Zeitung Heute : Litauen: Bizarre Gebilde prägen "Sahara des Nordens"

Hans-Joachim Beger

Langsam und mit gebeugtem Kopf geht der alte Mann am Strand entlang. Dort, wo das silbrig glänzende Wasser der Ostsee den feinsandigen Boden umspült. Am Horizont fährt ein Frachter vorbei und die Silhouette eines Kreuzfahrers verschwimmt im Sommerdunst. Jonas, der alte Fischer aus Nidden, würdigt die bezaubernde Umgebung keines Blickes. Starr und konzentriert schaut er nach unten, sucht Bernstein. Manchmal findet er ein Stückchen "Ostsee-Gold", kann damit seine spärliche Rente etwas aufbessern.

Jonas spricht ein wenig Deutsch. Wie überraschend viele Menschen, die auf der Kurischen Nehrung leben. Der rund 100 Kilometer lange Sandstreifen teilt das Kurische Haff vom Meer, gehört halb zu Litauen, halb zum Königsberger Gebiet. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Region eine beliebte Sommerfrische. Dann wurde sie russisches Sperrgebiet und erst seit Litauens Unabhängigkeit vor elf Jahren beginnt zögernd ein touristischer Aufschwung. Der Baltenstaat, der an die Türen von Europäischer Union und Nato klopft, kann westliche Devisen gut brauchen.

Nidden ist der Hauptort Neringas. Unter diesem Namen haben sich die kurischen Dörfer Litauens zusammengeschlossen. In der einheimischen Sagenwelt heißt so eine Riesin, die Tochter der Göttin Laima. Die gute Frau soll in grauer Vorzeit enorme Mengen von Sand in ihrer Schürze angeschleppt und damit die Nehrung aufgeschüttet haben. Sie mochte nämlich nicht länger mit ansehen, wie ihre Untertanen in den gefährlichen Stürmen der Ostsee Boot und Leben verloren. Im Haff waren die Fischer geschützt.

Die liebevoll restaurierte Urzelle des alten Fischerdorfes Nidden am Haff steht unter Denkmalschutz. Eingebettet in farbenprächtige Bauerngärten stehen gemütliche Holzhäuser mit mächtigen Reetdächern. Manchmal steigt der Duft frisch geräucherter Fische in die Nase. Vor allem Aal, Barsch und Zander gehen den wenigen noch aktiven Fischern ins Netz. Vom Leben der Fischer zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts erzählt das kleine Museum für Geschichte. Heute gehen viele Hausbesitzer lieber auf Touristen-Fang, vermieten einfache, saubere Privatzimmer. In den kleinen Gartencafés fühlt man sich in die gute, alte Zeit zurückversetzt. Die modernen Hotels liegen außerhalb des Zentrums, Richtung Ostseestrand.

Gut zu Fuß zu erreichen ist der rund 27 000 Hektar große Nationalpark, der tatsächlich immer wieder an die Sahara erinnert. Bis zu 60 Meter hoch türmen sich die goldgelb schimmernden Dünen auf. Ihre Spitzen bieten tolle Ausblicke auf das einzigartige, bis zu vier Kilometer breite Naturreservat zwischen Ostsee und Haff. In den Tälern ducken sich vom Wind gebeugte Bergkiefern, klammern sich Disteln, Birken und Erlen fest in den unfruchtbaren Sand. Etwa 600 Pflanzenarten trotzen den besonderen klimatischen Verhältnissen dieser Region. Erst in den vergangenen Jahrzehnten wurde die Kraft der Wanderdünen durch umfangreiche Aufforstung gebändigt. In den Jahrhunderten davor hatte die Sandwüste vierzehn Dörfer unter sich begraben.

Der Faszination dieser einmaligen Landschaft erlag in den 30er Jahren auch Thomas Mann. Begeistert schrieb er in seinem Buch "Das Sommerhaus": "Wir waren so erfüllt von der Landschaft, dass wir beschlossen, dort Hütten zu bauen." Der Nobelpreis machte es möglich und so entstand 1930 auf dem Niddener "Schwiegermutterberg" sein repräsentatives Sommerhaus, ganz aus Holz und im Stil der Nehrung erbaut, die Giebelfront im Niddener Blau bemalt und gekreuzte Pferdeköpfe auf dem Dach. Das Haus wurde inzwischen mit finanzieller Hilfe der Bundesrepublik renoviert und beherbergt ein kleines Museum und Kulturzentrum.

Nidden war von zirka 1880 bis 1930 Zentrum eine bedeutende Künstlerkolonie. Neben Schriftstellern fühlten sich viele Maler wie Lovis Corinth, Ernst Mollenhauer, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rotluff magisch von der Nehrung angezogen. Die Nähe zu Königsberg / Kaliningrad spielte dabei gleichwohl eine große Rolle.

Nidden ist heute unbestritten das Touristen-Zentrum. Dem etwas weiter nördlich gelegenen, einst ebenfalls beliebten Schwarzort, heute Juodkrante, fehlen bis jetzt noch Charme und Infrastruktur. Eindrucksvoll lediglich die Wanderung auf den Hexenberg. In dem Waldgebiet stehen bizarre Holzskulpturen Litauer Künstler, die an Sagenfiguren erinnern.

Neben ihrer hinreißenden Natur bietet die Kurische Nehrung zahlreiche Ausflugsmöglichkeiten. So etwa in die Ostsee-Hafenstadt Memel / Klaipèda. Mitten im hervorragend restaurierten Zentrum steht als Wahrzeichen das Ännchen von Tharau. Das nach ihr benannte ostpreußische Mundartlied, 1636 geschrieben, wurde rasch zum Ohrwurm. Zu ihren Füßen fideln junge Musiker unverdrossen die altbekannte Weise, sobald westliche Touristen auch nur in die Nähe kommen. Das benachbarte Ostseebad Palanga gehört zu den bevorzugten Badezielen der Einheimischen. Interessant der Botanische Garten mit einem ehemaligen Palais, in dem sich das wohl größte Bernsteinmuseum der Welt befindet.

Auch Abstecher ins ehemalige nördliche Ostpreußen sind möglich. Allerdings nur mit Visum und oft längeren Wartezeiten an der Grenze. Königsberg kann noch nicht ganz an alte Glanztage anknüpfen. Doch Dom, Schauspielhaus und die neugotischen Stadttore sind allemal einen Ausflug wert.

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