LITERATURVERFILMUNG „Cosmopolis“ : Wenn Limousinen träumen

Sabine Horst

Wo schlafen eigentlich all die Stretchlimousinen, die Tag für Tag durch Manhattan gleiten? Und wovon träumen sie? Vom Ende ihrer Knechtschaft? Von einem Leben, in dem sie sich endlich dreckig machen dürfen, ihre gut angezogenen Fahrgäste ausspucken und mit Warp fünf zum Mars düsen?

Eine prächtig ausgestattete Stretchlimo ist der eigentliche Star in David Cronenbergs neuem Film „Cosmopolis“. Der superreiche Investmentberater Eric Packer macht sich um den Wagen mehr Gedanken als, beispielsweise, um seine Frau. Packers ganze Existenz scheint in der Limousine zu kondensieren; sie ist Salon, Schlafzimmer, Bar, Büro und Bunker – eine Hightechlogistikzentrale, Kampfstern eines auf Geld gegründeten Imperiums.

Eric Packer kann Schutz brauchen. Sein Vermögen verdampft gerade, weil sich der Markt nicht so verhält, wie er soll. Und in den Straßen von New York formiert sich Widerstand gegen die Zocker der Wall Street. Geschäfte und Autos werden demoliert, auf dem Gehsteig zündet sich ein Mann an. Der Roman von Don DeLillo, der dem Film zugrunde liegt, ist 2003 erschienen und wirkt rückblickend visionär, weil er nicht nur eine systemische Krise des Kapitalismus andeutete, sondern sogar die „Occupy“-Bewegung vorwegnahm.

Auf der Leinwand wirkt das nicht mehr ganz so originell. Cronenbergs Respekt vor DeLillo macht viele Szenen schwerfällig und zäh. Die Entscheidung aber, die Geschichte visuell in Richtung Science Fiction zu treiben, zahlt sich aus. Der kanadische Regisseur war zuletzt mit dem Psychoanalysedrama „Eine dunkle Begierde“ ins Kostümfach gewechselt, wirklich bei sich aber ist er in den fantastischen Genres, in Filmen wie „Die Fliege“ oder „eXistenz“. In „Cosmopolis“ gelingen ihm giftige, brillante Bilder, in denen die Accessoires des Reichtums fremdartig, beinahe obszön wirken.

Dazu passt, dass Robert Pattinson, der Edelvampir der „Twilight“-Serie, den Protagonisten selbst in Grenzsituationen, beim Sex oder später, als ihm alles entgleitet, beim Morden, mit roboterhafter Entrücktheit spielt. Wie kaum ein anderer Film übers Finanzgeschäft macht „Cosmopolis“ spürbar, in welchem Maß sich die neue Plutokratie vom Rest der Gesellschaft entfernt hat. Verstörend. Sabine Horst

CDN/F 2012, 113 Min., R: David Cronenberg, D:

Robert Pattinson, Juliette Binoche, Paul Giamatti

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