Zeitung Heute : Liparische Inseln: Explosive "Perlen"

Klaus Thiele

Kapitän Felice ist stolz auf sein Schiff "Sigismondo". Der 1946 gebaute Zweimaster ist ein Filmstar. Sein großer Auftritt liegt allerdings lange zurück. 1949 spielte er in Roberto Rossellinis Film "Stromboli" eine wirklich tragende Rolle. Das Schiff trug nämlich zu Beginn des Films die schwedische Schauspielerin Ingrid Bergman zur Vulkaninsel Stromboli. Natürlich kommt man mit einem der Tragflügelboote viel schneller nach Stromboli. Aber Reiseleiterin Jutta hat für ihre Wandergruppe die "Sigismondo" gechartert - und alle genießen es, sich derart nostalgisch einem der aktivsten Vulkane der Welt zu nähern. Am späten Nachmittag werden die Wanderer ihn besteigen, um dann bei Einbruch der Dunkelheit vom Kraterrand in den "Eingang zur Hölle" zu schauen. Keinesfalls ohne Bergführer solle man das tun, warnt eine Tafel am Hafen. Darum folgen alle brav Stefano, der vor dem Abmarsch vom Hotel blaue Schutzhelme verteilt - es könnte ja oben Lava hageln. "Piano", langsam, mahnt Stefano seine Wanderer und flunkert immer wieder, nun habe man das schwierigste Wegstück hinter sich. Drei bis fünf Stunden braucht man, um die mehr als 900 Meter zu überwinden. Für Ungeübte ist das schon eine Schinderei, die noch dazu nicht immer belohnt wird. Wenn sich eine Wolke in den Krater legt, kann man nur mit Glück sehen, wie das "Leuchtfeuer des Mittelmeeres", an dem sich früher die Seefahrer orientierten, in unregelmäßigen Abständen glühende Lavabrocken ausspuckt, die dann über die Sciara del Fuoco, die Feuerrutsche, ins Meer hinabkollern. Bequemer lässt sich dieses Schauspiel aus 100 Meter Höhe von der "Observatorium" genannten Pizzeria beobachten. Aber oben am Höllenschlund gewesen zu sein und in finsterer Nacht durch dicken Lavastaub mehr hinab zu rutschen als zu gehen, das ist natürlich ein ganz anderes Erlebnis.

Stromboli ist Höhepunkt einer Reise zu den Liparischen Inseln, den "Sieben Perlen" nördlich von Sizilien. Isole Eolie, Äolische Inseln, sagen die Italiener. Der als Windgott verehrte Äolos war es, der Homers Odysseus einen ledernen Schlauch voller Winde mit auf den Weg gab. Bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts drohte die Inselgruppe zu veröden. Armut und Katastrophen ließen die Jungen auswandern, die karge Landwirtschaft auf den filigranen Terrassenfeldern wurde fast überall aufgegeben. Der Film "Stromboli" machte die Inseln bekannt. Bald kamen Künstler, Aussteiger, Vulkan-Wanderer. Heute ist ein maßvoller Tourismus wichtige Einnahmequelle. Einzige Industrie ist der inzwischen stark zurück gefahrene Bimsstein-Abbau, der die schneeweißen Berge am Campo Bianca zurück ließ, die auch zu Juttas Wanderprogramm gehören.

Die Hauptinsel Lipari ist ideales Standquartier. Man kann von hier alle anderen Inseln mit Fähren, Tragflügel-Flitzern oder Ausflugsbooten leicht erreichen. Für die Stromboli-Besteigung freilich ist ein Hotelwechsel schon ratsam. Die ersten WanderErkundungen mit weiten Ausblicken zeigen, wie nah die Inseln zum Teil zusammen liegen. Vom Süden Liparis kann man den Pfad hinauf zum Gran Cratere der Nachbarinsel Vulcano erkennen. Von der Marina Corta, dem hübschen Fischerhafen von Lipari-Stadt, sind es mit dem Tragflügelboot nur zehn Minuten nach Vulcano. Der Aufstieg dauert etwa eine Stunde - und wieder fühlt man sich Luzifer ganz nah. Schweflige Dämpfe dringen oben auf dem Kraterrand aus Felsspalten. Die Mitwanderer vermummen wegen der Hustenreiz erzeugenden Fumarolen Mund und Nase mit Tüchern und sehen aus, als wollten sie des Teufels Bank ausrauben. Unten, nahe dem Hafen Porto di Levante, sehen die Leute noch seltsamer aus: Im schwefeligen Schlammpfuhl darf sich jeder kostenlos mit Pampe bekleckern. Das soll gut gegen Rheuma sein und auch die Pickel bekämpfen. Vor allem aber sieht diese Kuranwendung sehr lustig aus.

Jede der Inseln hat ihren eigenen Charakter. In der Wandergruppe scheiden sich am Ende die Geister, welche denn nun die Lieblingsinsel geworden ist. Auffallend viele entscheiden sich für Salina. Das ist die ländlichste der Inseln. Der Malvasia-Wein und die Kapern, die zu vielen Speisen verwendet werden, wachsen dort. Auf Touristen-Hotels legt man weniger wert. Ein Großteil der Insel mit den grünen Zwillingsbergen, die aus der Ferne wie Kamelhöcker aussehen, ist Nationalpark. Auf Salina erwartet die Wanderer der längste Aufstieg. Mit 962 Metern ist der Monte Fossa delle Felci der höchste Berg des Archipels. Oben umfängt ein Zauberwald mit Föhren und Farnen die Wanderer. Wer mal ausruhen will und lieber die Insel mit dem klapprigen Linienbus erkundet, wird von den Gipfelstürmern der Gruppe nicht schief angesehen und kann in Ruhe weltentlegene Orte wie Malfa, Pollara oder den Fischerort Rinella durchstromern.

Gemessen an Salina ist Panarea schon reinstes Schickimicki. Hier hat sich der Geldadel aus Rom, Mailand und Turin eingenistet und achtet nun eifersüchtig darauf, dass möglichst keine neuen Hotelbetten mehr für Normalurlauber entstehen. Eine hübsche Abwechslung ist Panarea, das einst Schlupfwinkel des berüchtigten Korsaren Dragut war, aber allemal. Und es besitzt sogar eine Sehenswürdigkeit, die Ruinen eines prähistorischen Dorfes eine gute halbe Stunde vom Hafen San Pietro - zu Fuß natürlich, denn hier fahren keine Busse, keine Autos. Auf den Sträßchen sieht man nur kleine Dreiradkarren. Die Reichen und Schönen benutzen Elektrowagen, die man sonst nur von Golfplätzen kennt.

Nichts für hibbelige Aktiv-Menschen sind die beiden etwas abseits gelegenen Eilande Filicudi und Alicudi. Vor allem das winzige Alicudi ist ein Tipp für Einsamkeitsfanatiker: Kein Hotel, nur ein paar der 100 Einwohner vermieten Zimmer, keine Straßen, nur Eselspfade und Treppenwege. Auf Filicudi gibt es immerhin ein Hotel unten am Hafen. Ein paar Berühmtheiten haben sich hier Häuser gebaut, als es auf den Liparischen Inseln noch keine nahezu einem Baustopp entsprechenden Gesetze gab. Auch auf dieser stillen Insel lohnt die Wanderung zu einer prähistorischen Siedlung am Cabo Graziano. Dieses Kap ist vor allem aber als antiker Schiffsfriedhof berühmt. Hier zerschellten viele Frachtschiffe der Griechen und Römer. Die Schätze, die man unter Wasser fand, sind im Archäologischen Museum auf dem Burgberg von Lipari zu sehen, das eine der größten Überraschungen der Reise ist. Mit seiner prächtigen Vasensammlung und einer erstaunlichen Kollektion von Theatermasken ist es für das kleine Städtchen ein verblüffend grandioses Museum. Und es liegt nicht weit vom besten Restaurant der ganzen Inselgruppe. Eine Spezialität bei "Filippino" ist der vom Tintenfisch schwarz gefärbte Risotto Nero. Das schmeckt viel besser als es aussieht.

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