst vereinnahmen lassen. „Ich bin nicht der Kopf der ganzen Sache“, insistiert er. „Das war alles Teamarbeit.“ Sicher, er habe damals in einer Schöneberger Kneipe den Chef des Museum of Modern Art, Glenn Lowry, überredet, die Ausstellung während der Renovierung des New Yorker Stammhauses nicht nach Paris, Barcelona, London oder Frankfurt, Essen, Bonn zu vergeben, sondern nur nach Berlin. Mit dem Verein der Freunde der Neuen Nationalgalerie als privatem Veranstalter. „Wenn unser Schatzmeister gesagt hätte, das finanzielle Risiko ist mir zu hoch, wäre aus der ganzen Sache nichts geworden.“

Dennoch ist Raues Machtposition bei den „Freunden“ unerschütterlich. 1977 hat er den Zirkel mit sieben Mitstreitern gegründet, durch kluge Kontaktpflege berühmte Namen wie den damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel oder, später, Bundeskanzler Helmut Schmidt als Mitstreiter gewonnen, bis die Mitgliederzahl auf über Tausend angewachsen war. Auch wenn inzwischen jedes Theater, jedes Orchester und Museum seinen eigenen Freundeskreis unterhält, so prestigeträchtig wie die „Freunde der Neuen Nationalgalerie“ ist keiner. Stolze 600 Euro pro Jahr kostet die Mitgliedschaft: Als Gegenleistung winken aber auch jede Menge gesellschaftliche Events – stets zum Wohle des Museums. In Zeiten, da die Zuschüsse gerade noch für die laufenden Kosten der Institutionen reichen, sind die 900000 Euro, die der Verein der Nationalgalerie in jeder Saison für Ankäufe und Ausstellungsprojekte zur Verfügung stellen kann, ein Geschenk des Himmels. Und Raue spielt dabei die Rolle des Schutzengels vom Potsdamer Platz. Hier, im neunten Stock des Kollhoff’schen Backstein-Hochhauses residiert er in einer mit 600 Originalkunstwerken bestückten Kanzlei, von deren Terrasse man in aller Seelenruhe die MoMA-Schlange betrachten kann.

Privat gibt sich Raue – nicht ohne Koketterie – überaus bescheiden. Er fährt einen Smart, trägt eine Armbanduhr für 80 Euro, wohnt in einer Mietwohnung. Kenner bescheinigen ihm, darin eine der bedeutendsten Privatsammlungen der Stadt zu beherbergen. Auf Vernissagen wird man Peter Raue jedoch nicht treffen: „Da sieht man ja vor lauter Leuten die Bilder nicht!“ Lieber streift er samstagnachmittags durch die Galerien. Und abends sieht man ihn dann mit seiner Lebensgefährtin im Theater, immer bei der Premiere oder notfalls auch bei einer Voraufführung: „Ich will mir den naiven Zugang nicht dadurch nehmen lassen, dass ich vorher schon in der Zeitung gelesen habe, was ich zu sehen bekomme. Die Erregung, wenn der Vorhang hochgeht, ist für mich der schönste Moment des Abends.“

Kein Wunder, wenn viele Beobachter Peter Raue für die Inkarnation des Bildungsbürgers halten, manche sogar für einen Kultursnob. Dabei ist es ihm geradezu peinlich, wenn man ihn, den Freund neuer Künste, des Konservatismus verdächtigt. So wie im Januar 2004, als er angesichts des neuen Berliner Kulturradios einen Wutanfall bekam: Wenn der RBB alle anspruchsvollen Sendungen von „Klassik zum Frühstück“ bis zur 30-minütigen Lesung streiche und für das neue „Durchhörprogramm“ den Slogan „Kultur gehört zum Leben“ erfinde, dann grenze das an Zynismus, schrieb Raue im Tagesspiegel. Das sei genauso, als ob ein Angeklagter, der wegen Mordes an seinen Eltern vor Gericht steht, um ein mildes Urteil bitte – weil er gerade Vollwaise geworden ist. „Dabei ging es mir keineswegs darum, mich an Althergebrachtes zu klammern“, sagt er heute, „für mich handelt es sich hier einzig und allein um eine Frage der Qualität.“ Mit seinem Protest gegen den auf Häppchen-Format geschredderten Kultursender löste Peter Raue eine Lawine der Zustimmung aus: „Noch nie hat etwas, das ich getan habe, so eine Resonanz gefunden.“

Spätestens danach wäre es für Peter Raue eigentlich folgerichtig gewesen, in die Politik zu wechseln: Und doch hat der Duzfreund von Eberhard Diepgen alle diesbezüglichen Avancen bislang abgelehnt. Weil er die Kritik, die auf jeden Amtsträger unweigerlich von allen Seiten niederprasselt, schwer ertragen könnte, wie er offen zugibt. Da bleibt er lieber parteilos und ein „Kulturpolitiker ohne Auftrag“, lässt sich von der CDU in die Bundesversammlung schicken, um Horst Köhler zum Präsidenten zu wählen, fertigt Gutachten für die Enquetekommission des Bundestages zur Lage der Künstler in Deutschland an und agitiert im Übrigen aus der Sicherheit seiner Anwaltskanzlei heraus, wenn ihm etwas nicht passt.

Auch wenn er sein Büro an den Potsdamer Platz verlegt hat – Peter Raue bleibt ein Vertreter des „alten West-Berlin“, jener Clique von mittlerweile 60-jährigen Intellektuellen und Politikern, die auch 15 Jahre nach der Wende die Stadt fest im Griff haben. Kaum verwunderlich, dass Raue mit einem Meister des dialektischen Diskurses wie Thomas Flierl nicht so schnell warm wird, auch wenn er den PDS-Kultursenator durchaus als Persönlichkeit respektiert. Ohne Bitterkeit konstatiert er, dass sich das Hochkulturpublikum in Ost und West partout nicht mischen will: „Wenn ein Konzertprogramm erst in der Philharmonie und dann im Konzerthaus stattfindet, kenne ich hier jeden Vierten, dort fast keinen.“

Wenn am morgigen Sonntag die MoMA-Ausstellung zu Ende geht, wird Peter Raue wieder im Rampenlicht stehen – und gebetsmühlenartig betonen, dass nicht ihm allein, sondern dem gesamten Verein „Freunde der Neuen Nationalgalerie“ dieser Sensationserfolg zu verdanken sei. Der aber hat Peter Raue, wie er sich auch dreht und windet, endgültig aus der regionalen in die nationale Promiliga katapultiert. Dass sein jahrzehntelanges bürgerschaftliches Engagement so medienwirksam belohnt wurde, könnte ihn dabei durchaus zum Vorbild für junge „Entscheider“ werden lassen: Weil seine Karriere beweist, dass es sich in jeder Hinsicht auszahlt, nach Büroschluss für die Kulturmetropole Berlin zu streiten. Im kommenden Jahr, so hat es Peter Raue jedenfalls angekündigt, will er nach 28 Jahren sein Amt als Vorsitzender der Nationalgalerie-Freunde abgeben. Wenn sich jemand traut, sein Nachfolger zu werden.

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