Littells Nazi-Roman : Literatur darf alles

Von Bernhard Schulz

Es ist einfach, dieses Buch zu verdammen. Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“, in Frankreich ein Sensationserfolg, liegt seit diesem Wochenende auch in den deutschen Buchhandlungen aus. Die Rezensionen sind bereits veröffentlicht. Es sind durchweg Verrisse, aber was soll’s; die Öffentlichkeit ist jedenfalls aufgerüttelt. So viel Aufmerksamkeit für Literatur ist selten – weniger verwunderlich jedoch, wenn sie der Hautgout einer pikant zubereiteten Nazi-Geschichte umweht.

Littell, der in der französischen Sprache heimische Amerikaner, hat ein wüstes Werk geschrieben, mit einem Nazi-Täter als Icherzähler, einem SS-Offizier, der überall dabei ist, von Stalingrad bis Auschwitz, und seine Hände mit Blut befleckt. Schnell gefällt ist da das Urteil über die moralische Qualifikation des Autors. Die Einnahme des Täterstandpunktes und die Übernahme der bürokratisch gefühlskalten Sprache der NS-Maschinerie sind als monströs, gar obszön gebrandmarkt worden; da muss man die erotischen Vorlieben des Erzählers, so grell sie in dem 1400-Seiten-Wälzer daherkommen, nicht eigens bemühen.

Im Kern geht es – wieder einmal und immer wieder – um die Frage, ob eine künstlerische Gestaltung der NS-Zeit und ihrer Schrecken zulässig ist, und wenn ja, in welchen Grenzen. Und da bleibt uns die Einsicht nicht erspart, dass alle Grenzen, so einsichtig sie zumindest im Land der Täter gewesen sein mögen, mit zunehmendem zeitlichen Abstand verschwimmen. Wenn Claude Lanzmann, der Schöpfer der bewegenden Dokumentation „Shoah“ von 1985, im Gespräch über Littells Buch darauf beharrt, sein eigener Film sei „eine Quelle, die nicht versiegt“, dann ist dieser Ewigkeitsanspruch ebenso tapfer wie realitätsfern. Geschichte vergeht, sie wird zur Vergangenheit, und erst indem sie Vergangenheit geworden ist, können wir zu ihr dauerhaft Stellung beziehen. Die Historisierung des Holocaust lässt sich nicht aufhalten. Sie spiegelt sich in der Zunahme literarischer Fiktion – einer Fiktion, die sich um jahrzehntelang eingeschliffene Regeln politischer Korrektheit nicht länger schert.

Fiktion ist Littells Hauptfigur, ein hochgebildeter SS-Mann, dessen Moral sich allerdings in der wiederkehrenden Rebellion seines Magens erschöpft. Anstößig wirkt, dass die Verbrechen, die wir mit Blick auf Adolf Eichmann als „Banalität des Bösen“ kennengelernt haben, auf dem Hintergrund, ja im Beisein einer humanistischen Bildung verübt werden, die Littells Erzähler unentwegt vor sich herträgt. Das ist sicherlich fiktiv – auch wenn, nicht zu vergessen, ein Joseph Goebbels promovierter Germanist war –, aber als Fiktion so zulässig wie nur irgendeine literarische Erfindung, und sei es Günter Grass’ blechtrommelndes Dauerkind Oskar Matzerath.

Wie man es auch wendet, man kommt dem Riesenroman über einen amoralischen Intelligenz-Täter mit literarischer wie übrigens auch historiographischer Detailkritik nicht bei. Es geht der wütenden Kritik des Buchs allein um das Tabu, das der Autor verletzt, jenem lange Zeit einvernehmlich befolgten Verbot, hinter dem Adornos Wort lauert, „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben“, sei „barbarisch“. Man kann jedoch nicht nur nach, sondern auch über Auschwitz schreiben. Dass nicht einmal die Bücher von Verfolgten des Streits enthoben sind, hat der „Roman eines Schicksallosen“ des Nobelpreisträgers Imre Kertész gezeigt, der die Gräuel von Auschwitz in der naiven Perspektive eines jugendlichen Häftlings schildert. Geheilt wurde dieser Fauxpas durch die Biografie des Autors, der selbst die Lager überlebt hat.

Darauf kann sich Littell nicht berufen. Er nimmt sich die Freiheit des Nachgeborenen, der allein den monströsen Stoff vor sich sieht. Ob er darüber hinaus den Gehalt und vor allem die Form gefunden hat, die Goethe vom Dichter fordert, ist eine andere Frage. Nur keine, die die Hüter der rechten Gedenkmoral heute noch zu beantworten hätten. Oder gar vorab zu untersagen.

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