Zeitung Heute : Lieder von der Liebe und dem ganzen Mist

Der Tagesspiegel

Von Esther Kogelboom

Irgendwo in Marzahn gibt es einen Jugendclub, der heißt „Renner". Im „Renner“ gibt es Bier für wenig Geld, eine Sofa-Ecke, Rotlicht und neben der Bar hängen Porträts von Mick Jagger, Bob Marley und Janis Joplin. Und es gibt noch einen Extra-Raum, da gibt es ein Tischchen mit einem Mini-Büfett, einem Stapel Promo-CDs und ein paar Flaschen Wasser – backstage also, obwohl die Bühne woanders ist. In diesem Raum, der ganz und gar nicht klein ist, sitzen Sven, Jan und Gotti. Sven, Jan und Gotti sind suuper süüß, das finden jedenfalls „Bravo“-Leser und „Fritz“-Hörer. Deshalb haben diese Leute Sven, Jan und Gotti für den Nachwuchs- „Echo“ nominiert, der am Donnerstag im ICC von der Deutschen Phonoakademie verliehen wird. Sven, Jan und Gotti sind wirklich super süß. Sven ist klein, hat blonde Wuschelhaare und einen Trotzblick. Jan ist groß, hat kurze dunkle Haare und eine schwarze Brille. Gotti sieht aus wie Kurt Cobain. Zusammen heißen sie „Sofaplanet". Die „Sofaplaneten“, so nennt sie die nette Pressefrau, hatten letztes Jahr den Smashhit „liebficken". In dem Lied geht es darum, dass jemand einfach nur ficken will, aber niemand ist da, mit dem er es könnte - weder von vorn, noch von hinten, von oben oder unten oder so ähnlich. Süß.

Das Lied hat Sven geschrieben, in einer einsamen Sommernacht, als er gerne mit seiner Freundin in den Garten gegangen wäre. Seine Freundin war aber nicht da.

Die Geschichte hat er schon 300 Mal erzählt. Schätzt er. Letztes Jahr gab es also das Album „Sternzahl unendlich“, ein Video zu „liebficken“ und eine Tour.

Dann passierte nix, und das Super-8-Video, das die drei Jungs danach gedreht haben, wollte MTV nicht. Viva auch nicht. Und Viva Zwei gibt es ja auch nicht mehr. Leider.

Inzwischen ist der Club brechend voll mit jungen Menschen mit unverbrauchtem Lachen. Sven, Jan und Gotti kennen viele von ihnen, denn sie kommen aus Wandlitz, Stolzenhagen und Pankow. Jan zeigt die Setlist.

Als Zugabe ist ein Lied namens „Afghanistan“ geplant. „Ich befreie Afghanistan, aber wer befreit Afghanistan von mir“ wird Gotti singen und die jungen Menschen werden sich krumm lachen. Das Trio rechnet sich keine großen Chancen aus, den Nachwuchs-Echo zu gewinnen. „Oder weißt du was“, fragt Jan und guckt verunsichert durch sein Brille. „Stehen draußen schon MTV und Viva?“ Draußen regnet es aber bloß Matsch auf sanierte Platten. „Außerdem haben wir noch keine Eintrittskarten“, sagt Sven. „Soll ja ausverkauft sein.“ Sollten „Sofaplanet“ nicht gewinnen, dürfen sie sich das glanzvolle Ereignis von der Pankower WG-Couch aus im Fernsehen ansehen und auf seltsame Anrufe von Fans warten. Davon gab es viele nach „liebficken“ - Mädchen, die sagten: „Ich will dich lieb ficken“ und nichts weiter passierte. Gotti grinst und lehnt sich zurück. Tja.

Früher hatten Sven, Jan und Gotti mal eine Band, die hieß „Shaped Waters“ und war irgendwie beeinflusst von Pink Floyd. „Aber mir wurde es zu blöd, die Texte immer so Fury-in-the-Slaughterhouse-mäßig im Langenscheidt nachzuschlagen“, erklärt Sven. „Da haben wir beschlossen, auf Deutsch zu singen.“ Das klingt vernünftig. Tatsächlich ist es so, dass die „Sofaplanet"-Lieder viel erzählen über Liebe und den ganzen Mist. Dabei sind sie nicht so albern wie in „liebficken“, sondern schlicht und ernst.

Live geben „Sofaplanet“, die fast jeden Tag im Proberaum stehen, sowieso alles.

Deshalb macht es großen Spaß, Sven, Jan und Gotti beim Spielen zuzusehen. Hat vielleicht irgendwer noch drei Echo-Karten?

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