Literatur : Ein Werk der Liebe

Über die Erfüllung eines Traums: 16 Jahre, 4762 Seiten – Swetlana Geier hat Dostojewskij neu übersetzt

Dirk Becker[Günterstal]

Diese Schuhe tragen sich einfach gut auf den Straßen von Sankt Petersburg. Es braucht etwas Zeit, bis sie eingelaufen sind. Doch dann verbringt man Tage, Wochen, vielleicht auch Monate in ihnen. Schließlich kommen sie in einen Koffer, der Koffer in einen Zug und der Zug fährt nach Deutschland. Die Schuhe aus dem Koffer geholt, angezogen und raus damit auf die Straßen Berlins. Und wieder ist da dieses gute Gefühl.

Die Reise der Schuhe ist ein Bild, eine schöne Metapher für das Übersetzen von Literatur. Und falsch, sagt Swetlana Geier. Literatur kommt in einer anderen Sprache nie so an, wie sie von einem Autor in der Muttersprache aufgegeben wird. Es kann nie nur ein Paar Schuhe geben, sagt Swetlana Geier. Sie hat gerade ein Jahrhundertwerk vollbracht.

Swetlana Geier hat früher Tolstoi, Solschenizyn, Bulgakow, Sinjawskij, Platonov und Bunin ins Deutsche übertragen. Doch die größte Aufmerksamkeit erregt sie nun mit ihren Neuübersetzungen von fünf Romanen des Schriftstellers Fjodor Dostojewskij. Sie setze „als Übersetzerin russischer Literatur in über drei Jahrzehnten einen Maßstab“, schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Sie habe erkannt, dass Dostojewskij „ein akustischer Autor“ sei, der „seine Romane höchst modern als Stimmentheater entwirft“, jubilierte der Essayist Karl-Markus Gauß in der Literaturzeitschrift "Spectrum". Auf dem Titel der Taschenbuchausgaben wirbt der Fischer-Verlag mit ihrem Namen.

Swetlana Geier hebt die Hände. Auch ihre Stimme hebt sich: „Sprachen sind nicht kompatibel.“ Übersetzen sei ein Prozess, an dessen Ende immer etwas Neues steht. Dort sei das Original, das eine Paar Schuhe. Hier die Übersetzung, ein anderes Paar Schuhe. Als Übersetzer kann man da nicht einfach den Kofferträger spielen. Wenn man schon im Bild bleiben möchte, könnte man vielleicht sagen, dass Swetlana Geier eine Schuhmacherin ist, die ein Werk an seinen Nähten auftrennt und es dann mit fremdem Werkzeug neu zusammensetzt.

Die kleine, zerbrechlich wirkende Frau von 83 Jahren hat ihre grauen Haare hochgesteckt. Sie sitzt in der Küche ihres Hauses in Günterstal, einem Vorort von Freiburg. An den Regalen unzählige Löffel, meist aus Holz. „Die gehörten meiner Mutter. Sie hat Löffel gesammelt“, sagt Geier mit wachem und freundlichem Blick. Licht kommt an diesem Vormittag nur spärlich durch die Fenster. Es regnet den zweiten Tag und die Wolken hängen so tief über Günterstal, dass sie einem fast auf dem Kopf liegen. Ihr Haus wirkt mit dem vielen Holz an den Wänden, den kleinen Kachelöfen, den alten Möbeln und der knarrenden Treppe wie aus der Zeit gefallen. Oben im ersten Stock, wo der Flur voller Bücher ist, hat Swetlana Geier ihr Arbeitszimmer.

Seit 1950 übersetzt sie aus dem Russischen und versucht, den Unterschied zwischen Original und Übersetzung kleiner werden zu lassen. Ähnlichkeit herzustellen, sagt sie, sei für sie die größte Herausforderung beim Übersetzen.

Vor 16 Jahren hat Swetlana Geier damit begonnen, Fjodor Dostojewskij zu übersetzen. Zuerst „Verbrechen und Strafe“, das andere zuvor „Schuld und Sühne“ genannt haben. Dann „Der Idiot“, dann „Böse Geister“ und „Die Brüder Karamasow“. Im November ist „Der grüne Junge“ im Ammann-Verlag erschienen. Damit liegen 4762 Buchseiten Dostojewskij in der Neuübersetzung vor. Für Swetlana Geier ist ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen.

– Sind Sie nun glücklich, Frau Geier?

Sie überlegt kurz und schüttelt den Kopf. „Wissen Sie, ich suche jetzt einen neuen Liebhaber.“

Dostojewskij, sagt Swetlana Geier, ist wie große Instrumentalmusik. Sie sucht einen Vergleich und findet ihn bei Brahms, im Violinkonzert. Diese Vielzahl von Instrumenten. Und immer wieder verstummt das Orchester, schweigt für den Solisten. Das ist Dostojewskij, sagt sie. Die Handlung ist das Orchester, und die Stimmen sind die Solisten. Es gibt viele Stimmen bei Dostojewskij. Jede dieser Stimmen ist unverkennbar.

Fünf Romane, jeder eine Sinfonie, die Partituren zwischen 768 und 1250 Seiten lang. Damit die Worte klingen, von der ersten bis zur letzten Seite, muss Swetlana Geier das Original immer wieder lesen. „Im Grunde, bis ich es fast auswendig kann. Denn niemand kann beim Übersetzen einfach mit dem ersten Satz beginnen.“ Sie liest und dringt schichtweise tiefer. Pro Roman „ein Jahr, manchmal auch länger“, und irgendwann fängt der Text an zu klingen.

Ein Beispiel: Der letzte Satz des Romans „Böse Geister“. Nikolaj Stawrogin, eine der Hauptfiguren, hat sich das Leben genommen. „Unsere Ärzte stellten nach der Sektion die Möglichkeit, dass die Tat in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn geschehen sein könnte, vollständig und mit aller Entschiedenheit in Abrede“, übersetzte Elisabeth Kaerrick diesen Satz 1956 in ihrer überarbeiteten Dostojewskij-Gesamtausgabe. Das sind 27 Wörter. Im Russischen reichen Dostojewskij dafür zehn. Swetlana Geier braucht 14: „Unsere Mediziner haben nach Obduktion des Leichnams eine geistige Zerrüttung vollkommen und entschieden ausgeschlossen.“

Der Schriftsteller und seine Übersetzerin und ihr Verhältnis der Worte. Der Mensch Dostojewskij hat Swetlana Geier nie interessiert. Dessen Spielsucht, seine politischen und religiösen Ansichten, sein Umgang mit den Frauen. Gefragt, ob sie Dostojewskij gern kennengelernt hätte, antwortet sie „Nein“. Swetlana Geier sitzt fast regungslos auf ihrem Stuhl, und nur manchmal streicht sie mit der Hand über den Tisch, als wollte sie dort etwas wegwischen. Andere Autoren seien wie Milchsuppe. Dostojewskij dagegen, sagt sie, hat ihr Feuerwerke geschenkt.

Swetlana Geier wurde in Kiew geboren und auf den Namen Swetlana Michailowna Iwanowna getauft. Ihre Mutter entstammte einer Offiziersfamilie. Sie erhielt privaten Deutsch- und Französischunterricht, las Schiller und Goethe und merkte, dass Dostojewskij seinen eigenen Klang hat. Ihr Vater, ein Intellektueller, kam 1938 in Haft, als „Volksfeind“ denunziert. Ein Jahr später starb er an den Folgen. Während des Krieges übersetzte Swetlana Geier, damals 19 Jahre alt, für eine deutsche Firma. Als die sowjetische Armee 1943 Kiew zurückerobern wollte, verließen Mutter und Tochter die Stadt und flüchteten nach Deutschland. Sie kamen zuerst nach Dortmund, später nach Freiburg. Mutter und Tochter blieben für immer. In Freiburg las sie Dostojewskij zum ersten Mal in einer deutschen Übersetzung. Und merkte, dass dabei etwas nicht stimmte.

– Dann haben Sie angefangen, ihn selbst zu übersetzen?

Swetlana Geier schüttelt wieder den Kopf. Ihre erste Übersetzung war die Erzählung „Lazarus“ von Leonid Andrejew. Ein Freund bot an, die Übersetzung für sie abzuschreiben, wenn er einen Durchschlag behalten könne. Heimlich schickte er den Durchschlag an den Rowohlt-Verlag in München. Dort wollte man ihren Text für die Reihe „Rowohlts Klassiker“ und gab gleich noch eine Übersetzung in Auftrag. „So hat es angefangen.“ Immer sind die Verlage an sie herangetreten. Swetlana Geier arbeitete als Lektorin und Dozentin für Russisch an der Universität und nebenbei übersetzte sie, 35 Jahre lang. Als sie 1988 in Pension ging, hatte sie endlich Zeit für Dostojewskij. „Ich hatte das Glück, nie übersetzen zu müssen, was ich nicht will. Und ich musste nie davon leben.“

Es gibt viele Stunden, in denen sie allein an ihrem Schreibtisch sitzt, oben, im ersten Stock, und liest. Swetlana Geier ist nicht einsam, ihr Liebhaber ist bei ihr. Im Haus hört sie die Familie, schaut sie nach links, blickt sie aus dem Fenster, auf die Häuser von Günterstal, die hier einfach ins Tal gestreut worden sind. Hört Swetlana Geier an ihrem Schreibtisch die Melodie, ist es Zeit, Hanna Hagen anzurufen.

Man kann sagen, dass Frau Hagen, wie Swetlana Geier sie nennt, zum Inventar gehört. „Ich diktiere, wenn ich übersetze“, sagt Swetlana Geier. Seit 25 Jahren sitzt ihr dabei Frau Hagen gegenüber und tippt alles auf einer alten mechanischen Schreibmaschine mit. Für jedes neue Buch muss ein neues Farbband besorgt werden

Fünf Tage in der Woche kommt Frau Hagen in Swetlana Geiers Haus, immer gegen 9 Uhr. Gemeinsam frühstücken sie, reden ein wenig bei einer Tasse Tee. Fast immer ist es Frau Hagen, die sagt: „So, jetzt gehen wir nach oben.“ Dort sitzen sie bis 13 Uhr. Swetlana Geier auf der einen, Frau Hagen auf der anderen Seite des schmalen Schreibtisches.

„Manchmal nehme ich Frau Hagen gar nicht mehr wahr“, sagt Swetlana Geier. Sie spricht die deutschen Sätze, nicht selten hat sie vier verschiedene Varianten, und lauscht deren Klang nach. Frau Hagen tippt. Maximal zehn Seiten schaffen sie am Tag. Bei „Der grüne Junge“ waren es oft nur fünf, die Übersetzerin musste sich durch viel mehr Schichten arbeiten als sonst.

Einen Monat lässt Swetlana Geier die übersetzten Seiten liegen und gibt sie dann einem Freund, der ihr den Text noch einmal vorliest. Ein paar letzte Korrekturen, dann ruft sie Egon Ammann in Zürich an. Jedes Mal macht sich Ammann persönlich auf den Weg, um das Manuskript in Günterstal abzuholen.

Zum ersten Mal fuhr Egon Ammann 1969 nach Günterstal. Der junge Verlagschef hatte von der Übersetzerin gehört. Sie saßen in der kleinen Küche, sprachen über Literatur und, gedrängt von ihrer Mutter, erzählte Swetlana Geier ihm, dass ihr größter Wunsch sei, Dostojewskij neu zu übersetzen. Egon Ammann bekam einen Schreck. „Mein Verlag war sehr klein und stand auf wackligen Füßen“, sagt er. Dostojewskij, das konnte er nicht stemmen, das wäre zu teuer gewesen.

20 Jahre später erzählt ihm sein Lektor Hans-Jürgen Balmes von einer wunderbaren Übersetzerin, die sich vorgenommen habe, Dostojewskij neu zu übersetzen. Ammann erinnert sich sofort. „Sie reden von Swetlana Geier?“, fragt er. Balmes nickt. Und wieder bekommt Ammann einen Schreck. Sein Verlag hat sich mittlerweile etabliert, aber würde überhaupt jemand eine Neuübersetzung kaufen? Balmes bleibt hartnäckig. „Gut, lassen Sie uns vergleichen“, sagt Ammann, lässt etwa 30 deutsche Übersetzungen von „Schuld und Sühne“ zusammentragen und beginnt, einige zu lesen.

„Ich habe mich damals gefragt, was den Schriftsteller Dostojewskij auszeichnet. Es war immer die Rede von der Psychologie“, sagt Ammann. Er liest, und fast alle Übersetzungen klingen für ihn gleich, manche regelrecht „antiseptisch“. Dann nimmt er das Manuskript von Swetlana Geier zur Hand und hört schon nach wenigen Seiten das Orchester, die vielen Solostimmen. Diese Neuübersetzung muss er verlegen.

Eine Übersetzung darf nie deutlicher werden als das Original. Nichts darf weglassen oder gar verbessert werden. Werktreue, sagt Swetlana Geier.

– Darum auch der Titel „Verbrechen und Strafe“ statt „Schuld und Sühne“?

Ja, sagt Swetlana Geier. Schuld und Sühne, das klinge zwar schöner, sei aber falsch. „Prestuplenie e Nakasanie“, so der Originaltitel. Das schmeichelt nicht beim Sprechen. „Verbrechen und Strafe“, Swetlana Geier betont jedes „r“ und zieht es in die Länge. „Das klingt härter, es sind juristische Begriffe.“ Genau das habe Dostojewskij gemeint. In mehr als 20 Sprachen wurde der Roman mit dem richtigen Titel übersetzt. Im Englischen heißt er „Crime and Punishment“, im Französischen „Crime et Châtiment“. Nur im Deutschen wurde „Schuld und Sühne“ daraus.

Swetlana Geier spricht nie von einer schlechten Übersetzung. Jede, sagt sie, hat ihre Berechtigung. Sie will nicht urteilen, sie will zeigen, dass Dostojewskij ein großer Autor ist.

– Frau Geier, was ist so schwer daran, eine Sprache ähnlich klingen zu lassen wie eine andere?

Im Russischen gibt es doppelt so viele Vokale wie im Deutschen, sagt Swetlana Geier. Im Deutschen gibt es haben, sein und werden als Hilfsverben. Die deutschen Hilfsverben seien oft wie Filzlagen zwischen den Worten. Sie dämpfen den Klang und machen es schwer, dass die Melodie des Originals in der Übersetzung mitklingt.

Manchmal steht Swetlana Geier beim Übersetzen vor einer Glaswand. „Das sind Momente beinahe physischer Erfahrung“, sagt sie. Auf der einen Seite steht das Original, auf der anderen die Übersetzung. Da ist die Grenze, weiter geht es nicht. Es ist der Moment, wo sie ganz dicht dran ist. Und der Moment, wie sie sagt, an dem sie ihr eigenes Unvermögen erkennt. Sprache ist etwas, das sich widersetzt. „Was entsteht, ist immer geringer als das, was entstehen will“, sagt sie.

„Wissen Sie, was ein Genie auszeichnet?“, fragt Swetlana Geier. Es ist seine Haltbarkeit. Homer, Sophokles, Shakespeare, bei denen gibt es kein Verfallsdatum. Dostojewskij ist auch so einer. Doch in einer anderen Sprache steht oder fällt das mit der Übersetzung. Sie muss standhalten, und sei es nur für eine Generation. „Jede Übersetzung, trotz aller Strenge, ist immer nur Interpretation“, sagt sie. Und dass jede Generation ihre Übersetzung braucht. Weil jede Generation eigene Erfahrungen macht und anders auf die Welt blickt als die vorherigen. Jede Generation braucht eigene Schuhe. Was nicht heißen muss, dass ältere Übersetzungen überholt sind. Swetlana Geier legt ihre rechte Hand auf „Der grüne Junge“. Sie lächelt ihr feines Lächeln, streichelt kurz das Buch und sagt: „Das wird eine Weile standhalten.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben