Zeitung Heute : Links liegen gelassen

Vom selbstbewussten Arbeiter zum Almosenempfänger: Wie die Gewerkschaftsbosse ihre eigenen Leute verraten./Von Stephan Lebert

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Immer, wenn ich derzeit Herrn Bsirske oder Herrn Sommer im Fernsehen sehe, wenn sie, die Gewerkschaftsführer, vom Verrat des Bundeskanzlers an den linken Idealen sprechen – immer dann muss ich an einen jungen Mann namens Helmut denken. Mit ihm lag ich ein paar Tage und Nächte in einer Münchner Klinik. Er wartete auf seine Krebsoperation. Wir redeten sehr viel. Was soll man sonst tun. Das war irgendwann Mitte der 90er Jahre. Ich weiß nicht, ob er heute noch lebt.

Helmut war Anfang 30, er stammte aus der ehemaligen DDR. „Ich bin von Beruf Arbeiter“, stellte er sich vor. „Was ich mache, funktioniert. Ich bin mir für nichts zu schade. Ich habe immer gerne gearbeitet.“ Solche Sätze sagte er. In der DDR war er jahrelang im Bergbau tätig gewesen, in der Nähe von Zwickau. Gleich nach der Schule fing er da an. Es war kein normaler Bergbaubetrieb, leider, es war die Firma Wismut, die ihre Leute unter die Erde schickte, damit sie stark radioaktives, hoch gefährliches Uran nach oben holten. Nur erzählte ihnen keiner etwas von diesen Gefahren. Sie bekamen nicht einmal eine spezielle Schutzkleidung. Nach der Wende wurde dieser gigantische Umweltskandal nach und nach bekannt. Helmut kannte all diese Geschichten, „heute wissen wir es alle: Unsere Chefs waren Verbrecher“, sagte Helmut, im Krankenbett liegend.

„Wir sind der Dreck“

Helmut hatte Probleme mit den Zähnen, außerdem „keine guten Knochen“ und war zeugungsunfähig. „Meine leeren Spermien haben mit dem Uran zu tun, glauben die Ärzte“, sagte er. Und der Krebs? Achselzucken. Könne man nicht ganz genau sagen.

Warum mich Bsirske und Sommer und Zwickel an diesen Helmut erinnern lassen? Nun, einmal hat er sehr lange von der DDR erzählt, von seinem Alltag, also von dem Land, das ihn kaputt gemacht hat. Sein Blick zurück fiel dem zu Folge auch nicht besonders nostalgisch aus, aber im Ganzen doch von einer gewissen Sympathie geprägt. Das mag auch daran gelegen haben, dass man im Angesicht einer tödlichen Krankheit möglicherweise ziemlich fürsorglich mit der eigenen Vergangenheit umgeht. Was soll man am Ende mit der Einsicht, dass alles ein großer Betrug war?

Helmut berichtete mir von der DDR aus einem bestimmten Grund: Ihm lag daran, mir klarzumachen, dass trotz aller Fehler das Leben dort für ihn besser war als das Leben in der bayerischen Kleinstadt, in der er inzwischen als Bauarbeiter lebte und arbeitete. In der DDR sei es zwar ein Schwindel und eine Farce gewesen, „das wussten wir auch damals schon“, wenn die Herren Honecker & Co. immer vom Arbeiter und Bauernstaat schwärmten, von der wichtigen Rolle der Arbeiter sprachen. Aber, sagte Helmut, und es waren nur ein paar Stunden vor seiner Operation, „bei euch sind wir gar nichts wert, nichts. Der einfache Arbeiter ist nichts als Dreck in diesem System. Es gibt keinen Stolz, den haben sie alle verloren. Verstehst du, wir sind die Letzten, wir sind der Dreck. Damit zu leben ist viel schwerer als mit irgendwelchen Lügen“.

Zwickel, Bsirske, Sommer – die großen Gewerkschaftsführer des Landes. Man könnte sagen: Sie sind, unter anderem, dafür zuständig, dass die Beschäftigten, die Werktätigen, die Arbeiter ernst genommen werden in diesem Land. Ihr Job ist es, dafür zu sorgen, dass diese große Zahl von Menschen respektiert wird, dass diese Frauen und Männer sich selbst respektieren. Respekt, Selbstachtung, Selbstbewusstsein – das müsste der Ausgangspunkt der Botschaft sein, die sie verkünden.

Wenn man sich in diesen Tagen aber die Wirklichkeit betrachtet, scheint eher das Gegenteil zuzutreffen: Die Gewerkschaftsführer der Stunde bemühen sich geradezu, das Selbstwertgefühl derer zu mindern, zu zerstören, die sie vertreten, von dessen Beitragsgeldern sie übrigens leben. Man könnte manchmal meinen, Zwickel und die anderen sind so etwas wie Doppelagenten, in Wahrheit engagiert von den Wirtschaftsbossen, die es zuweilen ja durchaus mögen, wenn das Ego ihrer Bediensteten ein bisschen schwächelt.

In den Gesprächen mit meinem todkranken Zimmergenossen habe ich damals wieder begriffen: Das Gelingen eines Lebens kann durchaus wesentlich damit zusammenhängen, wie sehr sich ein Mensch mit seiner Arbeit identifizieren kann, ja, wie sehr er auch stolz darauf sein kann, und zwar egal, ob er Künstler oder Manager, Sekretärin oder Journalist, Maurer oder Lokführer ist. Klingt schrecklich banal, diese Erkenntnis, aber sie gerät einem gelegentlich aus dem Blickfeld, in einer Zeit, die sich hauptsächlich um Menschen dreht, die auf irgendeine Weise im Rampenlicht stehen.

Das tut nun beispielsweise ein Dreher eher selten – und dennoch macht er sich eben Gedanken darüber, wie sein Material, das Eisen, am besten bearbeitet wird. Vielleicht sind es sogar mindestens genauso viele Gedanken wie sie sich beispielsweise der Bahnchef M. immer so macht, wenn er gerade wieder ein neues Konzept zurücknimmt.

Es ist ein Missstand: Vielen ist der Respekt verloren gegangen, vor anderer Leute Arbeit, vor anderer Leute Leben. Und man muss kein Klassenkämpfer sein, um festzuhalten, dass der Respekt besonders denen gegenüber abnimmt, die unterdurchschnittlich verdienen. Der deutsche Facharbeiter galt einmal als das Fundament des deutschen Wirtschaftswunders. Schon lange keine Hymne mehr auf ihn gelesen oder gehört. Man hat ihn vergessen. Es hat auch mit dieser schwindenden Ressource Respekt zu tun, wenn die so genannten kleinen Leute zunehmend das Gefühl bekommen: Ihr da oben, wir da unten.

Der Respekt, der Stoff, der eine Gesellschaft zusammenhält oder auseinander sprengt – über dieses Thema hat der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Sennett ein eindringliches, auch widersprüchliches Buch geschrieben. In „Respekt“ schreibt er: „Mangelnder Respekt mag zwar weniger aggressiv erscheinen als eine direkte Beleidigung, kann aber ebenso verletzend sein. Man wird nicht beleidigt, aber man wird auch nicht beachtet; man wird nicht als ein Mensch angesehen, dessen Anwesenheit etwas zählt. Wenn die Gesellschaft die Mehrzahl der Menschen so behandelt und nur wenigen besondere Beachtung schenkt, macht sie Respekt zu einem knappen Gut, als gäbe es nicht genug von diesem kostbaren Stoff. Wie viele Hungersnöte, so ist auch diese Knappheit von Menschen gemacht; aber im Unterschied zu Nahrungsmitteln kostet Respekt nichts. Insofern stellt sich die Frage, warum auf diesem Gebiet Knappheit herrschen sollte.“

Der zweite, weit dramatischere Missstand: die Arbeitslosigkeit. Mehr als viereinhalb Millionen Frauen und Männer sind in Deutschland ohne Job, und es werden immer mehr. Die Kosten, die aus der Arbeitslosigkeit entstehen, beginnen die finanzielle Substanz des Staates zu zerstören. Weitgehend unbestritten ist außerdem, dass die Geißel Arbeitslosigkeit die Menschen auch seelisch angreift, ihnen oft die Identität raubt. Arbeitslose Menschen sind auf der öffentlichen Respektskala ganz unten angelangt, tiefer geht’s nicht. Dies alles stimmt, obwohl es ebenfalls stimmt, dass es eine Menge Leute gibt, die sich eingerichtet haben in diesem trostlosen sozialen Netz und da nicht mehr herauswollen.

Betonen wir es: Arbeitslosigkeit ist eine Ausnahmesituation, ein Fluch, eine Krankheit. Wer betroffen ist, leidet, auch, wenn er es manchmal gar nicht mehr merkt. Wenn zu viele betroffen sind, leidet der Staat. Also darf man sich daran niemals gewöhnen, es muss dagegen gekämpft werden. So ähnlich formuliert es Superminister Clement in seinen täglich etwa 2000 Reden. Wir brauchen Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ein einfaches Lied. Eigentlich für Jedermann zum Mitsingen.

Doch die Gewerkschaftsführer mögen das Lied nicht. Sie haben sich für einen anderen Song entschieden: Hände weg vom Sozialabbau, vom Kündigungsschutz, vom Kürzen der Arbeitslosenhilfe. Klingt im ersten Moment auch recht eingängig. Aber dieser Text hat ein gedankliches Problem: Die Voraussetzung dafür ist der Missstand. Man will ihn gewissermaßen behalten, nehmt uns bloß unseren Missstand nicht weg. Man richtet sich ein. Die Arbeitslosigkeit wird organisiert. Und das soll gut so sein.

Man muss sich das vorstellen: In den Mittelpunkt dieser gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung rücken die Gewerkschaften ein Menschenbild, das geradezu absurd defensiv, gebrochen ist. Sie stellen nicht den selbstbewussten Arbeiter oder Angestellten oder Arbeitssuchenden nach vorne, sondern Frauen und Männer, denen der Staat helfen muss, die alleine nicht klar kommen, die sozial Angeschlagenen. Wenn man es böse ausdrücken möchte: Die Gewerkschaften haben einen neuen Helden entdeckt, den Almosenempfänger. Müssten angesichts einer solchen gesellschaftspolitischen Entmannung nicht die Linken im Land Sturm laufen?

Der Chef schwebt in anderen Sphären

Sicher, Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe sind wichtige und verdiente Errungenschaften, die Menschen vor dem Sturz in echte Armut bewahren. Aber das ändert doch nichts daran, dass zunächst vom Ursprungspunkt ausgegangen werden muss. Arbeitslosigkeit ist Unrecht, also, ja, lass uns die Ausstattung der Sicherungssysteme ruhig in Frage stellen, wenn dieses eingesparte Geld letztlich zu mehr Arbeit führt. Warum nimmt man Herrn Clement und noch viel mehr die Wirtschaftsführer nicht einfach beim Wort? Her mit den Arbeitsplätzen!

Warum haben die Gewerkschaften nicht schon längst folgende Diskussion begonnen: Okay, wir akzeptieren die Kürzung und vielleicht auch noch weitere dieser Art, wenn es Konzepte, Zusicherungen gibt, von der öffentlichen Hand, von der Wirtschaft, dass Arbeitsplätze entstehen. Wo sind Angebote der Gewerkschaften, landauf, landab, neue Arbeitsverträge zu entwickeln, nach dem Vorbild des 5000-mal-5000-Modells von VW? Wo sind die Vorschläge eines Michael Sommer, die wirklich die Arbeitgeber unter Druck setzen, nach dem Motto: Wir sind zu fast allem bereit, wenigstens vorübergehend, wenn Ihr für Arbeit sorgt. Begleitet beispielsweise von Großdemonstrationen vor den Toren eines Großkonzerns, der gerade mal wieder einen Teil seiner Belegschaft entlassen hat.

Und wäre es nicht mal überraschend, wenn ein Herr Zwickel von der IG-Metall erklären würde, im Osten Deutschlands wären die Kollegen Metaller auch bereit, 40 Stunden zu arbeiten, wenn es dem Arbeitsmarkt dient? Und wenn es nur dafür gut wäre, nur einmal, nur ein einziges Mal, ein anderes Bild des deutschen Arbeiters in der Öffentlichkeit zu produzieren, als von dem, der immer nur eins im Kopf hat: weniger zu arbeiten und dafür mehr Geld zu bekommen. Aber nein, natürlich, die Leute von Zwickel haben im wirtschaftlich desolaten Osten gerade einen Streik ausgerufen, allen Ernstes für die Einführung der 35-Stunden-Woche. Merken sie denn nicht, dass sie beinahe täglich damit ihre Position schwächen, an Stärke verlieren?

Werden wir persönlich: Ich stelle mir vor, dass die Gewerkschaftsführer ihre ganze Kraft und Konzentration dafür benötigen, immer wieder neu zu begründen, warum es ganz furchtbar wäre, wenn der Flächentarifvertrag gelockert würde, wenn auch nur für ein paar Minuten. Sommer, Bsirkse, Zwickel: Sie sind Funktionäre durch und durch, abgeschottet von der Realität drehen sie sich um irgendwelche Paragrafen, an deren Formulierung sie einst mitgedichtet haben. Es ist ihnen genug, wenn sie in erster Linie vor sich selbst Respekt haben, vor ihrem eigenen Arbeitsplatz. Sie haben sich auch längst damit abgefunden, dass ihnen die Mitglieder in Scharen davon laufen. Ach, man gewöhnt sich an alles. Bei einem Boss wie Klaus Zwickel kommt hinzu, dass er längst in ganz anderen Sphären schwebt und auch andere Sorgen hat. Er sitzt in Aufsichtsräten, winkt routiniert Millionenabfindungen für scheidende Manager durch – und muss sich deswegen bald vor Gericht verantworten.

Und die Linken? Wo hört man ihre Schreie, ihren Protest gegen diese Gewerkschaften? Da hört man nichts. Im Gegenteil, ein paar SPD-Politiker, die sich links nennen, suchen demonstrativ den Schulterschluss mit den Gewerkschaftsvertretern und attackieren nahezu gleich lautend die geplanten Reformen. Bei manchen mögen da auch noch andere Gründe eine Rolle spielen. Eine Andrea Nahles etwa, die frühere Juso-Vorsitzende, kam letztes Jahr nicht mehr in den Deutschen Bundestag. Da traf es sich doch gut, dass sie bei der IG-Metall in Berlin einen Job bekam. Und sonst? Tatsächlich haben sich Günter Grass und 300 andere Unterzeichner zu Wort gemeldet: In einem Brief an den Bundeskanzler mahnen sie, er solle doch unbedingt die Kritik seiner Partei-Linken ernst nehmen, damit die SPD nicht in die soziale Schieflage gerät. Ihr Brief gehört wohl nicht zu den großen Dokumenten der deutschen Linken.

Die Rattenfänger

Das Gewinsel der deutschen Gewerkschaften ist nicht nur ärgerlich. Es kann möglicherweise auch gefährlich sein. Ein Vakuum ist entstanden, ein Großteil der Arbeitenden in diesem Land fühlt sich nicht vertreten, nicht verstanden. Wer wird dieses Vakuum füllen? Wer wird diese neue Rolle spielen?

Malen wir kurz den Teufel an die Wand. Adolf Hitler hat in seinem Buch „Mein Kampf“ seitenlang von der Bedeutung des deutschen Arbeiters geschwärmt. Und er geißelte auf seine unerträgliche Krawallart die Verteilung von sozialen Almosen. Er schrieb: „Ich weiß nicht, was verheerender ist: Die Nichtbeachtung der sozialen Not, wie dies die Mehrzahl der vom Glück Begünstigten oder auch durch eigenes Verdienst Gehobenen tagtäglich sehen lässt, oder ebenso hochnäsige wie manchmal wieder zudringlich taktlose, aber immer gnädige Herablassung gewisser mit dem ,Volk empfindender’ Modeweiber in Röcken und Hosen.“ Und Hitler schrieb: „Daß eine soziale Tätigkeit damit gar nichts zu tun hat, vor allem auf Dank überhaupt keinen Anspruch erheben darf, da sie ja nicht Gnaden verteilen, sondern Rechte herstellen soll, leuchtet einer solchen Art von Köpfen nur ungern ein.“

So ist das manchmal mit den Menschen: Man guckt nicht immer so genau hin, ob sich hinter dem, der einen plötzlich ernst nimmt und Kraft gibt, ein Rattenfänger verbirgt.

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