Zeitung Heute : Linke Momente

„L’Unità“, die einst verschlafene KPI-Zeitung, ist neu erwacht – erweckt hat sie ausgerechnet ein alter Fiat-Manager

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Von Vincenzo delle Donne, Rom

Die Wände sind kahl. Nichts deutet darauf hin, dass wir uns hier, in diesem Redaktionsbüro, mitten im Zentrum des italienischen Klassenkampfs befinden. Kein Bild ist zu sehen, kein Foto. Nicht einmal von Antonio Gramsci. Dabei müsste der doch einen Ehrenplatz hier einnehmen. Schließlich hat er, diese italienische Legende, die Zeitung gegründet, „L’Unità“, das Parteiorgan der KPI.

Das ist lange her. 1924 war das, und 76 Jahre lang kämpfte sich diese Zeitung durch die Höhen und Tiefen der italienischen Geschichte, stritt mit dem Zeitgeist, mal lauter, mal leiser, und am Ende war sie kaum mehr zu vernehmen. Am 28. Juli 2000 entschlief die „Unità“, ein riesiger Schuldenberg hatte ihr den Atem genommen.

Gleich neben der Spanischen Treppe, im Herzen der römischen Altstadt, sitzt Furio Colombo in seinem schmucklosen Zimmer. Vor ihm steht eine alte Schreibmaschine, auf dem kleinen Schrank gegenüber stapeln sich Bücher. Vor einem Jahr hat hier die „Unità“ ihre Wiederauferstehung gefeiert, und seitdem ist aus der alten Parteizeitung eine Erfolgszeitung geworden. Und das Erfolgsgeheimnis heißt Furio Colombo. Er ist der Chefredakteur der Zeitung. Und das ist die eigentliche Überraschung. Denn dieser Furio Colombo war bis vor gar nicht langer Zeit Angestellter – des Klassenfeindes.

Deshalb erfüllt er auch rein äußerlich keineswegs die Klischeevorstellung von dem Leiter eines kämpferischen Oppositionsblattes. 71 Jahre ist er alt, und er besitzt alle Merkmale des „gran signore“, des vornehmen, grau melierten, intellektuellen Bildungsbürgers mit besten Manieren, der stets Haltung bewahrt, komme, was da wolle. Und doch wirft sich Furio Colombo mit Verve in die Stürme der italienischen Politik, fährt einen harten, kompromisslosen Kurs gegen die Regierung Berlusconi. „Ich schäme mich dafür“, sagt Colombo, „dass Berlusconi mich als Italiener vertritt. Er ist ein Mann außerhalb des Gesetzes.“ Aber trotz dieser Entschiedenheit schreit die „Unità“ ihren Protest nicht wütend heraus, sondern sucht meist sachlich zu argumentieren.

Die Leser honorieren das. Entgegen dem nationalen Trend legt die Zeitung sowohl beim Anzeigenverkauf als auch bei der Auflage zu. „In der Woche verkaufen wir rund 70000 Exemplare, am Sonntag sind es an die 100000“, sagt Furio Colombo. Und er glaubt auch den Grund für diesen Erfolg zu kennen: „Wir sind die einzige Zeitung in Italien, die keiner Industriegruppe gehört, wir sind komplett frei.“ Das spürt man beim Lesen. Auch die klangvollen n der Mitarbeiter sind eine Garantie für Unabhängigkeit und kritische Haltung: Schriftsteller wie Antonio Tabucchi und der Historiker Nicola Trafaglia gehören zu ihnen, aber auch Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.

Dass Furio Colombo Chef einer linken Zeitung wurde, hat manche überrascht. Denn seine Karriere steckt voller Widersprüche – mit einer Konstante allerdings: Sie heißt Amerika. 1931 im Aostatal geboren, zog es Colombo schon in den 60er Jahren in die USA. Dort war er als Journalist tätig, lernte unter anderem den jungen Prediger Martin Luther King in Atlanta kennen und wurde sein Freund. Wieder in Italien, schrieb er für die wichtigsten Zeitungen des Landes, wurde Kulturchef bei der staatlichen Fernsehanstalt RAI und lehrte an der Film- und Theaterschule in Bologna. 1975 ging er erneut in die USA, wurde Korrespondent der Turiner Zeitung „La Stampa“, die zur Fiat-Gruppe gehört. Das hatte Folgen: Schon ein Jahr später machte ihn Fiat-Boss Gianni Agnelli zu seinem amerikanischen Statthalter, zum Präsidenten von Fiat-USA. Das blieb er an die 20 Jahre lang, ehe er 1996 parteiloser Abgeordneter für die Ulivo-Koalition von Romano Prodi wurde.

Dass er so lange für den Fiat-Konzern, den alten Klassenfeind, die Hassfigur der italienischen Kommunisten, gearbeitet hat und nun die Nachfolgerin der KP-Zeitung leitet – für Furio Colombo ist das überhaupt kein Widerspruch. „Das gehört zu meinem Leben. Und ein Leben besteht bekanntlich aus mehreren Momenten“, sagt er. Jetzt scheint die Zeit der linken Momente zu sein.

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