Zeitung Heute : Linux: "Das ist noch lange nicht der Massenmarkt"

Klaus Gürtler

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht die Einrichtung eines neuen Hochleistungsrechners mit dem Betriebssystem Linux bekannt gegeben wird. Aber abseits der Erfolgsmeldungen aus Forschung oder Wirtschaft kommt das Betriebssystem mit dem Pinguin nicht so recht voran. Auf dem Personalcomputer daheim läuft unangefochten zu 90 Prozent eine der Windows-Versionen von Microsoft.

Dabei gibt es für Linux inzwischen längst auch elegante Benutzeroberflächen wie KDE, Gnome oder auch Windowmaker, die in vielen Bereichen mindestens genau so komfortabel sind wie Windows oder die Mac-Arbeitsflächen. Und die verschiedenen Firmen, die Linux vertreiben, die so genannten Distributoren, haben immer einfachere Installationsprogramme entwickelt. Die Hoffnung einiger Linux-Firmen aber, dass Linux jetzt schnell den Massenmarkt erobert, hat sich zerschlagen.

So haben sich Unternehmen, die wie Corel auf den Desktop-Markt setzten, inzwischen wieder anders orientiert. Oder sie mussten wie Eazel, eine Firma, die sich ganz der Entwicklung einer benutzerfreundlichen Bildschirmoberfläche für Linux verschrieben hatte, schließen, weil das Geld ausging. "Vielleicht wollten wir zu viel auf einmal", sagt Bart Decram, einer der Gründer von Eazel. "Ehrlich gesagt, dauert es wohl noch ein paar Jahre, bis Linux mit Windows gleichgezogen hat. Die Wahrheit ist doch: Für die meisten Menschen reicht Windows völlig."

Etablierte Linux-Firmen wie der deutsche Marktführer SuSE oder Red Hat aus den USA sind aber für die Zukunft optimistisch. Der Technische Vorstand von SuSE, Dirk Hohndel, verweist auf eine von seiner Firma in Auftrag gegebene Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid, wonach 23 Prozent der Computernutzer sich Linux als ihr neues Betriebssystem vorstellen können. Tatsächlich im Einsatz haben Linux laut IDC aber nur vier bis sechs Prozent.

Und die Dominanz von Windows auf den heimischen PCs wird wohl auch noch eine Zeit anhalten. Ein Grund sind für Hohndel die Applikationen. Das heißt, es fehlen Linux einige ganz wichtige Programme, die unter Windows zur Verfügung stehen. In erster Linie sei dies Microsoft Office, sagt Hohndel. "Die Dominanz ist schon erschreckend."

Auch Dirk Haaga, Geschäftsführer von Red Hat in Deutschland, sieht den Hauptgrund für die anhaltende Vormachtstellung von Microsoft darin, dass es bei Linux keine voll vergleichbare und richtig kompatible Lösung für das Programmpaket Microsoft Office gibt. Mit dem auch für Linux kostenlos erhältlichen Staroffice 5.2 oder auch WordPerfect Office für Linux kann man zwar die meisten Microsoft-Dokumente problemlos öffnen, jedoch mit Formatierungsverlusten.

Windows, Office und der Internet Explorer seien praktisch eine Einheit, sagt Haaga. Da scheuten viele den Umstieg. Für Firmen seien auch die Kosten für Umschulungen und Ähnliches viel zu hoch, als dass für sie ein Wechsel ernsthaft in Frage komme.

"Wenn wir sehen, was die Menschen zum Kauf eines Betriebssystems veranlasst, dann ist es nicht das Betriebssystem selbst", sagt auch IDC-Analyst Dan Kusnetzky. "Fast immer entscheiden sie sich danach, wofür sie die Programme, die sie benutzen wollen, verwenden können." Und es gebe einfach noch nicht genügend Anwendungsprogramme und vor allem auch Spiele für Linux. In Computergeschäften gebe es nur selten eine Abteilung mit Linuxprogrammen.

Der Abstand werde zwar kleiner, es könne aber vielleicht noch ein bisschen länger dauern, bis Linux Windows auf dem Desktop ernsthaft Konkurrenz mache, sagt Haaga. Geschäftlich konzentriere sich Red Hat deshalb zurzeit darauf, die Benutzerfreundlichkeit im Serverumfeld mit Tools für die Verwaltung von Netzwerken, für Intranet- und Internet-Server zu verbessern.

Mit einem Nutzeranteil von rund fünf Prozent habe sich Linux aber schon einen Kernmarkt erschlossen, sagt Hohndel. Und das seien vor allem Software-Entwickler, IT-Professionals und technisch interessierte Computernutzer. "Das ist natürlich nicht der Massenmarkt." Abgesehen vom Servergeschäft fasse Linux derzeit besonders in Nischenmärkten Fuß, wo es um Stabilität und Sicherheit gehe. Hier kämen vor allem von den Firmen entwickelte hauseigene Programme zum Einsatz, sagt Hohndel.

Aber auch auf dem Massenmarkt habe Linux Chancen, sagt Hohndel. Einen Marktanteil von zehn bis 15 Prozent in den nächsten zwei bis drei Jahren halte er für durchaus realistisch, 20 Prozent für möglich. Dazu müsse Linux aber überzeugen: auf der technischen Seite und durch seinen Preis. Und dann sei es auch durchaus denkbar, dass in ein paar Jahren beim Discounter Aldi ein Rechner mit vorinstalliertem Linux zu haben sein werde. Ein Grund für die Zuversicht ist unter anderem auch Microsoft selbst. Da ist vor allem die geänderte Lizenzpolitik, die in Unternehmen schon für deutliche Kritik gesorgt hat. Auch die neue "Aktivierung" beim nächsten Microsoft-Betriebssystem Windows XP, die schon Bestandteil des soeben eingeführten Office XP ist, stößt auf Ablehnung.

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