Zeitung Heute : Literarisches Leben: Die gelben Seiten

Helmut Böttiger

Helmut Böttiger schreibt hier einmal im Monat über alles Mögliche, was Literatur und Leben verbindet. Am nächsten Sonntag: Andrea Fischer über Krimis.

Würden weniger Gedichte geschrieben, wenn mehr Gedichte gelesen würden? Die verkaufte Auflage von Lyrikbänden, die als diskutabel betrachtet werden, bewegt sich im Normalfall weit unter der Tausendergrenze. Die Dunkelziffer der Schreibenden ist aber viel höher - man muss nur einmal die Manuskriptberge erblicken, die jeden Tag bei einem Lektor eingehen. Je seriöser dieser ist, desto mehr schweigt er darüber. Schweigen hat überhaupt viel mit dem Verständnis von Lyrik zu tun.

Flächendeckung erreichte das Gedichteschreiben Mitte der siebziger Jahre. Es war die Zeit einer Subkultur: Zeitschriften aller Art, die man meistens vereinfachend "Literaturzeitschriften" nannte, dienten dabei der Selbstverständigung einer bestimmten Szene - da flossen der Kampf gegen Atomkraftwerke, die Problematik des Abspülens in Wohngemeinschaften und das Schreiben von Gedichten zusammen. Und deswegen hatten die letzteren auch die Chance, in einem gewissen Sinn veröffentlicht zu werden.

Über den aktuellen Stand der Dinge informierte immer zuverlässig das "Ulcus Molle Info", und jahrelang gab es in jeder Universitätsstadt mindestens eine Zeitschrift, mit oft recht phantasievollen Namen und einer erstaunlichen Reichweite. Vom "Nachtcafé" in Freiburg wurden mehrere Nummern hintereinander mehr als viertausend Mal verkauft - und zwar nicht über den herkömmlichen Vertrieb, sondern dadurch, dass ein abgebrochener Germanistikstudent mit seinem Auto alle alternativen Buchläden in der Republik abklapperte und das Heft auch in diversen Universitätsmensen feilbot. Im "Nachtcafé" fanden sich selbstredend immer sehr viele Gedichte, aber im Mittelpunkt der Hefte stand jedes Mal ein spezielles Thema. In Nummer 14 gab es zum Beispiel Erfahrungsberichte aus alternativen Bauernhöfen - nach einer Woche war die gesamte Nummer vergriffen. Noch schlimmer war es mit dem Thema "Frauen" vom Herbst 1978, das, im Zeichen des Niedergangs im Frühjahr 1982, das Thema "Männergruppe" nach sich zog. Es war eigentlich egal, was sonst noch im Heft zu lesen war, aber das Literarische gehörte mit zur Aura.

Spätestens Mitte der achtziger Jahre gab es diese Zeitschriften nicht mehr. Umso merkwürdiger nehmen sich die Überbleibsel aus - beziehungsweise Periodika, die es schon lange vorher gab und die es immer noch gibt. Dieser Tage konnte die Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" ihr vierzigjähriges Bestehen feiern. Sie hatte als Wissenschaftsperiodikum angefangen und begann erst dann, sich der Primärliteratur zu widmen, als sich woanders keiner mehr dafür interessierte. Anfang der achtziger Jahre fügte man ein Supplement bei, das auf gelben Seiten gedruckt wurde - und da standen, ganz so, als ob die ganzen Literaturzeitschriften drumherum nicht schon längst eingegangen wären, wie selbstverständlich Gedichte. Auf diesen gelben Seiten fand sich dann tatsächlich alles, von "Aalräuchereien" bis "Zylinderstifte".

Man braucht also vor allem eines: Geduld. Die Erstveröffentlichung von Georg Klein - und lange Zeit seine einzige Veröffentlichung überhaupt - erfolgte in den frühen achtziger Jahren in "Sprache im technischen Zeitalter". Ein Bild vom April 2001 hat deswegen Symbolcharakter: als Georg Klein, jetzt als Erfolgsautor, im "Literarischen Colloquium" las, steckte ihm die Fotografin Renate von Mangoldt ein Porträt aus den frühen Jahren zu. Klein ließ es so verstohlen in seiner inneren Jackettasche verschwinden, wie es sonst immer nur die anonymen Handlungsreisenden in seinen Texten machen. Es gibt also eine "Moral", ganz im Sinne der Altvorderen: Die Gedichte, die man zwangsläufig immer geschrieben hat, dürfen nie erscheinen. Erst, wenn man das lange genug durchhält, hat man die Chance, ein Dichter zu sein.

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