Linke im Wedding : Der verlorene Posten

„Roter Wedding, grüßt euch, Genossen, haltet die Fäuste bereit! Haltet die roten Reihen geschlossen, denn unser Tag ist nicht mehr weit!“ Doch, dieser Tag ist im Wedding weiter denn je – die Linke verlässt den Berliner Stadtteil, der ihren Ahnen einst Kopf und Herz und Seele war.

Sven Goldmann

Montagabend im Wedding. Vorstandssitzung. Erschienen sind die Genossen Winfried Rietdorf, Werner Schulten, Eckhard Augustin und Ruth Fischbach-Ackermann. Graues Haar, gedeckte Töne. Tagesordnung? Eigentlich gibt’s keine, sagt der Genosse Rietdorf, er führt hier den Vorsitz. Also reden sie über den Abschied. Den Auszug. Die Weddinger Linkspartei muss ihr Büro räumen, der Berliner Landesverband mag nicht mehr für die Miete aufkommen, 407 Euro im Monat. Zum 1. April werden die späten Nachfahren der KPD den Wedding verlassen.

Den Wedding! Den roten Wedding!

Knapp 60 Prozent der deutschen Wähler sehen die Linkspartei mittlerweile als ganz normale politische Alternative an. Die Grünen werden nervös, die Sozialdemokraten sind es längst. 18 Jahre nach der deutschen Vereinigung ist die neue Linke nicht mehr nur ein Gespenst, das im Osten umgeht. Ob in Hamburg oder Bremen, in Hessen oder Niedersachsen – die Linke ist nicht nur im Kommen, sie ist längst da. Nur aus dem Wedding zieht sie sich zurück, ausgerechnet aus dem Wedding. Wegen 407 Euro Miete im Monat.

Weitgehend unbemerkt wird hier ein großes Stück Arbeitergeschichte abgewickelt. Mit rollendem R hat Ernst Busch einst den rrrroten Wedding besungen. Karl Liebknecht hatte hier seinen Wahlkreis. An der Prinzenallee ließ der rote Mäzen Hugo Heimann vor gut 100 Jahren acht Häuser bauen, der Volksmund nannte sie Rote Häuser, weil Heimann sie sozialdemokratischen Politikern schenkte. Damit waren die armen Sozis Hausbesitzer und durften nach dem Dreiklassenwahlrecht in den preussischen Landtag einziehen.

Später, zu Weimarer Zeiten, schlug in der Kösliner Straße am Bahnhof Wedding das Herz der KPD. Noch später fertigte der Arbeitermaler Otto Nagel seine Bilder vor seinem Wohnhaus an der Turiner Straße an, weil die Nazis ihm die Arbeit im Atelier verboten. Der Wedding war der deutschen Arbeiterbewegung Kopf und Herz und Seele zugleich.

Doch Arbeiter gibt es auch im Wedding nicht mehr viele. Die großen Eisengießereien haben schon vor Jahrzehnten dichtgemacht. Von AEG ist nur noch das alte Portal an der Brunnenstraße übrig geblieben, ein Industriedenkmal in Fußweite des neuen ICE-Bahnhofs Gesundbrunnen. Der rote Wedding ist bunt geworden, mit afrikanischen, türkischen Einwohnern. Die Armut ist geblieben, aber es herrscht nicht mehr das Proletariat, sondern das Prekariat. Das Prekariat hat keine übergreifende Identität und keine politische Partei, wie sie die KPD für das Proletariat von Weimar war.

Ist die Linke überflüssig im neuen Wedding?

Der Linkstreff in der Prinz-Eugen- Straße liegt verkehrsgünstig zwischen den U-Bahnhöfen Nauener Platz und Leopoldplatz. Die Arbeitslosigkeit im Kiez hat sich bei 30 Prozent eingependelt. „Man kennt uns hier“, sagt der Genosse Rietdorf. Die Weddinger Linken bieten eine Hartz-IV-Beratung an, Nachhilfeunterricht für die Kinder aus dem Palästinenser-Jugendklub, Migrantenhilfe, „das machen unsere Genossen mit Migrationshintergrund“. An die Vergangenheit erinnern hier nur noch Symbole. Der Karl- Marx-Druck an der einen Wand und an der anderen die Tafel mit den Porträts von elf Weddinger Genossen, die von den Nazis ermordet wurden.

Damals.

Nirgendwo mobilisierte die KPD so viele Wähler wie im verruchten Berliner Norden. Bei den Reichstagswahlen 1932 holten die Kommunisten im Wedding 47 Prozent. Hier lebten die Arbeiter unter grauenhaften Bedingungen. In der Ackerstraße, an der Grenze zum Bezirk Mitte, stand Meyers Hof, die berüchtigtste Mietskaserne des gesamten Reichs. Eine Parzelle mit sechs Höfen und Quergebäuden. Zeitweise lebten hier bis zu 2000 Menschen gleichzeitig. Die Säuglingssterblichkeit im Wedding der Weimarer Republik lag bei 42 Prozent. Die KPD war die einzige Partei, die eine grundlegende Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse versprach.

„Über früher wird nur noch selten gesprochen“, sagt der Genosse Rietdorf und legt eine Mappe auf den Tisch. Die Weddinger Ergebnisse bei den letzten Berliner Wahlen im September 2006. „6,8 Prozent, wir sind wieder im Kommen.“ Der Genosse Augustin trinkt eine Flasche Berliner Pilsner und erzählt, wie sehr ihnen die Verwaltungsreform geschadet habe. „Wäre der Wedding noch ein eigenständiger Bezirk, hätten wir hier als Partei einen guten Stand und vielleicht einen Stadtrat.“ Doch der Wedding ist 2001 im Großbezirk Mitte aufgegangen. Also gibt es in der Linkspartei auch keinen Weddinger Bezirksverband mehr, sondern nur noch eine Weddinger Basisgruppe, mit vergleichsweise bescheidenem Einfluss. Wie viele Mitglieder haben die Weddinger Linken? Der Genosse Rietdorf sagt, darüber würden sie nicht so gern reden, aber gut, „62 sind es“, Tendenz steigend.

Die Landespartei will das Geld aus dem Wedding in den Aufbau neuer Begegnungsstätten in Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf investieren. „Kann man drüber reden“, sagt der Genosse Rietdorf. Aber sie haben nicht geredet, sondern eher zufällig aus dritter Hand von ihrer Abwicklung erfahren.

Im Wedding haben sie dazu eine interessante Theorie. Es ist die Theorie vom linken Ost-West-Konflikt. Nicht nur innerhalb einer Partei, sondern auf der kleinstvorstellbaren Ebene eines Bezirksverbandes. Da war vor ein paar Monaten diese Geschichte mit der Schließung der Jugendbücherei am Nauener Platz. „Unsere Partei in Alt-Mitte hat das befürwortet, was interessiert die schon eine Bücherei im Wedding? Aber wir haben dagegen gekämpft!“, sagt der Genosse Augustin. Die Schließung des Weddinger Büros ist also eine Retourkutsche? „Sagen wir: eine administrative Maßnahme zur Disziplinierung der Basis.“ Die Weddinger haben einen offenen Protestbrief an den Landesvorstand geschrieben.

Es hat so eine Weddinger Opposition schon mal gegeben. Zu Weimarer Zeiten, und sie kämpfte nicht gegen die Schließung von Büchereien, sondern gegen die Bevormundung aus Moskau. Die Weddinger Opposition war der große innerparteiliche Feind des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann. Für Thälmann, den Hafenarbeiter aus Hamburg, war der Sieg gegen die Berliner Abweichler auch ein Prestigeerfolg, denn der Wedding galt den Kommunisten als wichtigstes Aufmarschgebiet des Reiches. In den Pharussälen an der Müllerstraße lieferten sich die Kommunisten Mitte der 20er Jahre Schlachten mit Goebbels’ Nazis. Später definierte Thälmann die Sozialdemokraten als neuen Feind. Die offizielle Parteidevise für die letzten Weimarer Jahre hieß: Schlagt die Sozialfaschisten, wo ihr sie trefft!

Im Wedding haben sie sich getroffen. Im kommenden Jahr jährt sich zum 80. Mal der Blutmai. Auch darüber wird zum Abschied von der Prinz-Eugen- Straße geredet. „Da müssen wir was machen“, sagt der Genosse Augustin, „vielleicht eine Ausstellung oder so.“ An jenem 1. Mai 1929 hatte die KPD demonstrativ gegen ein vom sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Zörgiebel erlassenes Versammlungsverbot verstoßen. In der Kösliner Straße wehten die roten Fahnen, und der Staat schlug mit bis dahin nicht gekannter Brutalität zu. Drei Tage dauerten die Kämpfe. Der Blutmai inspirierte den Schriftsteller Erich Weinert zu seinem Marsch vom Roten Wedding, den Ernst Busch nach einer Melodie von Hanns Eisler sang:

Roter Wedding, grüßt euch, Genossen,

haltet die Fäuste bereit!

Haltet die roten Reihen geschlossen,

denn unser Tag ist nicht mehr weit!

Drohend stehen die Faschisten, drüben am Horizont.

Proletarier, ihr müsst rüsten!

Rot Front! Rot Front!

79 Jahre später erinnert an den Blutmai ein Gedenkstein mit bemerkenswert kühler Inschrift: „Anfang Mai 1929 fanden hier bei Straßenkämpfen 19 Menschen den Tod, 250 wurden verletzt.“ Die Wohnungsbaugesellschaft weigerte sich, den Stein auf ihrem Gelände in der Kösliner Straße aufzustellen. Jetzt steht er ein paar Ecken weiter an der Wiesenstraße. „So richtig gelungen ist das nicht“, sagt der Genosse Rietdorf.

Vom Linkstreff in der Prinz-Eugen- Straße sind es zu Fuß fünf Minuten bis zur Kösliner Straße. Vergeblich sucht man nach dem Mythos dieser kommunistischen Hochburg. Von den alten Mietskasernen steht keine einzige mehr. Die Kösliner Straße ist heute eine ruhige Seitenstraße mit Mietergärten und Vogelgezwitscher. Es ist ohnehin nicht mehr viel da vom alten, vom roten Wedding. Die Pharussäle nahe dem Rathaus wurden im Krieg zerstört, die Mietskasernen am Gesundbrunnen ebenso abgerissen wie Hugo Heimanns Rote Häuser an der Prinzenallee.

Dafür steht noch das Haus Brüsseler Straße 26, wo der saarländische Dachdecker Erich Honecker Zuflucht suchte vor der Gestapo. Männern wie Honecker verdankt die Linke ihren Niedergang im Allgemeinen und im Wedding im Besonderen. Nach der Teilung der Stadt wurde der Wedding sozialdemokratische Hochburg und damit antikommunistisches Bollwerk. Willy Brandt hatte hier seinen Wahlkreis. Todfeind der SED, wie sich die KPD nach der Zwangsvereinigung mit der Ost-SPD nannte. Der Wedding, einst ein lebendiger Innenstadtbezirk, geriet durch den Mauerbau in Randlage. Auch das haben die Arbeiter hier den Genossen im Osten nie verziehen.

Die Weddinger Kommunisten führten ein bescheidenes Dasein in der von Ost-Berlin alimentierten Sozialistischen Einheitspartei Westberlin (SEW). Bis zur Wende, in der Prinz-Eugen-Straße spricht man vom „Zusammenbruch“ oder der „sogenannten Wende“. Früher, sagt der Genosse Rietdorf, haben ihm die Leute auf der Straße den Stand umgeworfen oder gerufen: Geh doch nach drüben!

Dabei fühlen sie sich drüben bis heute nicht willkommen. Drüben, das ist das Karl-Liebknecht-Haus in der Kleinen Alexanderstraße, die Parteizentrale, auch der Bezirksverband Mitte sitzt hier. „Es geht ein kultureller Riss durch Mitte“, sagt der Genosse Augustin. „Denen ist der Westen immer noch suspekt – und uns der Osten!“ Allgemeines Kopfnicken. Liegt das auch daran, dass in Mitte viele DDR- Staatsbeamte ihren Wohnsitz haben? Kann sein, sagt der Genosse Augustin. „In Alt-Mitte sitzt das Geld. Die haben die fetten Pensionen und wir die Sozialfälle.“

Die Vorstandssitzung geht ihrem Ende entgegen. Es ist die letzte im alten Linkstreff. Wo wird die Hartz-IV-Beratung künftig stattfinden, wo der Nachhilfeunterricht für die Kinder des Palästina-Klubs? „Wir werden Zettel an die Bäume kleben“, sagt der Genosse Rietdorf. Der Pizzabäcker nebenan hat versprochen, die Laufkundschaft auf das neue Domizil hinzuweisen, „ein paar hundert Meter geradeaus, in der Malplaquetstraße“. Es wird weiter eine Weddinger Basisorganisation geben, aber ihre Adresse wird man bei der Linkspartei vergeblich suchen. Die Weddinger Genossen haben einen Verein gegründet und werden die Miete privat finanzieren. Mit der Linkspartei hat das nichts mehr zu tun. Der rote Wedding ist Geschichte.

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