Zeitung Heute : Links zum Ereignis - im Netz ist die totale Berichterstattung entbrannt

Helmut Merschmann

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wer jetzt nicht längst im Süddeutschen weilt, wird nicht mehr dorthin gelangen. Wer allerdings sich kaum verspäten wird, ist die heutige Sonnenfinsternis, ob sie sich nun klar und deutlich am Firmament oder hinter Wolkengebirgen abspielen mag - unabhängig vom Blickwinkel der Betrachtung. (Frage am Rande: Kann man überhaupt eine Finsternis sehen?) Astronomische Ereignisse werfen ihre digitalen Schatten voraus. Wer also reichlich spät dran ist, kann zumindest der völligen Verfinsterung ein wenig elektronischen Schein entgegenhalten und seinen Computer einschalten. Längst ist im Internet die totale Berichterstattung um die große (meta-)physische Düsternis entbrannt, die die Netzgemeinde in helle Aufregung versetzt.

Beim Suchdienst Altavista sind allein 20440 Einträge zum Begriff "Sonnenfinsternis" verzeichnet, wovon hier freilich nur ein Bruchteil vorgestellt wird. Ob nun in England ( www.hermit.org/Eclipse1999/ ), in Frankreich ( www.ifrance.com/eclipse1999 ) oder in Ungarn ( www.solipse.com ) - Erhellendes zur totalen Dunkelheit zieht sich wie ein breiter Streifen auch durchs Netz. Wissenschaftliches und Mystisches, Essayistisches und Idiotisches warten auf vorbeiziehende Surfer. Einmal mehr erweist sich das Datennetz als Sammelsurium ebenso wahrer wie obskurer Botschaften.

Eine gute deutsche Homepage für den Start einer kleinen Webtour findet sich unter www.sonnenfinsternis1999.de . Wer die "Sonnenscheinchancen an Orten der totalen Verfinsterung" noch einmal nachschlagen will, schaut nach unter www.wetterleuchten.de und freut sich gegebenenfalls, zu Hause geblieben zu sein. Jedenfalls stehen die klimatischen Chancen gut, im Internet ganz passabel bedient zu werden. Bei www.astronomie.de lässt sich Historisches und Wissenswertes zur Entstehung einer Sonnenfinsternis lesen, dort werden ab 11 Uhr auch Fotos der Finsternis über Neunkirchen im Saarland eingespeist. Allerdings im Dreißig-Sekundentakt - macht bei einer Gesamtdauer von zwei Minuten und zwanzig Sekunden bloß vier bis fünf Aufnahmen vom Augenblick der Augenblicke.

Auch andere Zeitgenossen des vergangenenJahrhunderts zeigten sich ergriffen beim Betrachten der sich scheinbar gegenseitig verschlingenden Gestirne: "Nie in meinem ganzen Leben war ich so erschüttert, von Schauer und Erhabenheit so erschüttert, wie in diesen zwei Minuten", schreibt Adalbert Stifter beim Anblick der Wiener Sonnenfinsternis vom 8. Juli 1842. Sein Report ist in ganzer Länge nachzulesen unter www.gutenberg.aol.de/stifter/sonnenfi/sonne001.htm . An der Universität Mainz findet sich eine Zusammenstellung der wichtigsten faktischen Erkenntnisse zur sogenannten "SoFi" ( www.student.physik.uni-mainz.de/Astro/sofi/#was ). Das Internet wäre nicht das Internet, gäbe es hier nicht auch eine Menge Verschwörerisches zum Thema. Traditionell verbinden sich große Ängste mit dem Himmelsspektakel, die von Teilen der Netzgemeinde nur noch geschürt werden. Eine ganze Newsgroup, der übliche Hort konspirativen Austausches, beschäftigt sich mit den Weissagungen des Nostradamus (alt.prophecies.nostradamus) und betreibt penible Exegesen der Originaltexte in französisch. Sie wird an Ernsthaftigkeit nur noch von alt.bible übertroffen, wo momentan die alttestamentarischen Vorhersagen auf ihre Tauglichkeit für die heutige Sonnenfinsternis überprüft werden.

Bei Deja.com, wo das Usenet komplett gespeichert wird und nach Stichworten durchforstet werden kann, wälzt man nicht minder schwerwiegende moralische Probleme und fragt sich besorgt, ob die Freundin zum Begräbnis ihrer Eltern begleitet oder die Sonnenfinsternis betrachtet werden soll.Noch mehr zur Sonnenfinsternis im Netz:

www.focus.de/sonnenfinsternis

www.tv1.de

www.booxtra.de

www.astronomie.de

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