Linkspartei : Lötzsch heizt linken Führungsstreit an

Die seit 2010 amtierende Vorsitzende zieht sich überraschend zurück - und befördert so neue Spekulationen über ein baldiges Comeback von Oskar Lafontaine.

Die Linken-Vorsitzende Gesine Lötzsch hat ihre Partei mit ihrem überraschenden Rücktritt in eine neue Führungskrise gestürzt. Die 50-Jährige begründete ihren sofortigen Rückzug mit einer „altersbedingten Erkrankung“ ihres Ehemannes Ronald. Der 80-Jährige war am 31. März in die Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses eingeliefert worden. Der geschäftsführende Vorstand bekräftigte den Zeitplan, erst nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 13. Mai über die personelle Neuaufstellung zu diskutieren, doch gab es erneut zahlreiche Querschüsse.

Lötzsch verlas am Mittwoch in der Parteizentrale ein dreiminütiges Kommuniqué, Fragen ließ sie nicht zu. Einzelheiten zur Erkrankung ihres Mannes nannte sie nicht, sie machte auch keine Vorschläge für ihre Nachfolge. Über die wird weiter munter spekuliert. Die einen sehnen sich nach der Rückkehr von Oskar Lafontaine als Parteichef. Andere Genossen wie der Berliner Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich wollen eine Doppelspitze mit Lafontaines Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht und Ex-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch an der Spitze. Liebich äußerte auch Kritik am Zeitplan: „Die Botschaft eines Neustarts vor den Landtagswahlen wäre gut.“ Schleswig-Holstein wählt eine Woche vor Nordrhein-Westfalen. Laut Umfragen droht die Linke in beiden Ländern an der Fünfprozenthürde zu scheitern.

Ob Lafontaine sich erneut als Parteichef bewirbt, ist noch fraglich. Viele Genossen rechnen damit, er selbst hält sich völlig bedeckt. Auch Wagenknecht lehnte am Mittwoch eine Stellungnahme zu ihren Ambitionen ab. Sie verwies auf die Vorstandserklärung, wonach es jetzt keine Personaldiskussionen geben soll. Sie teile das, „mehr möchte ich dazu nicht sagen“. Gewählt werden soll Anfang Juni auf einem Parteitag in Göttingen. Bis dahin führt der Bayer Klaus Ernst, der bisher in einer Doppelspitze amtierte, die Geschäfte. Seine erneute Kandidatur gilt – erst recht nach Lötzschs Rückzug – als sehr fraglich. Einziger offizieller Bewerber bislang ist damit Bartsch, der 2010 von Lafontaine aus der Spitze gedrängt worden war. Jetzt ist er auch im Gespräch als Bundesgeschäftsführer nach einer Wahl von Lafontaine zum Parteichef. Zur Frage, ob sich die beiden wirklich versöhnt haben, gibt es aus der Partei widersprüchliche Signale. Bartsch erklärte nach Lötzschs Rückzug nur knapp, die Partei brauche auf dem Parteitag in Göttingen einen „politischen Aufbruch“.

Lötzsch will sich nach eigenen Angaben jetzt auf ihre Arbeit als Berliner Bundestagsabgeordnete konzentrieren. Sie war zuletzt auch als künftige Vorstandschefin der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Gespräch, angeblich soll Lafontaine deshalb auch mit Amtsinhaber Heinz Vietze verhandelt haben. Zur Begründung ihres Rückzugs sagte Lötzsch: „Ich habe nicht vor, halbe Sachen zu machen.“ Eine Bilanz ihrer Arbeit wollte sie am Mittwoch nicht ziehen. Dies bleibe dem Göttinger Parteitag vorbehalten, erklärte sie. Ebenso wie Ernst stand Lötzsch seit Amtsbeginn unter heftiger Kritik.

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