Zeitung Heute : Liebling der Götter

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In Kansas wird 1959 eine Familie ermordet. Truman Capote schrieb darüber "Kaltblütig", sein größter Erfolg - er zerbricht daran. Dieses Drama kommt nun ins Kino.

Das rote Grausen hatte Capote gepackt. „Das rote Grausen ist grässlich. Du fürchtest dich und schwitzt wie in der Hölle, aber du weißt nicht, wovor du dich fürchtest.“ So erklärt Holly Golightly, die ihm die liebste unter seinen Figuren war, den Unterschied zur blauen Melancholie in „Frühstück bei Tiffany“. Das rote Grausen, diagnostizierte der Kranke selbst, hat mit normaler Angst so viel zu tun wie Migräne mit Kopfschmerzen: „Ich bin niemals frei davon.“ Die Dämonen ließen ihn nicht mehr los.

Sein „diamantener Eisberg“ New York, auf dessen Spitze er jahrelang getanzt hatte, war geschmolzen, „der Liebling der Götter“, auch „der kleine Gott“ genannt, vom Olymp gestürzt, auf den er so schnell hinaufgeklettert war: Mit acht begann er zu schreiben, mit zehn hatte er seine erste Geschichte veröffentlicht und mit zwölf den Whisky entdeckt; mit 14 strampelte er auf dem Boden, um seinen Willen zu kriegen, mit 20 war er Schriftsteller und mit 21 schon fast berühmt. Sein erster Roman, „Andere Stimmen, andere Räume“, stand gleich wochenlang auf der Bestsellerliste der „New York Times“, sein zweiter, „Die Grasharfe“, wurde von der Kritik euphorisch gefeiert.

Das kleine Männlein mit den gelblichen Haaren stieg auf zum Superstar, berühmt als Berühmtheit, nebenbei auch der bekannteste Schwule der Welt. Nur sein Vater versuchte sich einzureden, Truman habe mit mehr Frauen geschlafen, als er Finger und Zehen hatte.

Capote wollte Ruhm und Erfolg, und er bekam ihn – zu viel und zu früh, wie er später bedauerte. „Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte“, zitierte Capote Theresa von Avila. Sah der junge Dichter sich noch als mächtigen, aufstrebenden Kondor auf der Jagd nach Ruhm und Unsterblichkeit, wollte Capote der ältere nur noch Mäusebussard sein. „Niemand mag Bussarde. Niemand kümmert sich darum, was sie machen. Du musst Dich nicht um deine Freunde und Feinde kümmern.“

Capote stürzte ab, und es war, versichert sein Biograf Gerald Clarke, ein tragischer Fall. Von einer Entziehungskur wankte er zum nächsten Wodkarausch; statt in Hotels war er jetzt in Krankenhäusern Stammgast. Einstmals every party’s darling, mussten jetzt Leute zu seiner Unterhaltung abkommandiert werden (Schichtwechsel alle halbe Stunde), damit er nicht ganz allein auf Liza Minnellis Fest herumsaß. Er, der das glühende Leben selbst gewesen war, „im Innern einer elektrischen Birne“ namens New York, klagte am Schluss: „Mir ist kalt.“ Es war Sommer, als er starb, am 25. August 1984, mit 59 Jahren.

Jetzt steht er wieder auf. Vor ein paar Wochen erschien Capotes Debüt, „Summer Crossing“, der durch Zufall wiederentdeckt worden war und im April auch auf Deutsch veröffentlicht wird: im Kein & Aber Verlag, der eine ganze neue Werkausgabe herausgeben wird. Der Film „Capote“, in den USA schon mit Preisen überschüttet, wird nächste Woche auf der Berlinale gezeigt und kommt anschließend in die deutschen Kinos. Für fünf Oscars ist der Film mit dem großartigen Philip Seymour Hoffman in der Hauptrolle nominiert, in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, Beste Nebendarstellerin und Bestes Drehbuch. Denn „Capote“ basiert auf der 1988 erschienenen großen Biografie von Gerald Clarke, die auf Deutsch leider vergriffen ist. „Ich will sie nicht lesen“, erklärte Capote einem Interviewer, „aber er weiß mit Sicherheit mehr über mich als sonst irgendwer. Mich inbegriffen.“ Zwölf Jahre lang hat Gerald Clarke an dieser Biografie gearbeitet, das erste Buch des Journalisten der Zeitschrift „Time“, über neun Jahre hat er Capotes Leben nicht nur beobachtet, sondern auch selbst daran teilgenommen. Oft muss er sich an die Qualen des Schriftstellers bei der Arbeit an dessen Reportageroman „Kaltblütig“ erinnert gefühlt haben. Nur dass seine doppelt so lange dauerten.

Genau diesem Ausschnitt aus Capotes Leben und Clarkes Biografie widmet sich auch der Film: als der Schriftsteller an seinem Buch arbeitete über den Mord einer Familie in Kansas durch Dick Hickock und Perry Smith. Und nicht nur dieser Film: In diesem Jahr soll auch noch „Infamous“ in die Kinos kommen, mit derselben Geschichte, nur anderer Besetzung, darunter Sandra Bullock, Daniel Craig, Gwyneth Paltrow und Sigourney Weaver. „Kaltblütig“ ist großes Kino: die erste non-fiction novel überhaupt, Capotes größter Erfolg – und sein Verhängnis.

„Das Glück hinterlässt so spärliche Spuren“, hat dieser einmal geschrieben. „Es sind die dunklen Tage, die so gewaltig dokumentiert sind.“ Und wirklich: Vor lauter Erinnerung an den ständig besoffenen, aufgequollenen Giftzwerg, dessen Mund so aussah, als sei er nie mit Zähnen gefüllt gewesen, und der schrieb, als hätten seine Hände nie eine Zauberfeder in der Hand gehalten, hatte man am Ende ganz vergessen, dass es ja auch einmal einen anderen Capote gegeben hatte. Jene Figur, der Clarke mit seiner Biografie eine zärtliche Liebeserklärung geschrieben hat: halb „himmlisches Bündel von Wolke und Himmel“, halb „boshafter Erdgeist“, warm und großherzig und boshaft-brillant, Jack Kerouac fast im Vorbeigehen für immer blamierend: „Er schreibt nicht. Er schreibt Schreibmaschine.“

Einen Sommer lang bezauberte dieser Ariel-Puck eine ganze Künstlerkolonie. „Immer schien er direkt aus einer Wolke zu treten“, meinte eine Kollegin. „Er lief, als sei jeder Schritt erfunden, einstudiert als Tanz zu einer Musik, die nur er allein hörte.“ Winzige Pirouetten drehte er um die mehr wackelnde als tanzende Carson McCullers, ein literarisches Traumpaar. Ständig mussten die beiden Schriftsteller jemanden umarmen und küssen, „der kuschlige kleine Koala-Bär“ Capote und die klapprige McCullers. Capote war nicht eben verwöhnt mit Zärtlichkeit, außer von seiner geliebten Cousine Sook, bei der er zeitweise aufwuchs und die ihn mit Liebe überschüttete wie mit Badewasser, so Clarke.

Manchmal rauschte die Mutter vorbei und hinterließ eine Wolke ihres billigen Dufts, „Abend von Paris“. Truman, wieder allein, trank die Parfümflasche aus. Zweimal trieb Lilly Mae, die sich später selbst das Leben nahm, ab: „Ich will nicht noch ein Kind wie Truman.“ Mit Hormonspritzen wollte sie ihn gegen seine Homosexualität impfen lassen. Und der Vater: als Daddy, Gatte und Geschäftsmann eine charmante Katastrophe. „Gestorben“, schrieb Capote, Jahre, bevor das stimmte. Nicht einmal dessen Namen wollte Truman Streckfus Pearsons tragen. So nahm er den des Stiefvaters an, Garcia Capote.

„Caposy“, wie Humphrey Bogart ihn nannte, war auch nicht eben das, was man sich unter einem All-American-Boy vorstellte. „Wie eine Ziege im Frühjahr“ hüpfte er über die Straße, sah aus wie ein Pekinese (fand ein Freund) und bewegte sich wie eine Elfe. Mühelos konnte sich der hässliche Frosch in einen Prinzen verwandeln: Prinz Charming. Alle konnte der Mann mit der scharfen Zunge becircen, die Polizistin, die ihn beim Einbruch in Tennessee Williams’ Wohnung erwischt hatte; Marlon Brando, der ihm für ein Porträt seine Seele zu Füßen legte; die meist gefürchtete Redakteurin des „New Yorkers“, die ihn, den jungen Laufburschen, kräftig unterstützte; die britische Königinmutter, die den exotischen Kanarienvogel „wundervoll, so intelligent, so weise, so witzig“ fand. Nur bei einem Mitglied des sowjetischen Kulturministeriums biss er auf Granit. „We have them like that in the Soviet Union“, gestand dieser nach einem von Capotes kapriziösen Auftritten. „But we hide them.“

Verstecken ließ sich Capote nicht. Den größten Schock löste seine quietschende Babystimme aus, ein „seidenpapierdünnes wimmerndes Lispeln“ (John Knowles). Ach, wenn man sich einmal daran gewöhnt hatte, war es fast gar nicht mehr entsetzlich, beruhigte eine Dame aus Garden City, Kansas, ihre Freundinnen. Ja, auch sie hat er schließlich becirct, selbst wenn es ihnen, so Clarke, anfangs erschien, als käme er vom Mond – und er das Gefühl hatte, dort gelandet zu sein. Gekommen war er, um den kaltblütigen Mord an einer Familie zu recherchieren. Nicht aus Mitgefühl, nicht einmal aus Interesse, wie er später erklärte, sondern weil er ein literarisches Experiment wagen wollte: „ein Buch, das sich genau wie ein Roman lesen würde, nur dass jedes Wort absolut wahr sein würde.“ Ein Buch, das ein neues Genre begründen sollte.

Am 16. November 1959 hatte Capote durch eine kleine Zeitungsmeldung von dem Mord erfahren. Sechs Jahre später berichtete die „New York Times“, noch nie habe sich eine solche Sintflut von Worten und Bildern über ein Buch ergossen wie über „Kaltblütig“. „Die moderne Medienmaschine verwandelte sich in ein gigantisches Orchester, das nur eine Melodie spielte: Truman Capote.“ Die Leute rissen sich um den „New Yorker“, in dem „Kaltblütig“ zunächst erschien, und verschlangen ihn. „Gluck-gluck“, wie es ein Pastor beschrieb.

Capote beendete das Jahr, in dem das Buch tatsächlich erschien, mit einem Tusch: mit seinem Maskenball am 28. November 1966 im Plaza Hotel. Kleidung: schwarzweiß, befahl die Einladungskarte. Schmuck: diamonds only. Diese Bedingung strich er nur einer flehentlich bittenden Freundin zuliebe, die keine hatte. Monatelang schrieb Teufelchen Capote Namen in sein kleines Schulheft und strich sie wieder von der Gästeliste. Erheblich mehr als die 500, die kommen sollten, wollten kommen. Auch die Literatin Katherine Anne Porter, die Capote einmal „den Pickel auf dem Gesicht der amerikanischen Literatur“ genannt hatte, war sich zum Betteln nicht zu fein.

Am Tag nach dem Fest konnte Klatschtante Suzy Knickerbocker nur noch in der Zeitung stammeln: „He did it. He did it. We always knew he’d do it – and indeed he did it.“ Während die Historiker noch darüber stritten, ob es sich um die Party des Jahres, des Jahrzehnts oder des Jahrhunderts gehandelt hatte, wurden die Reste zusammengekehrt und ins Museum of the City of New York getragen.

Was dem Rausch folgte, war mehr als ein Kater. „Es hat mich fast umgebracht“, sagte Capote über sein Buch „Kaltblütig“. „Ich glaube, irgendwie hat es mich umgebracht.“ Wenn er gewusst hätte, was auf ihn zukommen würde, wäre er so schnell an Garden City vorbeigefahren „wie eine Fledermaus aus der Hölle“. Die jahrelangen Recherchen, das lähmende Warten auf eine endgültige Entscheidung über das Schicksal der beiden Mörder und schließlich die Hinrichtung selbst: Er konnte es nicht vergessen. Er hatte, das zeigt der Film „Capote“ auf fesselnde Weise, für das Buch und dessen Erfolg seine Seele verkauft. Das rote Grausen packte ihn und ließ ihn nicht mehr los. 1966 hatte der Schriftsteller den Höhepunkt erreicht. Danach ging es bergab.

In diesem Jahr unterschrieb Capote auch den Vertrag für sein erhofftes Opus magnum „Erhörte Gebete“, von dem er sich schon ein Jahrzehnt zuvor verfolgt gefühlt hatte wie „von einem verrückten Wind“. Er habe den Roman konstruiert wie eine Pistole, und so sollte er auch losgehen: „Wham!“ Getroffen wurde Capote. Als „La Cote Basque“ (eins der Kapitel, die später zum „unvollendeten Roman“ zusammengefasst wurden), im „Esquire“ erschien, war der Teufel los – noch ein halbes Jahr später erhielt die Zeitschrift täglich 40 Bestellungen dieser Nummer. „Seit Franklin Roosevelt an die Macht gekommen war“, schreibt Clarke, „hatten die Reichen sich nicht mehr so missbraucht gefühlt von jemandem, den sie als einen der ihren betrachtet hatten“, der auf ihren Yachten im Mittelmeer, in ihren Schlafzimmern in New York und ihren Häusern in Jamaika gewesen war.

„Haben diese Leute geglaubt, ich sei nur da, um sie zu amüsieren?“ Nur nachts weinte er darüber, dass ihm seine schönen Schwäne, seine besten und reichsten Freundinnen weggeschwommen waren. Er hatte sie für so dumm gehalten, dass sie sich nicht wiedererkennen würden; dabei traten die meisten sowieso unter eigenem Namen auf.

Der Erzähler, P.B. Jones, „ein Verlierer, ein saudummes, versoffenes Arschloch“, Strichjunge und Alter Ego seines Schöpfers, ist ein obszönes Schlabbermaul. „Jesus“, sagt er einmal über Kate McCloud, der ein Kapitel gewidmet ist, „wenn aus Kate so viele Schwänze stecken würden, wie in sie hineingesteckt wurden, dann sähe sie aus wie ein Stachelschwein.“ Alle Literatur, so glaubte Capote, von nun an Tiny Terror genannt, sei letztlich Klatsch. Aber nicht aller Klatsch, erklärten ihm die Kritiker, ist Literatur.

Der kalte Zynismus dieses Romans ist weit entfernt vom zärtlichen Zauber seiner frühen Bücher, von der „traurigen, heiteren Sehnsucht“, die Capote an Fitzgerald so liebte und die er selbst in seiner „Grasharfe“ zum Beispiel, aber auch in dem neu entdeckten Roman „Summer Crossing“ erklingen ließ. Neidisch stellte William Styron fest, dass Capotes Wörter „singen und tanzen können“. Capote selber war überzeugt, dass er nur einen Haufen Wörter in die Luft werfen müsse, damit sie richtig in seinen Zeilen landeten: „Ich bin ein Paganini des Wortes.“

So, beschreibt es Gerald Clarke, ist Truman Capote auch gestorben: redend, redend, redend. So, wie er sich den Schluss seines Romans „Erhörte Gebete“ vorgestellt, aber nicht geschrieben hatte, „wie sanft vom Baum fallende Blätter“.

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