Zeitung Heute : Linienflug ins Wahllokal

Wie Berliner Türken von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen

Deike Diening

Wenn der türkische Botschafter Osman Korutürk seiner Regierung die Meinung geigen will, dann kann er von Berlin aus eine Nummer in Ankara wählen. Er spräche dann durch die Leitung, sagte etwas durch die Blume, aber Konsequenzen ziehen und wählen, das kann er nicht. Zumindest so lange, wie er nicht türkischen Boden unter den Füßen hat. Denn das türkische Wahlrecht erlaubt zu den morgigen Parlamentswahlen weder die Briefwahl noch die Stimmabgabe in den Konsulaten. 1,3 Millionen in Deutschland lebende Türken haben so keine Stimme, es sei denn, sie reisen hin.

Gestern gegen 11 Uhr 35 verließ der Linienflug TK 1724 bei klarer Sicht Tegel, Destination Istanbul. An Bord einige deutsche Urlauber und einige türkische Staatsbürger, entschlossen, ihre Pflicht zu tun. Ein Unterfangen, das ein türkisches Reisebüro mit günstigen Tickets zu fördern gedachte: 223 Euro, Freitag hin, Montag zurück, so hatten sie sich das gedacht. Aber wer steht wirklich in der Abfertigungsschlange, anderthalb Stunden vor Abflug? Familien mit Kindern, deren Wahl noch die zwischen Spinat und Erbsen ist, Söhne, die ihre Mütter am Gate abgeben, zwei Kosmetikerinnen in Einkaufslaune. Ein Haufen deutscher Urlauber hat von Tuten und Blasen keine Ahnung. Wahlen? Ein Türke mit Sporttasche und „latenter Angst vor Interviews“, spricht davon, dass es natürlich eine Unsitte ist, mit diesen Wahlhürden. Nicht genug damit, dass man seine Stimme persönlich auf türkischem Boden abwerfen müsse, auch wer in der Heimat gemeldet ist, muss sich zwei Monate vor der Wahl dazu anmelden – „wissen Sie, in Deutschland gibt es Respekt vor den Wählern, den gibt es in der Türkei nicht.“ Aber dann spricht er von den Eintöpfen in der Heimat, und dass die meistens für viele reichen, und sein Land, denkt man, das liebt er doch.

Das Ticket scheint nicht gerade der Renner zu sein: Die meisten hier haben knapp 400 Euro gezahlt, sie wissen nichts von dem günstigen Preis. Sie stehen hier in der Schlange und schimpfen es eine Schande, dass die Airlines mit den Wählern ihr Geschäft machen. „Viele Geschäftsleute nutzten die Gelegenheit, auf einem der Flüge das Wählen zu erledigen. Die haben gerochen, dass es zurzeit ein viel höheres Flugaufkommen gibt. Alle Flüge sind deshalb teurer geworden.“ Diese Ansicht vertritt jedenfalls einer, der in erster Linie als Bräutigam, nicht als Wähler in der Schlange steht. Der aus Istanbul seine Braut abholt, hat 20,8 Kilogramm Gepäck und sagt, seine ganz persönliche Wahl sei ungleich schwerer gewesen. „Heiraten hält auch viel länger als vier Jahre!“ Neuwahlen ausgeschlossen. Ob er das hofft oder bangt, der Geschäftsführer einer Kneipe am Hackeschen Markt, kann man so genau nicht sagen.

Aber es ist ja nicht so, als ginge es bei diesen Wahlen politisch um nichts. „So kann es nicht weitergehen“, sagt der Gastronomiefachhändler Yesi Yesilkaya. Er kam vor 26 Jahren mit seiner Frau nach Deutschland und blieb, als die Türkei stagnierte. Die ganze Familie macht nun einen Wahlausflug nach Istanbul. Der Geschäftsmann im Dreiteiler ist sich seiner Rolle bewusst: „Ich habe auch Freunde überredet, dass sie wählen fahren. Bestimmt 20.“ Er reckt sich. „Ich kann auch sagen, was ich wählen werde: die AKP.“ Als wäre ein Geheimnis geplatzt. Die islamische AKP soll nach den letzten Prognosen gewinnen, 30 Prozent sagt man der Partei voraus.

Der Mann mit der Angst vor Interviews und der Liebe zu Eintöpfen hatte von politischen Strategien gesprochen, gehört, dass extreme Parteien nach Deutschland kommen und Wähler werben. Es gebe da Verbindungen. Namen konnte er keine nennen. Yesilkaya ist in keiner Partei. Seine Frau Nebohat lehnt über dem Gepäckwagen und schaltet sich ein: „Das ist erst das zweite Mal, dass wir in den letzten 30 Jahren wählen.“ Sie guckt bedeutungsvoll, quer über die zwei Hartschalenkoffer und die schwarze Tasche. Sie kann das nicht gutheißen, so viel ist klar. Ihre Tochter Mechtap wird demnächst in Neukölln zur Schule gehen und hatte noch in letzter Minute die Klarsichttasche mit den blonden Barbiepuppen eingepackt. Eine der ersten Wahlen.

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