Literatur : Sage & schreibe

Jedes Jahr erscheinen in Island bis zu 1800 neue Buchtitel, das ist einer auf 166 Einwohner. Hier ist jeder entweder Leser oder Schriftsteller. Oder beides.

Als der dänische Schriftsteller Poul Vad in den 90er Jahren Island besuchte und sich auf die Spuren einer seltsamen Saga begab, schrieb er voller Enthusiasmus in seinen Reisebericht: „Eine Reise nach Island ist die Wallfahrt zu einer Literatur“. So ein Satz freut die Isländer, der bestätigt sie in ihrem Stolz auf die eigene Literatur und lässt sie umso überzeugter von sich behaupten, sie seien das Volk der Bücher, das Land der Erzähler und der Leser. „Fast jeder Isländer ist ein Leser oder Erzähler. Oder beides“, sagt Halldór Gudmundsson, der 1956 in Reykjavík geboren wurde und Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Verleger ist, gleichermaßen Islands oberster Literaturimpresario.

So vollmundig das klingt, so gewissenhaft versucht Gudmundsson seine Aussage zu belegen. Er verweist auf die berühmten mittelalterlichen Island-Sagas, die von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder abgeschrieben worden seien: „Analphabetismus kennen wir nicht.“ Er weiß um den Hang der Isländer zum fröhlichen Fabulieren auch im täglichen Leben, ohne dem Wahrheitsgehalt der Geschichten größere Bedeutung beizumessen: „Man sollte unseren Geschichten nicht immer trauen. Aber man muss sie ja auch erst einmal erzählen können. Allein das ist ja ein Wert an sich.“ Er kann aber auch mit imposanten und nicht zuletzt nachprüfbaren Zahlen aufwarten, war er doch von 1984 an fast 20 Jahre lang Leiter des größten isländischen Verlags, Mál og Menning. 200 bis 250 Neuerscheinungen habe dieser zu seinen Zeiten pro Jahr herausgebracht, wovon 60 bis 70 Prozent aus einheimischer Produktion stammen und der Rest ausländische Lizenzausgaben sind, und das für eine isländische Gesamtbevölkerung von nur knapp 300 000 Einwohnern! Gar 1500 bis 1800 Titel seien es insgesamt, mit denen die 40 isländischen Verlage ihren Mini-Markt versorgen.

Und, da blitzt allerdings der Schalk in Gudmundssons Nacken, man könnte sagen, dass Island nicht nur die meisten Schriftsteller im Verhältnis zur Bevölkerungszahl habe, sondern auch die höchste Literaturnobelpreisträgerdichte pro Kopf in der Welt: 1955 erhielt der isländische Schriftsteller Halldór Laxness den Literaturnobelpreis. Laxness, 1902 geboren und 1998 hochbetagt verstorben, ist ein nationales Heiligtum, das durch so gut wie alle gesellschaftlichen und politischen Wirren des 20. Jahrhunderts hindurchgegangen ist und in dessen Werk sich vielfältige literarische Strömungen wiederfinden.

Laxness war auf Sinnsuche in einem katholischen Kloster, versuchte sich in Hollywood als Drehbuchautor, verstand sich als Sozialist, zeitweise gar als überzeugter Kommunist, der sich gern und oft in der Sowjetunion aufhielt und nicht zuletzt dem Stalinismus aufsaß. Erst 1963, in seinen autobiografischen Reflexionen „Zeit zu schreiben“, rückte er von seinen früheren politischen Überzeugungen ab und gab sich fortan als „skeptischer Humanist“, wie ihn Halldór Gudmundsson nennt. Gudmundsson hat vor drei Jahren eine fast 900 Seiten starke Biografie über Laxness geschrieben, die in diesem Herbst auch auf Deutsch erscheint.

Darin beschreibt er wahrlich erschöpfend das Leben von Halldór Laxness, dem Sohn eines Bauern und Straßenarbeiters, der zum Dandy und Kosmopoliten wird, aber trotzdem heimatverbunden auf Sozialist bleibt. Und der vor allem eines von früh an werden wollte – ein Schriftsteller von Weltrang. So sah er nur zwei Lebensmöglichkeiten für sich: „entweder die Welt so gründlich zu erobern, dass ich sie in der Tasche habe, oder aber völlig vor die Hunde zu gehen“.

Er hat dann tatsächlich die Welt erobert, mit Büchern, in denen der Widerstreit der traditionell ländlichen isländischen Kultur mit der sich immer weiter verfeinernden städtischen Kultur eine große Rolle spielt, in denen der isländischen Bauernkultur genauso ein Denkmal gesetzt wie sie kritisch hinterfragt wird, und mit denen er nicht zuletzt nach eigenen Angaben auch „altisländische Kunstwerke für moderne Menschen“ schaffen wollte. An Laxness kommt auch in der jüngeren isländischen Schriftstellergeneration niemand vorbei, sei es, dass man ihm respektvoll huldigt, sei es, dass man sich intensivst an ihm abarbeitet. Einar Kárason beispielsweise will auf Laxness nichts kommen lassen, „das geht gar nicht, er war nunmal unser Größter, erst recht nach der Verleihung des Literaturnobelpreises“. Wenn Laxness eine Rede gehalten habe und die im Radio übertragen wurde, habe sein Vater lauter gedreht, „wir mussten dann alle still sein und zuhören“, erzählt Kárason, der alle Bücher von Laxness gelesen hat und ihn sich schon in jungen Jahren zum Vorbild genommen hat. Und das nicht ohne Erfolg: Der 1956 geborene Kárason gilt seit seiner in den 80er Jahren entstandenen Romantrilogie „Die Teufelsinsel“, „Die Goldinsel“ und „Das gelobte Land“ wahlweise als „Laxness-Enkel“ oder als der „meistgelesene Erzähler seit den Zeiten eines Halldór Laxness“. Allein von „Die Teufelsinsel“ hat Kárason auf Island fast 35 000 Exemplare verkauft, also an mehr als jeden zehnten Isländer eins. Man kann somit davon ausgehen, dass in jedem isländischen Haushalt zumindest einer seiner auch später zahlreich folgenden Familienromane aus den schmuddeligen Randbezirken der städtischen Gesellschaft steht.

Kárasons Freund und Schriftstellerkollege Hallgrímur Helgason dagegen geht respektlos mit dem Erbe von Halldór Laxness um. Machten schon in seinem Slackerroman „101 Reykjavík“ die Protagonisten ihre Witze über Laxness und riefen „Holy Laxness“, wenn es ihnen die Sprache verschlug, so ist in Helgasons 2001 erschienenen Roman „Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein“ Laxness gleich selbst die Hauptfigur, die es in das Setting seines Romans „Sein eigener Herr“ verschlägt. Der genauso ironische wie komplexe, unter seiner narrativen und historischen Last schwer tragende Roman bescherte Island viel Diskussionsstoff, wurde von vielen Kollegen aber auch begrüßt. So sagt Halldór Gudmundsson, der das Buch seinerzeit in seiner Eigenschaft als Verleger bei Mál og Menning veröffentlichte: „Der Roman stieß Laxness auf eine erfrischende Art von seinem hohen Sockel und machte ihn sogar wieder etwas lebendiger.“

Um Lebendigkeit indes braucht sich die zeitgenössische isländische Literatur nicht zu sorgen, im Gegenteil: Es hat fast den Anschein, als habe in den vergangenen 20, 30 Jahren ein Paradigmenwechsel stattgefunden, als habe der hohe Hipness-Grad des Reykjavíker Nachtlebens auch die isländische Literatur erfasst. War diese zu den hohen Zeiten eines Halldór Laxness in der Regel auf dem Land angesiedelt, spielten in isländischen Romanen eigentlich immer die Natur und die Beziehung des Menschen zu ihr eine Hauptrolle, so gibt es seit Gudbergur Bergssons bizarrem Roman „Das Herz lebt in einer Höhle“, Steinunn Sigurdardóttirs postfeministischen Liebesroman „Zeitdieb“ oder eben Einar Kárasons Slumgeschichte „Teufelsinsel“ zunehmend das Genre des Stadtromans.

Entfremdung, gebrochene Elternhäuser, urbane Szene, lässiges Savoir-Vivre, Probleme mit der modernen Identität zwischen Sage und Globalisierung: All das wird inzwischen in der isländischen Literatur zuhauf verhandelt, in Bragi Ólafssons eigentümlichen Roman „Haustiere“, in dem sich ein Mann unter seinem Bett verkriecht und zusieht, wie andere Leute sich seiner Wohnung annehmen, in Einar Kárasons neuestem Buch „Sturmerprobt“, in dem ein Fake-Dichter so tun soll, als komme er aus dem Milieu der Obdachlosen und Alkoholiker, und auch in den Kriminalromanen eines Arnaldur Indridason, in denen der knorrige Ermittler Erlendur Sveinsson nicht zuletzt mit seiner heroinabhängigen Tochter und seinem alkoholkranken Sohn zu kämpfen hat.

Mit seinen inzwischen sieben Erlendur-Sveinsson-Romanen ist Indridason einer der erfolgreichsten Autoren Islands auch im Ausland, zum Beispiel in Deutschland, wo er die gleichen Auflagenhöhen erreicht wie Henning Mankell oder Arne Dahl. Davon sind Autoren wie Einar Kárason oder Hallgrímur Helgason ein ganzes Stück weit entfernt. Es sei denn, ihre Romane werden verfilmt. Das treibt die Verkaufszahlen ganz erheblich nach oben, wie „101 Reykjavík“ (Helgason) oder „Die Teufelsinsel“ (Kárason) gezeigt haben. Manche Autoren entwickeln aber auch eine Eigenschaft, die Kárason bei seinem Vorbild Laxness als einzige immer als leicht störend empfand: nämlich, dass dieser so sehr hinter seinen Buchverkäufen in Europa und dem Rest der Welt hergewesen sei. Allerdings schränkt Kárason umgehend ein: „Aber das müssen wir ja alle irgendwie.“

Auch Halldór Gudmundsson ist sich darüber im Klaren, gerade da „neben dem Fischfang die Kultur und insbesondere die Literatur die Grundlage unserer Existenz ist“, dass Islands Literatur noch lange kein Selbstläufer ist, ein globaler Exportschlager gar. „Ich wünsche mir, dass Island und insbesondere die isländische Literatur aus der Ecke der Island-Spezialisten herauskommt“, sagt er und arbeitet selbst tüchtig daran mit.

Zum einen organisiert er jedes Jahr ein internationales isländisches Literaturfestival, in diesem Jahr mit dem öffentlichkeitsscheuen südafrikanischen Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee als Eröffnungsredner und Daniel Kehlmann: Damit die Literaturwelt auf die blühende isländische Literaturszene aufmerksam werde. Zum anderen hat Gudmundsson gerade die Unterstützung der Regierung für eine Bewerbung zugesagt bekommen: Island will im Jahr 2011 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Als Vorbild schwebt ihm der Auftritt der niederländischen Literatur in Frankfurt 1993 vor, der als eine der erfolgreicheren Gastlandauftritte in die jüngere Literaturgeschichte einging. „Danach war die niederländische Literatur in aller Munde“, sagt Gudmundsson: „Das müsste uns doch eigentlich auch problemlos gelingen.“

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