Zeitung Heute : Literatur von unten

Erst die erotischen Erinnerungen einer Sizilianierin und nun die einer Marokkanerin – schon wieder erscheint ein neues Buch, das behauptet, allerletzte Tabus zu brechen. Eine Auslese.

Kerstin Decker

Es gibt zwei Arten von Büchern. Die einen werden mit dem Kopf geschrieben; bei den anderen engagiert der Kopf noch einen Co-Autor. Vielleicht ist es auch genau anders herum, und in Wirklichkeit engagiert der Co-Autor den Kopf, es handelt sich also um eine Art Geiselnahme. Wir werden das untersuchen. Der Co-Autor hat viele Talente, nur dass er schreiben kann, glaubt eigentlich keiner. Manche nenne ihn rücksichtsvoll den Unterleib. Normalerweise hört man nichts von ihm, und bei den meisten Menschen äußert er ein Leben lang nicht den Wunsch, der Welt mitzuteilen, was er über sie denkt. Aber wenn er es doch tut, wird es schwierig. Aus mindestens zwei Gründen.

Erstens. Nehmen wir einmal Dresden. Dresden hat eine neue Stadtschreiberin. Eine Stadtschreiberin bekommt ein Gehalt, eine Wohnung umsonst und soll als Gegenleistung dafür die Stadt beschreiben, so dass die Stadt möglichst so aussieht, wie sie aussehen möchte. Das ist die ganz normale Erwartungshaltung an eine Stadtschreiberin. Die Dresdner Stadtschreiberin ist ziemlich schön, ziemlich jung, kann aber bereits auf eine lange erfolgreiche Zusammenarbeit mit ihrem Co-Autor zurückblicken. Und das irritiert die Dresdner jetzt. Bisher hat die Stadtschreiberin vor allem das beschrieben, was ihr Co-Autor wollte. Also nicht unbedingt Städte. Das neue Buch der Stadtschreiberin heißt „Reiche Mädchen“. Die Stadtschreiberin selbst heißt Silke Scheuermann. Und nun haben die Dresdner Angst, dass Dresden auf dem Papier nachher aussieht wie das Zimmer der Hauptheldin von „Reiche Mädchen“ nach dem Sex. Die Dresdner haben schwerste Bombenangriffe hinter sich und eine Flut. Sex bei Silke Scheuermann ist ungefähr so wie beides zusammen.

Die Dresdner sind da noch nicht so offen. Aber ihre Stadtschreiberin kann sich verteidigen. Sie sagt: „Das ist doch Kunst.“ Das ist die Art aller Hauptautoren, ihren Co-Autoren mitzuteilen, dass sie hier nur die Dienstboten sind. Aber das schreckliche Wort ist gefallen.

Kunst. Damit sind wir schon bei Grund zwei, warum der Unterleib als Co-Autor, insofern es sich um schriftliche Äußerungen handelt, heute in der Krise ist. Ist Kunst nicht eine Zumutung? Die Zielgruppe reagiert da ungefähr wie der Chefredakteur des „Focus“. Sie will Fakten! Fakten! Fakten! Also lieber gar nicht lesen. Und bitte keine Kunst. Lesen erinnert so sehr an Kulturtechnik. Bilder sind viel besser.

Der Unterleib als Literat steht in der Gegenwart also mit dem Rücken zur Wand. Wer bemerkt überhaupt noch den Sexus, wenn er zwischen zwei seriöse Buchdeckel gepresst ist? Das ist der Grund, warum jedes Jahr ein Buch erscheint, das behauptet, jedes, aber auch noch das allerletzte Tabu zu brechen. Aus Platzgründen lassen wir die ultimativen Tabubrecher aller vergangenen Jahre und Jahrzehnte weg und nehmen nur die neuen. Und auch nur weibliche. Freud hätte es bestimmt überrascht, dass der weibliche Schoß fast so viele Bücher schreibt wie er selbst, dabei war das in der Psychoanalyse überhaupt nicht vorgesehen.

Im letzten Jahr sind die erotischen Lebenserinnerungen einer 15-jährigen Sizilianerin erschienen. Auf dem Cover stand „Das erotische Tagebuch. Der Bestseller aus Italien. Melissa P. Mit geschlossenen Augen“. Als „Mit geschlossenen Augen“ erschien, war Melissa P. immerhin schon 17.

Sizilien ist ein guter Ort für einen ultimativen Tabubruch, weil dort der Unterleib der Frau tatsächlich erst tabu ist und danach Eigentum der Männer. Und wahrscheinlich haben die Sizilianer bis jetzt nicht geglaubt, dass er spricht und Bücher schreiben kann. Gegen den feuerspeienden Berg zwischen ihren Beinen ist der Ätna ein Anfänger, findet die junge Sizilianerin, formuliert das nur viel direkter. Sie hat das schon zu einer Zeit entdeckt, als ihr Vater noch jedesmal vom Sessel aufsprang und den Sender umstellte, wenn eine Nacktszene im Fernsehen kam. Eine liebe Gewohnheit, die er nicht mehr aufgeben konnte.

Und dann sieht diese Melissa, immer noch 15, bei ihrer Freundin so einen großen, lässigen Jungmann, wahrscheinlich Skilehrertyp, fehlgeleitet nach Sizilien. Genau der Typ, von dem man glaubt, es gäbe ihn nur im Fernsehen, weshalb man jedesmal erschrickt, wenn man ihn in natura vor sich sieht. Und dann benimmt er sich auch genauso wie im Fernsehen. Das ist eines der letzten wirklichen Rätsel der Massenkultur. Ausgerechnet in eine solche Maske verliebt sich Ätna-Melissa, in einen, der sie als erstes fragt: Bist du noch Jungfrau? Und dann wird ihr erstes Mal ein trauriger Blowjob, aber das ist gar nicht schlecht geschrieben, und an dieser Stelle wird es Zeit, die Eingangsbehauptung zu berichtigen, dass es Bücher gibt, die mit dem Kopf geschrieben werden. Das kann schon sein, aber das ist dann Fachliteratur, Mitteilung von Professoren für Professoren, kein Buch im strengen Sinne. Die Geistigkeit eines Menschen hat ihre tiefste Wurzel in der Art und dem Grad seiner Sexualität, hat Nietzsche gesagt. Insofern ist alle Literatur sexuell, auch und gerade da, wo sie nicht sexuell ist, wo sie Stil wird. Das heißt nun nicht, dass Menschen wie Melissa, die in ihrem kurzen Leben schon viel mehr Eruptionen hatte als ihr sizilianischer Nachbarvulkan in Jahrtausenden, darum die allerbeste Schriftstellerin ist. Im Gegenteil, wer aus dem Gefühl heraus Das-ist-ja-total-heiß-was-ich-da-erlebe beginnt, sich mitzuteilen, hat schlechte Karten. Das ist auch der Grund, warum Pornografie meist nur Kitsch mit anderen Mitteln ist.

Schreiben heißt mit Lavaschichten, mit Erkaltungen, umgehen zu können. Man nennt das auch Textökonomie. Seltsam, bei anderen Büchern fragt man nie: Hat der Autor das eigentlich selbst geschrieben? Aber bei Melissa P. denkt man das doch. Der Grundkonflikt allerdings wirkt glaubhaft pubertär. Der Typ, von dem sie plötzlich den Mund voll hat (wohin bloß damit?), und der sie dann nachlässig aus dem Zimmer schiebt, der muss doch kleinzukriegen sein. Mit all dem Magma in ihr drin muss sich diese Gleichgültigkeit doch besiegen lassen. Es gibt Bücher, aus denen kann man eigentlich nicht lesen. Immerhin sitzt man seinem Publikum ja direkt gegenüber. Und was man da vorlesen muss, lässt sich nicht einmal in dieser Zeitung richtig zitieren, denn immerhin wird auch sie vor allem mit dem Kopf geschrieben. Melissa P. hat aus Persönlichkeits- und Jugendschutzgründen nicht einmal einen vollen Nachnamen, aber es gibt sie wirklich. Sie ist im letzten Jahr in Deutschland gewesen. Und sie hat vorgelesen.

Melissas Konflikt lässt sich auch wissenschaftlich interpretieren, dank des Buches „Warum wir lieben“ von Helen Fisher. Darin ist bewiesen, dass solche Skilehrertypen wie Melissas Daniele nicht nur wirklich, sondern sogar möglich sind. Denn für Lust, Liebe und Bindung sind drei völlig verschiedene Stoffe zuständig. Testosteron sorgt für die Lust, das Geheimnis der Liebe aber hört auf den Namen Dopamin (neuronales Aufputschmittel), während Menschen mit zu viel Oxytocin und Vasopressin (Hormone) sich immerzu an irgendwen binden wollen. Das ist die Liebe in den Zeiten des wissenschaftlichen Weltbildes. Melissa will also über Danieles Testosteronspiegel seine Dopaminproduktion steuern, um wiederum dessen Oxytocin- und Vasopressinproduktion anzuregen. Kann sein, das war von vornherein die falsche Strategie.

Bei Nedjma liegt die Sache ganz ähnlich, nur völlig anders. Ihr Buch ist noch tabuloser als das von Melissa P. Man erkennt es daran, dass die Autorin nicht mal mehr einen abgekürzten Namen, sondern überhaupt keinen Namen mehr hat, was sie mit dem schönen Pseudonym Nedjma kompensiert. Aber es gibt nicht nur keinen Namen, es gibt auch kein Bild von ihr. Aus Sicherheitsgründen. Denn die Autorin ist Marokkanerin. Das Buch heißt „Die Mandel“, und vieles spricht dafür, dass die Mandel eine Art Ätna im Ruhezustand ist. Sehr poetisch, doch, doch. Auf so etwas wäre die Stadtschreiberin von Dresden nie gekommen. Und wahrscheinlich auch nicht auf Satzanfänge wie diesen: „Mit diesen Zeilen, in denen sich Sperma und Gebet vermischen…“ Und etwas später: „Es ist mir vollkommen gleichgültig, dass die schwarzen Frauen saftige Geschlechter haben und ganz und gar gefügig sind…“, es folgen kurze Charakteristika der Babylonierinnen, der Perserinnen, der Nubierinnen, um endlich bei den Türkinnen anzulangen. Der Autorin ist es auch egal, dass die Türkinnen „die gefühlloseste Gebärmutter, das giftigste Temperament, das rachsüchtigste Herz und die klarste Intelligenz besitzen“. Woher weiß die das über die Türkinnen? Und hat sie ihnen das schon selber gesagt? Nedjma ist Marokkanerin, die war noch nie in Neukölln, die kennt doch gar keine Türkinnen. Und Babylonierinnen kennt sie auch nicht, keiner kennt mehr Babylonierinnen. Und dann sagt sie, was sie noch viel genauer weiß: „Ich, Badra, verkünde, mir nur einer Sache sicher zu sein: Dass ich das schönste Geschlecht von der Welt habe; es hat die schönste Form von allen; es ist prall, heiß, feucht, duftend und singt wie kein anderes; und es ist unübertrefflich in seinem Verlangen nach harpunengleich sich reckenden Schwänzen.“ – Kann sein, die Stadtschreiberin von Dresden ist jetzt neidisch. Diese bildlose Nedjma sollte man sich doch mal näher angucken!

In einem Hotel in Berlin-Mitte sitzt eine nicht mehr ganz junge Frau mit kurzen Haaren in dickem eierschalenfarbenem Zopfmusterstrickpullover. Das soll die Frau mit dem schönsten Geschlecht der Welt sein? Sitzt da und spricht über den 11.September. Auf alles war ich gefasst, aber doch nicht auf den 11.September. Was hat der 11.September mit den Harpunen zu tun? Wahrscheinlich hat Nedjma die Harpunen von Scheich O. M. Nefzani. Scheich O. M. Nefzani sagte: „Lob sei Gott,/ der die Gerten aufrecht wie Lanzen schuf,/ um in den Scheiden Krieg zu führen…“ Diese Araber, überall müssen sie ihre heiligen Kriege anfangen. Aber kann schon sein, es ist wirklich ein Krieg. Der einzige mit zwei Besiegten und zwei Siegern. Im besten Falle. Ob es Scheich O. M. Nefzani so gemeint hat?

Die Frau, die Nedjma heißt und doch nicht Nedjma heißt und vor allem nicht fotografiert werden darf, spricht noch immer über den 11.September. Ob dem Westen aufgefallen sei, dass die Amerikaner nie eine Zahl der Toten in Afghanistan angegeben haben? Die Frau im Zopfpullover fragt es irgendwie triumphierend. Lanzen, Gerten, Harpunen und die Toten von Afghanistan. Es ist plötzlich alles so durcheinander. Was ich für eine Wut hatte nach dem 11.September, sagt sie, auf die Amerikaner und auf die Islamisten. Und wegen dieser Wut hat sie die Autobiografie des schönsten Geschlechtes der Welt geschrieben? – Genau, antwortet Nedjma. Man könnte jetzt mit sämtlichen abendländischen Denkern über sie herfallen, denn es ist vielleicht doch eine maßlose Überschätzung von Mandeln und Harpunen, in diesen Agenten des Gestaltlosen, der Ich-Auflösung Individualität zu vermuten.

Ich wollte zeigen, sagt Nedjma, dass die Araber kein riesiges undurchdringliches „Wir“ sind, sondern lauter Ichs wie alle anderen Menschen auch. Doch gerade in Nedjmas Schilderungen des Intimsten spürt man die ungeheure kulturelle Distanz. Weil es dort, wo sie herkommt, aus einem marokkanischen Dorf, noch gar kein Intimstes gibt. Weil es noch das allgemein Zugängliche, bloße Handelsware ist: „Um zu prüfen, ob ich eine ihres Klans und ihres Sohns würdige Ehefrau werden könnte, wartete meine Schwiegermutter nicht einmal die endgültige Zustimmung meiner Mutter ab. Eines Tages, als ich im Hamam war, tauchte sie mit ihrer ältesten Tochter dort auf. Die beiden untersuchten mich von Kopf bis Fuß, befühlten meine Brüste, mein Gesäß, meine Knie und die Form meiner Waden. Ich kam mir vor wie ein Schaf am Aid el Kebir, dem Hammelfest am Ende des Ramadan.“

Und vor der Heirat, die die Inhaberin des schönsten Geschlechts der Welt und dieses selbst nicht glücklich machen wird, kommt eine Frau aus dem Dorf und prüft eigenhändig die Jungfräulichkeit der Heiratskandidatin: „Ich habe mich lediglich gefragt, ob sie sich, bevor sie mich ungestraft vergewaltigte, die Hände gewaschen hat.“ Und das alles, um einen Mann zu heiraten, der nicht nur in der Kriegführung, wie Scheich O. M. Nafzani sagen würde, ein glatter Versager ist. Gott muss bei der Schaffung seiner Lanze gerade nicht da gewesen sein. Badra flieht zu ihrer Tante nach Tanger, und dann zu Driss, einem Mann so ähnlich wie Daniele. Auch bei ihm ist der Testosteron-Dopamin-Oxytocin-Vasopressin-Spiegel in eklatantem Ungleichgewicht. „Die Mandel“ wird zur lesenswerten Geschichte einer Obsession.

Kein arabischer Verlag hätte „Die Mandel“ je herausgebracht. Sprechende Co-Autoren, und dann noch weibliche mit eigenem Weltbild? Es ist Nedjmas erstes Buch, sagt sie, zugleich ist es wohl der erste erotische Roman einer arabischen Frau überhaupt. Sie habe ihn nur für sich geschrieben, ohne Hoffnung, ihn je gedruckt zu sehen. Aber ist „Die Mandel“ für den Roman einer Debütantin nicht geradezu aberwitzig raffiniert gebaut? Und plötzlich weiß man, was hier stört. „Die Mandel“ wirkt eine verräterische Spur zu perfekt.

Ein „Vermittler“, sagt sie, brachte ihr Buch einem Verleger in Paris, und der nahm es. Nedjma ist eine eher burschikose Frau. Aber ich bin keine Feministin, erklärt sie immer wieder. Vielleicht, weil man mit dem Wort Feministin nicht unbedingt ungezügelte Lust assoziiert. Andererseits spricht sie wie ein Festgrenzen-Mensch, nicht wie ein Löslichkeits-Mensch. Und wer vom schönsten Geschlecht der Welt als Geisel genommen wird, um dessen Lebensgeschichte zu erzählen, der muss doch ein Löslichkeitsmensch sein. Nedjmas Schuhe sind offen, mit lang herabhängenden Schnürsenkeln wie bei einer 17-Jährigen.

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