Zeitung Heute : Lilli sieht rot

Die First Lady des italienischen Fernsehens geht in die Politik

Birgit Schönau

Eine Europäerin. Aus Südtirol, mit zwei Muttersprachen: deutsch und italienisch. Verheiratet, nach jahrzehntelanger Ehe-Resistenz, mit einem Franzosen. Sie kennt die Welt, hat vom Fall der Mauer in Berlin berichtet, als Erste den früheren DDR-Spionagechef Markus Wolf interviewt, sie war bei Revolutionen und bei Kriegen dabei, zuletzt in Bagdad. Dietlinde Gruber, genannt Lilli, 47 Jahre alt, ist die Primadonna Assoluta des italienischen Fernsehens, ein Superstar der politischen Nachricht, die Inkarnation des „Telegiornale Uno“, wie das Pendant zur Tagesschau heißt. Nein, sie war.

In diesen Tagen hat sie ihrem Chef die Kündigung geschickt, nach zehn Jahren als Anchorwoman, nach fast 25 Jahren bei der Radiotelevisione Italiana. Lilli la rossa, wie sie ihrer offensiven Haarfarbe, aber auch der nie versteckten politischen Überzeugung wegen genannt wird, Lilli la rossa geht in die Politik. Nach Straßburg, das steht jetzt schon fest. Denn sie hat in den Regionen Mittelitaliens den Listenplatz Nummer eins des MitteLinks-Bündnisses Ulivo für die Europawahl im Juni. Es ist gewissermaßen ein Direktduell mit Silvio Berlusconi, der für seine Bewegung Forza Italia in allen Regionen als Spitzenkandidat antritt. „Was für ein Duell?“ fragt Lilli Gruber, „Berlusconi kann doch gar nicht ins Europaparlament einziehen – er ist Ministerpräsident, und dieses Amt ist mit dem eines Europaabgeordneten nicht vereinbar.“ Listig fügt sie hinzu: „Das wahre Duell ist nicht zwischen uns beiden, sondern es ist ein Kampf um die Verteidigung öffentlicher oder eben privater Interessen.“

Was ihre eigenen Interessen angeht, bewegt sich Lilli Gruber sicher auf dem politischen Parkett. Bei der Präsentation ihres Buches über den Krieg im Irak, eines Bestsellers übrigens, war der Rechtsnationalen-Chef Gianfranco Fini dabei. „Beziehungen zu Politikern sind Teil meiner Arbeit“, sagt sie dazu, mehr nicht. Und sie ist in keiner Partei.

Die Kandidatin ist ganz offensichtlich eloquenter, vermutlich noch populärer und auf jeden Fall schöner als der Medienzar aus Mailand. Hatten nicht vor Jahren die Italiener in einer der üblichen Sommerumfragen die zierliche Frau zu ihrem Idol an Weiblichkeit gekürt? Als sie vor Jahren von einer Fernsehzeitschrift nach ihrem „Kennzeichen“, der Nachrichtenmoderation in sitzender Dreivierteldrehung, gefragt wurde, sagte Gruber ironisch: „Das ist mein historisches Verdienst.“

Inzwischen ahmen die jüngeren Journalistinnen bei der RAI ihre selbstbewusst-aggressive Haltung nach. „Gruberizzate“, hat sie ein Fernsehkritiker genannt, Gruberisiert. „Die Abhängigheit vom Fernsehen ist eine Form politischer Senilität nicht nur der Rechten, sondern inzwischen auch der Linken geworden“, hat Giampaolo Pansa, Nestor des linken Journalismus, in einem kritischen Kommentar über Grubers Kandidatur geschrieben, die seiner Ansicht nach „die Macht des Fernsehens in Italien bestätigt“. Schlagfertig hat Lilli Gruber geantwortet, sie sei weniger über die Einmischung des Fernsehens in die Politik besorgt, als über die Interferenzen der Politik im Fernsehen.

Als Berlusconi 1994 zum ersten Mal Ministerpräsident wurde, gehörte Lilli Gruber zu den Demonstranten, die vor dem Parlament gegen die Okkupation des Staatsfernsehens RAI durch die neue Rechte protestierten. Genutzt hat es nichts. Bei seiner Wiederkehr 2001 machte Berlusconi mit der RAI kurzen Prozess und besetzte Schlüsselpositionen mit seinen Vertrauten, die die liberale „Garantiepräsidentin“ Lucia Annunziata wiederholt zum Rücktritt drängten. Er bewirkte die Kündigung unliebsamer Journalisten und stellte sich in mehr als drei Jahren Amtszeit nicht ein Mal einer Fernsehdebatte.

Berlusconis Sekundant bei der RAI ist der Journalist Bruno Vespa, der seine tägliche Talkshow zum Propaganda-Stammtisch des Regierungschefs gemacht hat. Gruber hingegen wurde kürzlich von ihrem Chefredakteur ermahnt, weil sie das von der Regierung eingebrachte neue Mediengesetz eigenmächtig als „umstritten“ anmoderiert hatte. Das Gesetz war zuvor von Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi unter dem Verdacht der Verfassungswidrigkeit abgelehnt und nicht unterschrieben worden. Lilli Gruber hat die Nase voll. „In den letzten Monaten waren die Zensurversuche unerträglich geworden“, sagt sie. Eine stellvertretende Chefredakteurin hat ebenfalls gekündigt. Lilli Gruber aber will die Interessen ihrer Kollegen künftig in Straßburg vertreten. Sie weiß, wie man das macht.

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