Linkspartei : In der Mitte liegt die Kraft

Das DIW hat die Wählerstruktur der Linkspartei untersucht. Was ist an dem Vorurteil dran, die Linke sei ein Auffangbecken für sozial Schwache und Protestler?

Cordula Eubel

Die Linke – Partei der Geringverdiener und sozialen Absteiger? Von wegen. Auch wenn die Linke lautstark für Mindestlöhne kämpft und gegen Hartz IV wettert, so trifft dieses Vorurteil nicht zu. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat die Partei in den vergangenen Jahren im Westen wie im Osten an Rückhalt gewonnen – und zwar quer durch alle Einkommensschichten. In Ostdeutschland stammen die meisten Linken-Anhänger sogar aus der gehobenen Mittelschicht. Rund ein Drittel der Haushalte, die über ein monatliches Nettoeinkommen von rund 1500 bis 2000 Euro verfügen, gehören zu den Unterstützern der Partei. Und immerhin fast 20 Prozent der Anhänger kommen aus der obersten Einkommensschicht, mit mehr als 2000 Euro netto im Monat.

Auch wenn die Anhänger im Westen finanziell etwas schlechter gestellt sind, so sind es keineswegs nur Hartz-IV-Empfänger, die sich für die Linke erwärmen können. „Die Sympathisanten der Linkspartei befinden sich in allen Einkommensgruppen – und nicht vorwiegend unter denjenigen, deren finanzielle Situation prekär ist oder sich verschlechtert hat“, lautet das Ergebnis der Autoren Martin Kroh und Thomas Siedler. Für ihre Untersuchung nutzen sie Daten des sozioökonomischen Panels (SOEP) des DIW – einer jährlichen repräsentativen Befragung von 12 000 Haushalten in Deutschland.

Ein Jahr nach der Parteigründung zerfällt die Linke allerdings immer noch in zwei Parteien – zumindest, was ihre Anhänger angeht. Im Osten kann die Partei vor allem auf gut Gebildete bauen, die sich zudem häufig gesellschaftlich engagieren – sei es in der Lokalpolitik, in Vereinen oder in einer Gewerkschaft. Besonders ausgeprägt ist die Neigung zu den Linken bei denen, die sich große Sorgen um die Lage der Gesellschaft machen: um die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung ebenso wie um die Erhaltung des Friedens oder den Schutz der Umwelt. Doch sie sehen auch Themen kritisch, die klassischerweise bei der CDU verortet sind, wie die Kriminalität in Deutschland. Die Linken-Anhänger im Westen hingegen sorgen sich vor allem um ihre eigene Situation: um ihren Arbeitsplatz sowie die privaten Finanzen.

Bei Wahlen profitiere die Linke besonders dort, wo die ökonomischen Probleme – zumindest in der subjektiven Wahrnehmung der Wähler – besonders groß seien, analysiert Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Das habe sich zum Beispiel bei den Landtagswahlen in Niedersachsen in diesem Frühjahr gezeigt, bei denen die Linke aus dem Stand mit 7,1 Prozent in den Landtag einzog. „In Niedersachsen hatte die Linke die höchsten Werte bei den 45- bis 60-jährigen Männern. Da sind auch viele darunter, die ihre Karriere bereits hinter sich haben und sich eigentlich mit 55 Jahren aus dem Berufsleben zurückziehen wollten“, sagt Jung.

Der Wahlforscher erwartet, dass die Linke von der aktuellen Finanzmarktkrise „wegen der Verunsicherung der Menschen sicher ein Stück weit profitieren“ werde. Er rechne aber nicht damit, dass dadurch das Ansehen von Parteichef Oskar Lafontaine steige.

Doch hat die Linke auch Chancen, sich auf Dauer als bundesweite politische Kraft zu etablieren? Noch ist die Zahl der „stabilen Anhänger“ – das sind diejenigen, die langfristig einer bestimmten Partei zuneigen – im Westen gering. Die DIW-Forscher beziffern sie in den alten Bundesländern auf drei Prozent, im Osten auf 30 Prozent. „Im Osten etablierte Volkspartei, im Westen in erster Linie Protestpartei“, kommentiert Wahlforscher Jung.

Doch die Parteibindung ist laut der DIW-Untersuchung in den vergangenen Jahren durchaus gewachsen. Zulauf hat die Linke dabei vor allem bei den Arbeitern. Während die Vorgängerpartei PDS Mitte der 90er Jahre in den neuen Bundesländern nur von zehn Prozent der Arbeiter unterstützt wurde, sind es mittlerweile 30 Prozent. In Westdeutschland ist die Entwicklung ähnlich, wenn auch auf niedrigerem Niveau.

Neue Anhänger kommen allerdings bislang vor allem aus dem Lager derjenigen, die zuvor keiner Partei zugeneigt oder die zwischen verschiedenen Parteien geschwankt hätten. Aber auch wenn die Linke bislang den harten Kern der Stammwähler der SPD nicht für sich gewinnen kann, so profitierte die Partei doch bei den vergangenen Landtagswahlen auch von den Verlusten der Sozialdemokraten – und, in geringerem Umfang auch der Union. „Der Zuwachs der Linken geht zu einem deutlichen Teil zulasten der SPD. Nicht nur Hartz-IV-Empfänger wenden sich enttäuscht von der SPD ab“, analysiert Jung von der Forschungsgruppe Wahlen.

Und wie „links“ ist die Linke? Als politische Heimat für all diejenigen, die sich selbst als links bezeichnen, kann sich die neue Partei noch nicht etablieren. Nur 14 Prozent der Bundesbürger, die sich links nennen würden, seien auch den Anhängern der Linkspartei zuzuordnen, heißt es in der DIW-Studie. Zum Vergleich: 76 Prozent, also gut drei Viertel der Befragten, die sich für links halten, unterstützen SPD und Grüne.

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