Zeitung Heute : Lisa lässt sich Zeit

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Von Benjamin Lebert

Sie war ein Kind, das viel Angst hatte. Wenn sie sich heute an ihre Kindheit erinnert, erinnert sie sich an diese Angst. Angst vor dem Kindergarten, Angst vor der Schule, Angst in einem fremden Bett zu schlafen, Angst, irgendwo zu sein ohne ihre Mutter. Heute sieht sie das so: Angst vor dem Leben. Sie weiß nicht, woher die gekommen ist.

Geboren wurde sie in Freiburg, ihr Vater war Dekorateur, ihre Mutter medizinisch-technische Assistentin. Die Ehe ging früh auseinander, die Mutter heiratete wieder, diesmal einen Journalisten, der sie adoptierte. Als sie dreieinhalb war, kam ein kleiner Bruder zur Welt. Die Familie zog nach Hamburg und dann nach München. Das Verhältnis zu ihren Eltern war immer irgendwie etwas Besonderes. Sie hing außerordentlich an ihrer Mutter, bei dem Vater begleitete sie über die Jahre immer ein etwas fremdes Gefühl. „Aber ich mag ihn."

Ich treffe Lisa an einer Bushaltestelle in München, am chinesischen Turm. Sie trägt eine weiße Leinenhose und eine Jeansjacke. Ihre dicken braunen Haare sind kurz geschnitten, reichen gerade übers Ohr. Es ist gegen acht Uhr, ein schöner, heller Sommerabend. Ihre grünblauen Augen werden zu kleinen Schlitzen, wenn sie eine Antwort überlegt. Sie ist keine, die schnelle Antworten raushaut. Sie überlegt lange. Sie hat sich für alle Entscheidungen in ihrem bisherigen Leben Zeit gelassen.

2000 machte sie ihr Abitur am Münchener Sophie-Scholl-Gymnasium. „Danach habe ich ein halbes Jahr gar nichts gemacht", sagt sie und lächelt. „Das hat meine Mutter wahnsinnig gemacht. Um sie zu beruhigen, habe ich ein Praktikum in einer Medienfirma absolviert. Ich wusste lange nicht, was ich studieren sollte. Dann habe ich mich für Ethnologie entschieden. Weil das nicht so langweilig ist wie die anderen Fächer. Ich interessiere mich auch für die Vielfalt der Menschen."

Kurz vor Beginn des Studium arbeitete sie als Altenpflegerin. Das macht sie immer noch. Inzwischen an zehn Tagen im Monat. „Diese alten Menschen faszinieren mich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich auch werde wie sie. Sie leben in der Nähe zum Tod. Die Hauptangst in meinem Leben ist die Angst vor dem Tod. Und der Tod ist auch der unsichtbare Faden, der alle Menschen miteinander verbindet."

Sie wohnt in einer kleinen Wohnung am Harras mit ihrer Freundin. „Ich finde Frauen interessanter als Männer. Schöner, intelligenter im Umgang, und vor allem weicher.“ Sie sagt: „Das Verhältnis zu mir selber ist das Verhältnis zu einem Freund, über den man sich ständig tierisch ärgert.“

Ob sie denn glaube, dass der liebe Gott oder irgendetwas die Menschen auf ihren Wegen beschützt? Zwei Busse fahren an uns vorüber, bevor sie die Antwort findet: „Gott sicherlich nicht. Wenn wir Glück haben, schützen wir uns selbst.“

Ich kenne Lisa übrigens sehr gut. Sie ist meine Schwester.

Der Autor hat den Bestseller „Crazy“ geschrieben.

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